kunst_article
where to start from
besprechung
Stringent entwickelte der heute sechzigjährige Italiener sein Konzept,
indem er die Kunst von ihren Titeln löste und nur die Beschriftung
übrig ließ. Auf einer rote Leinwand brachte er die Neonschrift
„red“ an. Eine rote Neonröhre endete mit den Worten „red
line“. Er ließ ein Flugzeug über die Biennale von
Venedig einen Banner ziehen mit der Aufschrift „das Bild des Himmels“.
Auch in Photoarbeiten ließ er die Schrift in Konkurrenz zum Bild
treten. Die leuchtenden Neonschriften dominieren in der Gegenwart sein
Werk. Nach der „red line“ begannen die Schriftzeichen in Bewegung
zu geraten. Sie überlagerten, dehnten sich und schoben sich übereinander
bis an die Grenze der Lesbarkeit.
Das Wort ART beispielsweise, so Helmut Friedel bei der Eröffnungsrede,
könne von einem Deutschen auch als RAT gelesen werden, von
einem Italiener hingegen als TRA (ital. 'durch'). An den Vorzug,
den man bildender Kunst vor der Schrift gemeinhin gibt, nämliche
ihre internationale Verständlichkeit, werde auf diese Weise zumindest
wieder angenähert. Am Patentamt verwendete Nannucci die dort üblichen
Amtsprachen Deutsch, Englisch und Französisch, wo er außer
den bereits zitierten Sätzen installierte „La Question n’est
pas la non plus“ (Es gibt auch keine Frage), „Decouvrir
differentes directions“ (Verschiedene Richtungen entdecken),
„Ein anderer Begriff des Möglichen“, „Mehr
als das Auge sehen kann“ und „Open to undefined meaning“.
An der Germeringer Stadthalle im Münchner Westen ließt man
aber auf lateinisch „Id quod erat demonstrandum“ und
auf italienisch „non monologo ma dialogo“ anbringen,
ohne daß die Germeringer besonders für ihre Latein- oder Italienischkenntnisse
bekannt wären. Mancher Betrachter wird auf diese Weise vom Verständnis
ausgeschlossen. Doch auch Kunst ohne Worte wird allzu oft nicht oder mißverstanden.
Dieses Spiel mit der kognitiven Erschließbarkeit des Werks entwickelt
zudem Eigendynamik. Denn das Bezeichnende entspricht nicht dem Bezeichneten.
Oder der Warenwelt entliehen einfacher: „Es ist nicht drin, was drauf
ist“. Die Gemeinplätze, und um solche handelt es sich in der
Regel, laufen nicht konform mit ihrem Hintergrund, obwohl sie doch mit
der Architektur und dem Raum in Beziehung treten. „You can imagine
the opposite“ steht am Münchner Lenbachhaus. Das Gegenteil
wovon? Des Gebäudes? Seiner kulturellen Nutzung? Seines Bestehens?
Oder das Gegenteil des Schriftzugs? Das Haus ohne Schriftzug oder mit
einem anderen Werk an seiner Stelle?
„Zuerst sieht man aber die leuchtende Farbe“, so der Künstler,
noch "bevor man die Bedeutung erfaßt". Noch bevor man
also tiefer einsteigt, wird die Reihe von Schrift- zu Raumzeichen, auf
das unwillkürliche Aufmerken folgt eine Irritation der Wahrnehmung
und die physische Annäherung. Die Erfahrung der Umgebung, insbesondere
innerhalb der Stadt ändert sich: Bezüge zu „profanen“
Lichtern wie Neonreklame und Ampeln treten auf.
Auf die Eingangsfrage „Where to start from?“ läßt
sich nurmehr entgegenen „Where to end?“ Die Frage nach der Kunst
stellt sich nicht, „n’est la non plus“.
milena greif
Fotos: Pressefotos u.a. von Michael Weseley, Galerie Walter
Storms