Review
300 – Der Film
Morgenrot des Todes
Morgenrot des Todes
Braun ist das neue Schwarz und der Muskel ist das neue Hirn: Wie Zack Snyder und sein Film 300 die Thermophylenschacht als Kitschpostkarte verfilmt, die Geschichte umdefiniert – und noch so manches andere
»This will not be over quick. And you will not enjoy it«, heißt es an einer zentralen Stelle dieses Films, einer schwülstigen Sexszene, in der ein böser opportunistischer Politiker und Verräter die hehre Spartanerkönigin von hinten vergewaltigt. Und so geht es auch dem Zuschauer: Alles dauert zu lang, und macht keinen Spaß.
300 barbarische Selbstmordkrieger aus einem totalitären Stadtstaat in Griechenland kämpfen gegen die Armee einer zahlenmäßig wie technisch
überlegenen, aber ein wenig verweichlichten Zivilisation aus dem Osten – so oder so ähnlich ist ungefähr der Plot von 300, Zack Snyders schepperndem Animationsspielfilm nach Frank Millers gleichnamigem Comic. Der Film ist vieles in allem: Martialische Schlachteplatte, verkappter Schwulensoftporno und Futter für Nerds, Kulturpessimisten und frustrierte Altphilologen gleichermaßen. Kurz: Hollywood am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Kein Wunder, dass sich jetzt auch die Iraner so richtig aufregen.
Achmed Dschihad, bei dem keiner so ganz sicher ist, ob es sich nicht eigentlich um eine Erfindung des Weißen Haus handelt, um Wahrheit also um Ben Stiller, der von einem Studio in der Wüste von Nevada aus im Auftrag der CIA den Erzfeind Amerikas gibt, der iranische Präsident also, hatte vergangene Woche wieder mal Grund, beleidigt zu sein. Ein »Propagandawerk zur Verunglimpfung des iranischen Volkes und der „persischen Kultur“« sei 300, behauptete die Regierung in Teheran, und warf dem Westen vor, mit diesem angeblich von der Bush-Regierung finanzierten Film „psychologische Kriegsführung“ zu betreiben, und die Kriegsstimmung in Amerika anzuheizen. Auf Teherans DVD-Schwarzmarkt sind Raubkopien von 300 zwar derzeit ein Hit. Doch mit der Begründung, Zack Snyders Film sei »untrennbar mit den konzertierten Bemühungen in bestimmten westlichen Interessenkreisen verbunden, die iranische Nation zu dämonisieren«, hat Teheran nun bei den Vereinten Nationen Protest eingelegt.
Da täte man Zack Sznyder allerdings echt etwas zu viel der Ehre an. Und solche Vorwürfe verraten letztlich vor allem etwas über den Iran, ein Land, das in punkto Überwachung und Totalitarismus, dem antiken Sparta, zumindest jenem Mythos im erschreckt faszinierten Spiegel des Humanismus, tatsächlich ähnlicher sieht, als Athen, Rom und seinen Nachfolgern. Ganz glaubhaft ist die Überraschung allerdings nicht, mit der die verantwortlichen Studiobosse jetzt auf die verschiedenen politisch kulturellen Lesarten des Films reagieren. Denn Sparta war schon immer eine beliebte politische Metapher.
Etwa im Fall des nackten Jungen und seiner jungen Mutter, die ihm lachend die Brust eincremt. Gleich läuft der kleine Krieger davon, vielleicht zu ein paar Kampfspielchen. Geschützt wird er durch »Sparta«, eine Creme aus dem Haus 4711, neu entwickelt im Jahr 1939, aus dem die beschriebene, von optimistischer Stimmung dominierte Anzeige stammt. Der Junge hat einen Spartanerhelm auf, und so ist der wenige Monate später kommende Weltkrieg schon präsent in Bild wie Sprache: Sparta
ist der Inbegriff einer am Ideal des Militärischen und der Opferbereitschaft orientierten Gesellschaft, ein repressiver, gleichgeschalteter Staat, eine Erziehungsdiktatur, eines, modern gesprochen, faschistischen Staat. Und als solcher ein »Mythos des Alltags« (Roland Barthes).
Zugleich aber auch historische Wahrheit. »Heftig erpicht auf den Feind« seien die in Phalanxformation aufgestellten Hopliten, so sang Tyrtaios im 7. Jahrhundert vor Christus. Ein Ort der
Künste war Sparta nie, ebenso wenig einer der Freiheit und des Intellekt, und so gibt es an seinem Untergang eigentlich nicht viel zu bedauern. Und dieses Sparta soll jetzt auf einmal unser Identifikationspool und Ideal sein?
Kulturpessimismus ist letztlich eine ziemlich doofe Sache, und das ist, alles in allem, der Hauptgrund, warum Zack Snyders 300 auch ein ziemlich doofer Film ist. Interessant ist der Film allerdings auch, und das nicht nur, weil er ein Symptom ist für eine allgemeinere, ganz interessante Entwicklung. Nachdem schon seit knapp zehn Jahren – vgl. Braveheart, Gladiator, Patriot bis hin zur Verherrlichung der edlen Wilden in Mel Gibsons Apocalypto – die barbarischen Helden in Hollywood Konjunktur haben, entdeckt die Filmindustrie derzeit gerade ganz allgemein den diskreten Charme des Spartanischen und den Spartaner als Helden: Mit dem geknechteten Einzelkämpfer in David Mamets Spartan fing es, noch auf Arthouse-Ebene, an. Es folgten Robert De Niros The Good Shepherd über einen CIA-Agenten, der im Dienst für die Nation und gegen die bösen Kommunisten sein Privat- und sein Gefühlsleben opfert, sowie Clint Eastwoods Kriegsfilm Letters from Iwo Jima. Eastwood zeigt die einstigen Kriegsgegner aus Japan einerseits zwar als leidende, Schmutz und Qualen ausgesetzte Frontschweine, aber doch gewissermaßen pathetisch in ihrer Würde, in ihrem todesmutigen Pathos in den antiquierten, an Samurai-Ideale angelehnten Ritualen. Wer ein bisschen weiß von Japans Krieg in den 30ern und 40ern, der mag aber schon hier nicht mehr mitgehen, der mag nicht mit ansehen, wie Eastwood implizit das faschistische Japan verklärt.
Alle diese Figuren legen ähnliche Verhaltensweisen an den Tag: Sie sind überaus hart und gnadenlos gegen ihre Gegner, aber – und das ist das Entscheidende – kaum weniger gegen sich selbst. Zucht und Ordnung, Disziplin und Härte gegen alles »Schwache«, Schwächelnde und zwar zugunsten »höherer«, in jedem Fall abstrakter Ideale.
Das fügt sich in die allgemeine politisch-gesellschaftlich-kulturelle Landschaft, in der Sicherheit mehr gilt als Freiheit, in der Gleichheit
und Gleichmacherei eine neue Konjunktur erleben, in der aber auch das sanfte Bürgertum plötzlich Hedonismus und Spaßkultur ad acta legt und einer »Kultur des Verzichts« das Wort redet: Rauchverbote, die aktuelle Klimaschutzdebatte mit ihren rituellen Verzichtsappellen und dem altväterlichen »Weniger-ist-mehr«-Gerede, alltägliche Ernährungs-, Diät- und Schlankheitsdiskurse, Gesundheitswahn und Fitnesshysterie, reduzierter Datenschutz und ausgedehnter Überwachungsstaat
– all das ist die alltägliche andere Seite der Medaille »Sparta«.
Ganz neu ist das auch im konkret Politischen nicht, zumindest nicht außerhalb des Spektrums westlicher Demokratien. Dort war »Sparta« schon lange eine politische Metapher. Genau genommen ist sie das bereits spätesten seit dem preußischen Soldatenkönig, der aus seinem Land eine europäische Großmacht schuf, aber mittels eines »Vandalenregiments« (Voltaire), das Berlin »vom nordischen Athen zu dessen Sparta« (Friedrich der Große) werden ließ. Die Opposition Athen vs. Sparta
stammt schon von Thukydides und dort kommt Sparta erwartungsgemäß nicht gut weg. Recht zeitgemäß wirkt dessen Charakteristik im Hinblick auf heutige Großmächte:
»Denn die Lakedaimonier handeln für sich und für die Einrichtungen ihres eigenen Staates meistens mit Edelmut. Dazu aber, wie sie sich gegen die anderen verhalten, wäre viel zu sagen. Ganz kurz zusammengefasst kann man behaupten, dass sie, wie es nirgends, soweit wir wissen, so offenkundig geschieht, das Angenehme für
schön und das Vorteilhafte für gerecht halten... Jedenfalls greifen sie aus mangelndem Vertrauen in ihre eigene Streitmacht andere nur zusammen mit vielen Bundesgenossen an.«
So ging es weiter, bis hin zu den Spartakiaden und den Sportvereinen des Ostblocks, Sparta Prag, Sparta Sofia. Sparta war die DDR der Antike.
Beliebter als alles andere war in diesem Zusammenhang die Schlacht an den Thermophylen. Nach Überlieferung des griechischen Historikers Herodot stellten sich hier am 18. August 480 v. Chr. unter Führung des Spartanerkönigs Leonidas genau 300 Spartaner (und etwa 7000 Bundesgenossen) bei den Thermophylen der massiven Übermacht des vom Perserkönig Xerxes angeführten Perserheeres entgegen, und hielten die Perser zwei Tage lang auf. Am Ende waren alle Spartaner tot, doch die gewonnene Zeit gab den Griechen unter Athener Führung Gelegenheit, sich zum Gegenschlag zu sammeln. Der Perserkrieg endete mit Athens Sieg bei der Seeschlacht von Salamis; die Thermophylenschlacht aber begründete den Mythos des Spartanertums, und ist bis heute eine Metapher für positiv verstandene Disziplin und Opferbereitschaft.
Schon der griechische Dichter Simonides feierte sie im 5. Jahrhundert v. Chr., Friedrich Schiller übersetzte sein berühmtes Epigramm ins Deutsche: »Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest /Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.« Und formulierte so den soldatischen Ehrenkodex wie die Vollendung männlichen Daseins in Kampf und Tod. Und 150 Jahre später schrieb der Kommentar des »Völkischen Beobachter« am 18. April 1945 über die Oder-Offensive der Roten Armee: »Hier kämpft Europa in einer Front mit allen seinen großen Geistern der Vergangenheit. Hier steht das antike Griechenland wieder bei den Thermopylen und bei Salamis in seinem Entscheidungskampf gegen den persischen Osten«
Für die Nachwelt steht die Schlacht für das sinnvolle Sterben, den siegreichen Tod, den Kampf für die Freiheit Griechenlands gegen die anstürmenden Barbaren aus dem Osten.
Es ist exakt diese Geschichte, die US-Regisseur Zack Snyder bekannt durch den Horrorfilm Dawn of the Dead, nun erzählt, dabei ganz konzentriert auf die spartanische Seite. Beginnend mit Persiens Gesandten, über Spartas Weigerung zu Konzessionen, innerspartanischen Disputen steuert alles auf die Schlacht zu, die eine gute Stunde des Films einnimmt, breit, in leuchtenden Farben und plastischen Effekten ausgemalt wie ein barockes Schlachtengemälde, ergänzt um einen Epilog, der die Verbindung zur Gegenwart herstellt, sozusagen die Moral von der Geschichte ausbreitet.
Aber nicht erst hier, während der Moralpredigt, fangen die Probleme an. Dramaturgisch gibt es von Anfang an ein offenkundiges Dilemma: Jeder halbwegs gebildete Zuschauer kennt die Fakten, weiß von Anfang an, wie es ausgeht, ist sich bewusst, dass alle Figuren die eingeführt und in bombastischer, reichlich unsubtiler Bildsprache zu Helden stilisiert werden, todgeweiht sind. Das ist nicht spannend und nicht schön, es distanziert, erst recht weil man sich instinktiv der allzu platten Parteinahme des Films widersetzt, sich den aufoktoierten Haltungen widersetzt.
Die Vorlage für 300 bildet zudem beileibe nicht allein Herodot, sondern vor allem die gleichnamige Graphic Novel, die von Frank Miller stammt, einem der bekanntesten und einflussreichsten Comic-Autoren der Welt, und die wiederum angeblich vom Kino inspiriert wurde: von Rudolph Matés The 300 Spartans (»Der Löwe von Sparta«). Auf Millers »The Dark Knight Returns« (1986) geht die Wiederbelebung der Batman-Figur und die Kinofilme Tim Burtons zurück, ebenfalls verfilmt wurden Daredevil und zuletzt Sin City. Immer wieder war Millers Werk mit dem Vorwurf konfrontiert, gewaltverherrlichend an niedere Instinkte appellierend, politisch reaktionär zu sein, und nie fiel es so schwer, es dagegen zu verteidigen, wie hier.
Denn Snyder fehlt das Können und vor allem der Geschmack eines Tim Burton und Robert Rodriguez (Sin City), deren Lust an Brüchen und Differenzierung. Er simplifiziert die nicht sehr subtilen Botschaften Millers noch weiter. Das gilt nicht allein für den eigentlichen Plot und die ebenso schlichten wie platten Dialoge, »Spartans prepare for Glory«, pathetischer Scheiß wie »no place for weakness only the hard and the strong«, der nur selten den sprichwörtlich »lakonischen« Spartanercharme entfaltet: »Unsere Pfeile werden den Himmel verdunkeln.« – »Dann kämpfen wir im Schatten.« Es gilt auch fürs Ästhetische, für Stil und Look des Ganzen: Keine Sekunde lässt 300 vergessen, dass die Darsteller im Studio vor blauer Leinwand agierten, alle Hintergründe und Statisten per Computer eingefügt wurde. So billig wie auf einer Kitschpostkarte sehen die Kulissen aus. Und auch die weitgehend unbekannten Darsteller mussten ihre Körper nachcolorieren und um virtuelle Muskelpakete erweitern lassen. Nun bleibt ihnen die Ausdruckskraft von Pornodarstellern. Ihr blutleeres Spiel wirkt tatsächlich so starr wie das von Plastikfiguren, und jedes Wort ihrer Sätze fällt wie ein nasser Sack zu Boden: »Das! Ist!! Sparta!!!«.
Das Ergebnis schillert zwischen Herr der Ringe-Sumpf und Riefenstahl-Ödnis, ein Propagandafilm übelster Sorte – wenn er nicht auch noch dumm wäre. Durchhaltekino mit offenkundiger, auf den Irak-Krieg gemünzter Botschaft. Ärgerlich, wie plump der Film auf seiner wertenden Entgegensetzung Orient-Okzident herumreitet, wie rassistisch und politisch reaktionär der Film ist, in seiner Zeichnung der Orientalen als degenerierte Krüppel, tuntig-dekadente Perverslinge und aller Nicht-Kämpfer als implizite Verräter, d.h. als Leute, die politischen Lösungen den Vorzug vor militärischen geben.
Aber ist doch alles nur Unterhaltung? Kann man immer sagen. Aber wenn Filmregisseure sagen, »Wir wollen unterhalten. Sonst nichts«, wird es immer gefährlich. Denn dann kann man sicher sein: Der Film ist mehr als Unterhaltung und wahrscheinlich ist er auch noch schlecht. 300 lebt von der Behauptung »dass Freiheit nicht umsonst zu haben ist«. Sie ist ebenso wahr, wie allgemein und nicht neu. Sparta ist zu ihrem Beleg ein denkbar falsches Beispiel. Die Spartaner, jedenfalls die des Films, sind kriegs- und todessehnsüchtige Spinner, deren Leben auf den »schönen Tod«, sprich das »Fallen« in der Schlacht ausgerichtet ist, ein »Sein zum Tode«.
Man könnte nun also lange darüber debattieren, ob dies nun ein US-amerikanischer Wehrertüchtigungsfilm zu Hard-Rock-Musik ist, rassistisches Propagandakino, das Iraner beleidigten und auf den nächsten Krieg einstimmen will, oder ob hier nicht vielmehr die Spartaner als rückwärtsgewandte fanatisierte Selbstmordkämpfer erscheinen und die Perser als zivilisatorisch haushoch überlegene, aber ein wenig dekadente Macht, die sich von ein paar wenigen Entschlossenen aus dem Konzept bringen lässt.
Aber vielleicht tut man dem Film mit alldem einfach nur viel zuviel Ehre an. 300 ist schlechtes Kino, das kaum die Qualität der berüchtigten italienischen Sandalenfilme aus den 60er Jahren erreicht, nicht romantisch, sondern nüchtern betrachtet nur albern und unfreiwillig lächerlich.