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Review

15 Jahre

Hochkultur verrecke!

Filmszene »15 Jahre«
Einmal Klavier, immer Klavier... (Foto: Wild Bunch / Central Film)

Hochkultur verrecke!

Chris Kraus’ Fortsetzung seines großen Erfolges ist so vorhersehbar wie überraschend, vor allem aber wegen der aufregenden Performance von Hannah Herzsprung sehenswert

»It’s better to burn out than to fade away.«
– Neil Young, My My, hey hey (Out of the Blue)

Es passiert eher selten, dass ein vor fast zwei Jahr­zehnten gesehener Film noch Bilder, ja sogar Emotionen hervor­ruft. Chris Kraus‘ Vier Minuten aus dem Jahr 2006 ist so ein Film. Und das nicht nur wegen der unge­wöhn­li­chen Geschichte, die sich mit der 20-jährigen »System­spren­gerin« Jenny beschäf­tigt, die (unschuldig) wegen Mordes einsitzt und kurz nach Antritt ihrer Haft­strafe auf die Pianistin Traude trifft, die im Frau­en­ge­fängnis Klavier­un­ter­richt gibt. Traude erkennt die musi­ka­li­sche Hoch­be­ga­bung Jennys, unter­richtet sie und baut trotz Jennys mangelnder Impuls­kon­trolle eine musi­ka­li­sche, aber auch eine private Beziehung zu ihr auf, die Kraus dazu nutzt, nicht nur ein unge­wöhn­li­ches Bezie­hungs­ge­füge zu konstru­ieren, sondern die Geschichte auch klug mit Dritter Reich-Historie zu verzahnen.

Vier Minuten endet emotional mit einem völlig ambi­va­lenten Happy End, das nicht nur durch die erzählte Geschichte, sondern auch durch seine über­ra­genden Haupt­dar­stel­le­rinnen Monica Bleibtreu als Traude Krüger und Hannah Herz­sprung als Jenny von Loeben zu einem groß­ar­tigen Film wurde. Zwar bekam Hanna Herz­sprung damals »nur« den baye­ri­schen Filmpreis für die beste Nach­wuchs­dar­stel­lerin – aber nur, weil Monica Bleibtreu den für die beste Haupt­dar­stel­lerin erhielt. Doch für Herz­sprung war es dann auch der Start in eine erfolg­reiche Karriere, die zwar immer wieder an unglück­li­cher Rollen­aus­wahl gelitten hat – man denke nur an die unsäg­liche Lehre­rin­nen­rolle im letzten Aufguss von Das fliegende Klas­sen­zimmer im letzten Jahr – aber dennoch das gehalten hat, was sie damals mit der Rolle der Jenny verspro­chen hatte.

Und da das Schicksal ja manchmal doch seine gerechten Momente hat, erhält Herz­sprung 9.460.800 Minuten nach Vier Minuten doch noch den Baye­ri­schen Filmpreis als beste Haupt­dar­stel­lerin. Und wieder ist es die Rolle der Jenny, für die Herz­sprung ausge­zeichnet wird, aller­dings für die Fort­set­zung, die, so wie der Titel es mehr als andeutet, 15 Jahre nach Jennys furiosem Abschluss­kon­zert einsetzt.

Was in den 15 Jahren passiert ist, ist dann auch schnell erzählt und genauso schnell ist auch klar, dass 15 Jahre in Haft noch keinen neuen Menschen machen, sondern Jenny ganz die alte ist – trotz ihres Versuchs, in einer christ­li­chen Reso­zia­li­sie­rungs­gruppe ihre System­spren­ger­ge­fahr in den Griff zu kriegen. Und als ob es die 18 Jahre seit Vier Minuten nicht gegeben hat, versenkt sich Herz­sprung in diese Rolle und spielt sie so furios wie damals, ist ihr Spiel sogar noch diffe­ren­zierter, vor allem die leicht verschleppte Arti­ku­la­tion, die in wunder­barem Einklang mit ihrer verschleppten Körper­sprache steht und sich nur dann auflöst, wenn Musik im Raum erklingt oder diese Wut, diese herrliche, diese unbe­re­chen­bare Wut, die alle nur mögliche Kritik an einer verlo­genen Hoch­kultur auszu­drü­cken scheint, sich in ihr zu regen beginnt.

Was Kraus macht, um diese Momente zu provo­zieren, ist dann aller­dings so abstrus, grotesk und melo­dra­ma­tisch, dass man sich als Zuschauer wirklich entscheiden muss, mitgehen zu wollen. Geht man mit, machen auch die anderen Darsteller, machen Albrecht Schuch, Hassan Akkouch oder Christian Friedel und ihre Geschichten Spaß, ist es dann auch die wilde Emotio­na­lität von damals, die wieder lebt und einen weiteren Film so durch­tränkt, als würde der alte Punk der 1970er und 1980er an die Tür klopfen und Eintritt fordern, was Jenny im Lauf des Films dann auch ganz im Sinne Neil Youngs (und Johnny Rottens) formu­liert: »So lang du lebst, verschwende dich!« Und es ist dann auch das Unbe­re­chen­bare des Punks, was diesen Film besonders macht, weil er sich einfach nicht um die konven­tio­nellen Erzähl­ste­reo­typen des deutschen Films kümmert, sondern macht, was er will.

Wie er das macht, kann dann jedoch genauso schmerz­voll sein, geht man nicht mit, entscheidet man sich nach der ersten halben Stunde gegen diesen Weg, der eben nicht mutig, sondern feige ist, weil Vier Minuten mit über­großen Gesten und über­am­bi­tio­nierten, erzäh­le­ri­schen Bausteinen einfach noch einmal erzählt wird. Auch hier gibt es wieder Schatten der Vergan­gen­heit, die bewältigt werden müssen, und eine Gegenwart, die im Schatten dieser Vergan­gen­heit steht und dementspre­chend versehrt ist. Wie viel span­nender wäre es doch gewesen, Herzprung einmal nicht die Rolle spielen zu lassen, die ihr – einem Fluch gleich – auf den Leib geschrieben scheint und die sie viel­leicht schon einmal zu oft gespielt hat. Was für ein anderer Film hätte das sein können, eine Jenny zu sehen, die es endlich einmal anders macht, die sich wenigs­tens ein kleines bisschen, ein klein wenig unvor­her­seh­barer entwi­ckelt hat.

Was bleibt, sind dafür ein paar andere Über­ra­schungen und die wie auch immer gelagerte Gewiss­heit, dass es ein Prequel nicht geben dürfte, denn das hat Nora Fing­scheidt mit ihrem System­sprenger bereits vor ein paar Jahren reali­siert.