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vortrag
In Ihrem Vortrag fordert Anne-Marie Bonnet die Kunstwissenschaft dazu auf, neue Kategorien zu entwerfen, um die Photographie innerhalb der Genese der Bilder zu erfassen und diese nicht auch weiterhin als Hilfsmittel der Diszpilin zu degradieren.
Obwohl schon fast 160 Jahre alt, ist die Bedeutung der Photographie für die Kunst, für die Kunstgeschichte und die Entwicklung des Sehens allgemein in der kunsthistorischen Praxis immer unterschätzt worden. Heute wird deutlich, daß es die Photographie nicht gibt. Zumindest tut man sich selbst keinen Gefallen, wenn man von Daguerrotypie bis zu computermanipulierten Bildern alles unter diesem Begriff subsumiert. Bonnet begreift die Photographie vielmehr als ein visuelles (ästhetisches) Phänomen, dessen Eigenart die Fiktion von Wirklichkeit ist. Die verführerische Nähe der Photographie und ihre Allgegenwart macht uns den fiktiven Charakter nicht immer bewußt.
Warum wurde die Photographie seit ihrer Entstehung von der kunstgeschichtlichen Disziplin bisher so vernachlässigt? Und das obwohl die Photographie seit ihrer Entstehung die Entwicklung von Bildern beeinflußt hat: man malt gegen oder mit der Photographie und ihrer Nähe zur Wirklichkeit. Die Impressionisten waren eine Reaktion auf das neue Wahrnehmungsvermögen. Photographie und Abstraktion entwickeln eine neue Perspektive auf die Welt.
Eine weitere
grundlegende Schwierigkeit im Umgang mit der Photographie bildet
ihre "hybride" (vielfältige) Struktur. Sie erscheint mal
als Dokument, mal in der Werbung oder als künstlerisches
Bild. Letzteres ist für die Kunstgeschichte noch am ehesten
faßbar, da es sich der Struktur klassisch-komponierter
Kunstwerke bedient (Jeff Wall, Cindy Sherman). Die anderen Bereiche
werden jedoch meist ausgegrenzt.
Dieses breite Spektrum von
Praktiken der Photographie führt erneut zu der Frage "was
ist Kunst"?.
Die Kunstgeschichte wird aufgefordert eine Fähigkeit
zur Kritik der Bilder auch außerhalb der Kunst zu entwickeln,
die verschiedenen Praktiken der Photographie zu differenzieren
und deren Wechselbeziehung zu anderen Kunstgattungen zu beleuchten.
Um Stellungnahmen und Diskussionsbeiträge wird gebeten.