Skip to content

Review

12 Tage

Wahnsinn und Gesellschaft

Der Blick der ganz normal Verzweifelten

Wahnsinn und Gesellschaft

Ganz ruhig verhält sich die Kamera zur Situation. Wir sitzen mit ihr in einem nüch­ternen Raum. Ein Schreib­tisch, Stühle. Wer hinter dem Schreib­tisch sitzt, hat seinen festen Platz in der fran­zö­si­schen Gesell­schaft. Wer vor ihm zu sitzen kommt, hat vor genau zwölf Tagen einen neuen Platz außerhalb der Gesell­schaft zuge­wiesen bekommen: Er wurde zwangs­weise in die Psych­ia­trie einge­lie­fert. Laut fran­zö­si­schem Gesetz erhält er nun nach einer Frist von zwölf Tagen eine Anhörung vor einem Richter, der aufgrund einer einma­ligen Befragung entscheidet, ob die Einwei­sung Bestand hat. Wenn dies der Fall ist, verlän­gert sich die Inter­nie­rung auto­ma­tisch auf weitere sechs Monate, dann erst kommt es zu einer erneuten Anhörung. Scheitert diese wieder, folgen noch einmal sechs Monate geschlos­sene Anstalt. Und so weiter. Die Anhörung nach zwölf Tagen ist vor diesem Hinter­grund eine Entschei­dung über Leben oder Vege­tieren, zwischen gesell­schaft­li­cher Reha­bi­li­ta­tion oder der sozialen Aussor­tie­rung.

Raymond Depardon, der 1942 geborene Groß­meister des Direct Cinema, dessen Prinzip die nicht inter­ve­nie­rende oder inter­agie­rende Beob­ach­tung ist, hat diesen Film über »Wahnsinn und Gesell­schaft« gemacht. Seinem Film hat er ein Zitat von Foucault voran­ge­stellt: »De l’homme à l’homme vrai, le chemin passe par l’homme fou.« – Der Weg vom Menschen zum wahren Menschen führt über den Wahn­sin­nigen. Der Wahnsinn jedoch hat Methode, das zeigt der Film. Mit nüch­ternem Stil, der sich außer einer spärlich gesetzten, dezenten Musik von Alexandre Desplat keine Schnörkel erlaubt, seziert Depardon die Mecha­nismen eines Systems, das kein Mitleid kennt. Zehn Fälle verfolgen wir; oft sind wir empört.

Depardon kommt ursprüng­lich von der Foto­grafie her, er war in den Anfängen seiner Berufs­lauf­bahn ein gefei­erter Magnum-Foto­jour­na­list, der mit spek­ta­ku­lären Aufnahmen politisch-sozialer Ereig­nisse Foto­gra­fie­ge­schichte geschrieben hat. Besonders im Gedächtnis geblieben sind seine Wüsten­fotos, sein Spielfilm Un homme sans l’Occident (Vom Westen unberührt) (2002) taucht in diese Tuareg-Welt ein. In seinen Doku­men­tar­filmen hat sich Depardon seit jeher den Geschichten vor Ort gewidmet. Neben einer Serie über die Situation der Bauern in seiner Herkunfts­re­gion Vill­e­franche-sur-Saône – Profils paysans: L’approche (2001), Profils paysans: le quotidien (2005), La vie moderne (2008) – durch­leuchtet er, und darin ist er dem ameri­ka­ni­schen Direct-Cinema-Meister Frederick Wiseman ähnlich, geschlos­sene Systeme und Hand­lungs­räume.

12 Tage knüpft an eine Serie von Filmen an, in denen Depardon die Mechanik der admi­nis­tra­tiven Appa­ra­turen mit seiner analy­ti­schen Methode deutlich werden lässt. Bereits in 10e Chambre (2004) zeigte er den Menschen vor der macht­vollen rich­ter­li­chen Instanz und wie der Staat gegen das ohnmäch­tige Indi­vi­duum losge­lassen wird. Faits divers (Vermischte Nach­richten) (1983) folgte einer Poli­zei­ein­heit bei ihren Inter­ven­tionen in das reale Leben; auch hier erfuhr man das Einbre­chen der Staats­macht in die Privat­heit. Weiter ging es mit Délits flagrants (1994), wo die »auf frischer Tat« (so die Über­set­zung des Titels) Ertappten vom Staats­an­walt befragt werden.

Wie im Kammer­spiel entfalten seine präzise gefilmten Doku­men­ta­tionen nahezu klaus­tro­pho­bi­sche Momente, die spürbar werden lassen, dass man der Geset­zes­macht nicht entkommen kann. So ist es auch in 12 Tage. Zwei Ebenen werden dabei zum Austra­gungsort der sich im Seelen­leben der Prot­ago­nisten abspie­lenden Ereig­nisse: der Körper und die Sprache. In beiden mani­fes­tieren sich die Distink­ti­ons­merk­male von Macht und Ohnmacht. Während die Amtsträger kerzen­ge­rade hinterm Schreib­tisch sitzen, versuchen sich die Patienten buchs­täb­lich aus ihrer Zwangs­lage heraus­zu­winden. Gebeugt sitzen sie auf ihren Stühlen, drehen und wenden ihre Ober­körper, als würden sie flehen und fliehen wollen zugleich.

Die im Verhand­lungs­zimmer verlaut­barte Sprache zeigt das ganze Gefälle. Die Amts­sprache der fran­zö­si­schen Admi­nis­tra­tion ist über die Maßen formel­haft, errichtet mit lati­ni­siertem Satzbau und gespreizter Wort­stel­lung unüber­wind­bare Kommu­ni­ka­ti­ons­bar­rieren; auf diese prallen schmerz­haft die Indi­vi­duen mit ihrem Ringen nach Worten und den Erzäh­lungen unter den Nach­wir­kungen eines Traumas.

Für das eigent­lich Wahn­sin­nige der »Staats­raison« hält Depardon das System an sich. Daraus macht er durch seine Kamera, die auch in den Richtern und Rich­te­rinnen immer wieder Verzwei­felte oder zumindest Zwei­felnde entdeckt, keinen Hehl. Die Gespräche mit den Patienten erlauben weder dem Beob­achter noch dem Insider Urteile, und doch wird hier in Serie geurteilt und über Menschen­leben bestimmt. Wir sehen einen kompro­miss­losen, verqueren Huma­nismus, der sich unter dem Deck­mantel, doch nur das Beste zu wollen, gegen den Menschen in seiner Humanität wendet. Mit 12 Tage hat Depardon ein packendes Meis­ter­werk profunder, analy­ti­scher und konzen­trierter Gesell­schafts­kritik geschaffen.