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vortrag von
Hierin offenbart sich - so Hans Ulrich Reck - das Dilemma der Kunstgeschichte gleich auf mehrfache Weise. Zum einen erhebt die Kunstgeschichte den Anspruch zu wissen, was ein Bild ist und wie dieses funktioniert. Zum anderen setzt sie voraus das Bilder automatisch Kunstwerke sind, zumindest wenn sie mit ihnen beschäftigt. Sie entlarvt sich somit als eine ‘Bildwissenschaft’, die sich ausschließlich mit 'gereinigten' Bildern auseinandersetzt, Bilder, die dem allgemeinen Konsens von 'Kunst' entsprechen.
Die Kunstgeschichtsschreibung entlarvt sich auch noch Ende des 20. Jahrhunderts als Aufklärungs-
programm des bürgerlichen Subjekts: “Sie widersteht den Phantasmen, den Bedrohungen des Imaginären, kontrolliert seine Obzessionen.” Das von der Kunstgeschichte postulierte Kunstwerk ist statisch und auf die zweidimensionale Reproduktionsoberfläche (Foto/Dia) reduzierbar. Für jede Rezeption von Kunst wird eine rigide moralische, hermeneutische Disziplinierung der Ästethik gefordert und auch präsentiert.
Das Zeitmotiv ist eines der wichtigen Themen in der Kunst der Moderne und daß nicht nur im Film oder im Video. Das von H. U. Reck gewählte Beispiel des ‘Großen Glases’ von Duchamp belegt dieses auch für andere Bereiche und deckt gleichzeitig den Mangel in der Rezeption auf. Eine seltene Aufnahme zeigt das ‘Große Glas’ als das, was es ausgestellt war: Der Bildträger war nicht ein Tableau, sondern das Glas, in (auf) dem man die Motive erkennen konnte, durch das man jedoch gleichzeitig blicken und sich selbst auch spiegelnd sehen konnte. Man konnte sich also selbst beim Sehen zusehen, wobei das klassische Motiv des Spiegels erwähnt wäre und man den Schritt schließlich zu J. Lacans weiterführen könnte.
Das Leitmotiv von Godards Film ist die sich an Descartes anlehnende These:
Cogito ergo video. Diese alte Vorstellung, daß das Auge eine klare
Sicht auf die Welt verschafft (Platos Bild der Wahrheit) wird vom (post)modernen
Bild verworfen. Das Sehen ist jedoch nicht nur Modell der Wahrheit aufzufassen,
sondern eben auch als Quell von Irrtümern.
Die Kunst wendet sich gegen die Kunstgeschichte, die ein klares Bild der
Welt konstruiert. Von der Kunstgeschichte wiederum wird die Kunst mit
einem modernen Bilderverbot belegt, weil die Bilder, die sie entwirft,
nicht dem heilen, sich stringent entwickelnden Weltbild der Kunstgeschichts-
schreibung entspricht. Die Kunstgeschichte müßte ihre Chance
nutzen, um die eigene Wahrnehmungspotenz zu steigern und sich eine visuelle
Kompetenz anzueignen.
Auf zu neuen Bildern! Nicht mehr kleben vor den Meisterwerken!
Um Stellungnahmen und Diskussionsbeiträge wird gebeten.