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Wer hat Angst vor Lady Lilith?
besprechung
Je Einer, Lilith, der in sanften Blick
Und Duft und Kuß und Schlaf sich nicht verfing?
Sieh, da sein Aug entbrannt an deinem, ging
Dein Bann durch ihn; gebeugt bleibt sein Genick,
Und um sein Herz ein drosselnd goldnes Haar. (D.G. Rossetti)
Lilith ist die hexengleiche erste Frau Adams und sie gilt dem Maler und Dichter Dante Gabriel Rossetti als Verkörperung des „gefährlichen Prinzips in der Welt, das von Anbeginn weibliche Züge trägt“.
Schön
sind sie und sinnlich und doch immer der Welt entrückt,
diese Frauen der englischen Maler und Bildhauer um Rossetti,
Edward Burne-Jones und dem Altmeister George Frederik Watts.
Die Züge der Geliebten verschmelzen mit den mythologischen
und biblischen Vorbildern zu allegorischen Porträts eines
Gedankens oder Gemütszustandes. Die Bilder verlassen damit
das vertraute Terrain des klassischen Bildnisses, entheben es
seiner moralischen Pflicht und narrativen Deutung.
Doch der
Blick der Geliebten zum Betrachter ist immer auch ein selbstgenügsamer,
selbstverliebter Blick in den Spiegel, der sich des Mannes nur
bedient. Und so erscheinen auch die milchigen Oberflächen
der Bilder oft wie Spiegel, in dem sich ebenso der Maler und
sein inneres Begehren spiegelt: Die Angst vor der weiblichen
Sexualität und dem eigenen Verderben. Aber offensichtlich
auch die unterschwellige Lust daran; der Marquis de Sade stand
nicht ohne Grund hoch im Kurs. Zugleich aber auch die alte romantische
Hoffnung auf die läuternde Kraft der reinen weiblichen
Seele, die Geliebte als Heilige. Den Symbolismus kennzeichnet
diese Doppelbödigkeit von Idealismus und Dekadenz.
Doch
damit nicht genug. Immer wieder scheinen die Maler in ihren allegorischen
Frauenporträts und persönlich gedeuteten Mythen auch
die eigene Weiblichkeit zu erproben, das eigene soziale Geschlecht
in Frage zu stellen. Die Androgynität vieler Figuren fällt
ins Auge. Doch im 19. Jahrhundert wird natürlich stets nur
gefragt, was die Frau für den Mann ist: Verführerin
und Heilige oder Agens zur Entdeckung eigener Feminität.
Die Betonung von Innerlichkeit, von Traum und Psyche einerseits und die Loslösung von Bedeutung, die Betonung von Form und Farbe bis hin zum Dekorativen andererseits, kennzeichnen den Symbolismus als wichtige Schnittstelle zwischen Akademie und Moderne, von der Abstraktion bis hin zum Surrealismus.
Bocca Baciata - lautet in Anlehnung an eine Novelle Bocaccios der Titel eines Bildes von Rossetti: „Der Mund, der geküßt wurde, verliert nicht seine Frische“. Läßt sich nur noch ergänzen: auch die Ausstellungsräume, die im Sinne der symbolistischen Farbsymbolik gestrichen wurden - rot wie die Liebe und grün wie die Hoffnung - verlieren nicht ihre Frische und im Sinne Swinburnes als Kritiker: „Überwältigender als sich mit anständigen Worten sagen läßt.“