Review
1917
Die wunde Seele des Wahnsinns Krieg
Die wunde Seele des Wahnsinns Krieg
»In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.
...« – In Flanders Fields, John McCrae
Bis ich mit meinem englischen Freund Simon 2014 die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in Ypern besuchte, hatte ich nicht einmal eine Ahnung davon, was der 1. Weltkrieg für den Commonwealth bedeutet, die Sieger von damals. Wie Besucher aller Generationen aus allen Teilen des Commonwealth – vor allem jeden Frühling und Sommer – rote Mohnblumen-Imitate auf die Gräber ihrer Vorfahren legen, wie Schülergruppen aus allen Teilen Englands der Gefallenen ihrer Schulen gedenken, an den Irrsinn eines der schlimmsten Kriege erinnern und an den Gräbern die Gedichte der großen Poeten dieser Jahre rezitieren. Eine Erinnerungskultur, die Deutschland wohl guttäte, die aber wohl allein deshalb schon nicht etabliert werden konnte, weil sie die Verlierer (und Verursacher) gleich doppelt und dreifach schmerzt und hinterfragt.
In diesem Kontext ist auch die unermüdliche filmische Auswertung und Aufarbeitung dieser Zeit zu verstehen, die sich bis in die jüngsten Jahre nicht nur der so weit entfernten Historie der ANZAC-Truppen (Australian and New Zealand Army Corps) wie etwa in Peter Weirs Gallipoli (1981) oder Russell Crowes Das Versprechen eines Lebens annahm, sondern auch die Lebenslinie von Menschen und Autoren erklärt, wie etwa der erst letztes Jahr erschienene Tolkien, der deutlich machte, dass Tolkiens Werk ohne seine Traumatisierung im 1. Weltkrieg eigentlich nicht denkbar ist.
Auch Sam Mendes' Kriegsfilm 1917 ist ohne diese beeindruckende Erinnerungskultur und die Traumatisierungen der eigenen Familie nicht denkbar. Mendes verweist in einem Interview mit der britischen »Times« auf seinen Großvater Alfred, einen Veteranen des 1. Weltkriegs, der ihm als Kind Geschichten aus der Zeit des Krieges erzählt habe, eine davon sei im Kern auch jene, die er nun filmisch erweitert wiedergebe: »It’s the story of a messenger who has a message to carry. And that’s all I can say. It lodged with me as a child, this story or this fragment, and obviously I’ve enlarged it significantly. But it has that at its core.«
Mendes erweitert die Geschichte seines Großvaters um einen zweiten Boten, der mit dem ersten ausgeschickt wird, eine Nachricht zu überbringen, die eine britische Einheit vor einem Hinterhalt der Deutschen warnen soll. Mendes versucht dem Wahnsinn dieser so lebensmüden wie überlebenswilligen und pflichtschuldigen Querung der feindlichen Linien vor allem durch lange Einstellungen gerecht zu werden. 1917 geht dabei zwar nicht den Weg wie Sebastian Schipper in Victoria mit seiner einzigen Kameraeinstellung, doch Mendes erzeugt zumindest die Illusion davon. Immer bei ähnlich bewölktem Wetter gedreht und nur von einer zeitlich unklaren Bewusstseinsverlust-Szene unterbrochen, verschmelzen erzählte und erlebte Zeit zu einem zerplatzenden Amalgam des Grau(-ens), das durch die überragende Kamera von Roger Deakins und das so eindringliche wie zurückgenommene Score von Thomas Newman noch einmal unterstrichen wird.
Doch trotz der schauspielerischen dichten Leistungen von George MacKay als Lance Corporal William Schofield und Dean-Charles Chapman als Lance Corporal Tom Blake und Special Effects, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion einmal mehr verwischen, fehlt 1917 eine gleichwertige emotionale Dichte, die ein Film wie Mel Gibsons Hacksaw Ridge, der ähnlich zermürbend einem fast hoffnungslosen Unternehmen im Herzen der Front nachspürt, durchaus erzeugt. Das mag daran liegen, dass Mendes, der mit Jarhead (2005), dem Porträt eines einfachen Marines im ersten Golfkrieg, durchaus schon ähnliche Kriegserfahrungen »gesammelt« hat, auch hier die (filmästhetische) Struktur und abstruse Absurdität von Kriegshandlungen mehr noch als die persönliche Geschichte in den Vordergrund stellt. So erfahren wir von den eigentlichen Protagonisten trotz der etwas mehr als 110 Minuten Filmlänge im Grunde sehr wenig. Stattdessen sehen wir Lance und Dean durch mal unversehrte und dann wieder versehrte Landschaften oder Ruinenfelder laufen, hören spärliche Dialoge, folgen sinnentleert und gebannt den physikalisch konsequenten Abläufen von aufeinanderfallenden Dominosteinen, mit der leisen Hoffnung, dass der Mensch sich doch bitte endlich einmal diesen Prozessen entziehen möge.
Nur am Ende, als Mendes eine Gruppe singender und betender Soldaten in einem Waldstück zeigt, die kurz davor stehen, ihren suizidalen Angriff auf die Deutschen zu starten, gelingt Mendes genau das, was dem Film über weite Strecken fehlt – die wunde, so irre wie schöne Seele des Wahnsinns Krieg bloßzulegen.