Review
120 BPM
Der wilde Schlag der Herzen
Der wilde Schlag der Herzen
Politik mit dem Körper machen, den Körper politisch verstehen lernen und Worte Handlungen werden lassen: in der Performance gibt es keine Repräsentation, nur Unmittelbarkeit. Das macht sie seit den 1968ern so wirkungsvoll für jedweden politischen Kampf. »Act up«, eine aktivistische und streckenweise auch militante Gruppe im Kampf gegen Aids, hatte sich Ende der 1980er Jahre in den USA formiert und wurde zu Beginn der 1990er Jahre auch im von HIV starkt betroffenen Frankreich aktiv. Ihre Grammatik des Kampfes war ein Wechselspiel aus Reden und Handeln, das stets ins Performative überging. Sit-ins und Die-ins waren ihr Vokabular, Blutbeutel und Kondome ihr Inventar. Ziel war es, Aufklärung zu schaffen, um eine drohende Epidemie abzuwenden.
Auch Regisseur Robin Campillo war Teil der Pariser Act-up-Bewegung, der er sich unmittelbar nach seinem Studium anschloss. Sein Film 120 BPM (»beats per minute«) handelt von dieser bewegten Zeit. In ihm lässt er noch einmal die Atmosphäre der Debatten von damals wirken, die aufgeheizte Stimmung, den Druck, der aus der Lebensbedrohung durch den Virus entstand. Hier flackert noch einmal eine ganz andere Art der Debattenkultur als die heutige auf, wenn sich jeder nur in kurzen Interventionen äußern darf, Zustimmung durch Fingerschnipsen, Ablehnung durch einen zischenden Laut bekundet wird. Es geht um das Für und Wider von geplanten Aktionen, in denen man den größten Feind angriff: die Pharma-Lobby, die kein Interesse an pharmazeutischer Forschung und einer Entwicklung von wirksamen Medikamenten hatte. Schließlich galt Aids anfänglich als Krankheit der Homosexuellen und Drogenabhängigen und wurde moralisch als »Strafe« für den gelebten Exzess verurteilt.
Campillo, der bislang vor allem als Drehbuchautor bekannt wurde, schrieb 2008 Laurent Cantets konzentriertes Kammerspiel Die Klasse. Es war ein Aufklärungsstück in Worten, eine mitreißende Sprech-Performance, die beim Entstehen der Gedanken zusehen ließ. Auch 120 BPM funktioniert in weiten Teilen als Kammerspiel und wird von einer Atmosphäre der Aufklärung getragen, ist in seiner Eloquenz und Vehemenz auch sehr französisch. Im Hörsaal, in dem die Meetings der immer zahlreicher werdenden Aktivisten stattfinden, wird heftig diskutiert, aber nicht um des Redens, sondern um des Handelns Willen.
Dabei wird deutlich, wie der Körper damals – ähnlich wie 1968 – aufhörte, privat zu sein, und wie der infizierte Körper im Engagement politisch wurde. Biographien ordneten sich dem Anliegen unter, das Individuum ging in der Bewegung auf. »Ich habe dich nie gefragt, was du sonst so machst im Leben«, fragt während einer Versammlung einmal Nathan den agilen Sean. »Da bin ich HIV-positiv, das ist alles«, sagt er. Leben ist für ihn der Kampf ums Überleben, gegen den Tod, und dieser Kampf kann privat und allein nicht geführt werden, nur im politisch-aktivistischen Engagement, um die Medien wachzurütteln und der Pharma-Lobby einzuheizen. Die Intimitäten, die folgen, die den Plot neben den Debatten ausmachen, spielen sich so auch immer unter dem Zeichen des übergeordneten Themas ab. Man kann sagen: der Plot ist insgesamt ganz und gar zugerüstet auf das Anliegen. Was woanders jedoch nervt, zeigt sich hier als wohltuende Anti-Romantik und Konzentration auf eine Mechanik des Widerstands.
So ist auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Nathan und Sean ergibt, im Grunde genommen eine weitere Veranschaulichung des tragischen und des ungerechten Tods. Wo durch Sex Ansteckung droht, wird Sex problematisch, wenn der eine leben, der andere aber sterben wird, kann man sich nur bedingt auf den anderen einlassen. Das ungleiche Paar ist eine Vereinigung der Gegensätze, auch, um eine selbstlose Solidarisierung zu zeigen: Nathan ist nicht infiziert, er ist gekommen ist, um zu helfen. Gespielt wird er von Arnaud Valois, der bereits bei André Téchinés La fille du RER zu sehen war. Sean ist ein charismatischer Identifikationsträger, ganz im ikonographischen Zentrum des Films, und dient als Symbol für die Bewegung, für das Auflehnen gegen das dramatische Sterben. Er wird leidenschaftlich verkörpert vom argentinischen Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart, der sich aufgrund seiner vergangenen Filme auch als Hoffnungsträger für ein neues, lebendiges Kino eignet: Mitgewirkt hat er in den letzten Jahren u.a. beim Argentinier Eduardo Williams, der letztes Jahr mit The Human Surge einen regelrechten Hype in der Festivalcommunity ausgelöst hat, außerdem in Maria Schraders Vor der Morgenröte und in Nele Wohlatz' The Perfect Future. Daneben sei noch Adèle Haenel erwähnt, die eine lesbische Aktivistin spielt. Sie hat zuletzt u.a. bei Arnaud des Pallières Orpheline mitgewirkt, auf dessen Kinostart man in Deutschland vergeblich wartet.
120 BPM lässt immer wieder auch den titelgebenden Beat ertönen, als Technomusik, die Anfang der 1990er ihren Durchbruch hatte. Die Reinszenierung ausgelassener Gay Prides erinnert daran, dass es noch etwas anderes gab als die Verzweiflung, was einen damals auf die Straße gehen ließ. Alles war gesättigt von unbändiger Vitalität, so erzählt uns der Film im Eindruck des heraufziehenden epidemischen Tods.
In der Inszenierung vermeidet es Campillo, nur ein Erinnerungs- oder gar sentimentales Rührstück zu zeigen. Auch hier rettet ihn das Performative, das mit Kraft die Gegenwärtigkeit, die Präsenz der Schauspieler-Körper oder des mit Worten und Taten ausgetragenen Diskurses auf die Leinwand wirft. In den Bildern steckt so auch eine mitreißende Solidarisierung mit der heutigen französischen Jugend und ihrer neu erwachten politischen Protestkraft, die sich als »Nuit debout« gegen die Jugendarbeitslosigkeit und unter dem Eindruck von »Bataclan« und »Charlie Hebdo« wieder auf den Straßen von Paris manifestiert.