Review
303
303 = 144 Minuten + 3.000 Kilometer + 2 Mittzwanziger + 1 Kuss
303 = 144 Minuten + 3.000 Kilometer + 2 Mittzwanziger + 1 Kuss
Fast zweieinhalb Stunden Filmlänge und reichlich Dialog? Eigentlich ein ziemlich sicheres K.O.-Kriterium, das in 99 % der Fälle die Faustregel »weniger ist mehr« bestätigt. Dass sich bei 303 weder Ungeduld noch Langeweile einstellt, sagt deshalb schon viel über die gelungene Dramaturgie und frische Inszenierung von Hans Weingartners überlangem Roadmovie mit dem ultrakurzen Titel aus – und die Rechnung geht auf.
Der Zufall macht aus den Berliner Studenten Jule und Jan eine Fahrgemeinschaft. Jule hat gerade die Biochemie-Prüfung verhauen, Jans Antrag auf ein Stipendium wurde abgelehnt. Ein guter Zeitpunkt für eine Reise, zumal beide gewichtige Gründe dafür haben: Jule ist ungewollt schwanger und will sich deshalb mit ihrem Freund in Portugal besprechen. Jan hat erst vor kurzem von seinem leiblichen Vater erfahren, der in Spanien lebt. Jans Mitfahrgelegenheit hat ihn versetzt, Jule hält viel von Hilfsbereitschaft und nimmt ihn daher an der Raststätte mit, in ihrem altmodischen Wohnmobil, dem titelgebenden Mercedes »Hymer-Wohnmobil 303«. Geplant ist nur bis Köln, aber es kommt (glücklicherweise) anders und nun haben die beiden knapp dreitausend Kilometer Zeit für viele Gespräche über das Leben und die Liebe, natürlich.
Bei aller Dialoglastigkeit ist der Film weder geschwätzig noch abstrakt-intellektuelle Tortur, sondern ein echtes Vergnügen. In seinem Roadmovie, das 2018 die Berlinale-Jugendsektion »Generation 14plus« eröffnete, lässt Regisseur Hans Weingartner (Die fetten Jahre sind vorbei, Free Rainer – Dein Fernseher lügt) mit dem misanthropischen Politologiestudenten Jan und der an das Gute im Menschen glaubenden Jule zwei konträre Lebenseinstellungen aufeinanderprallen. Was treibt uns an, was ist das erfolgversprechendere Konzept: Kooperation oder Konkurrenz? Cro-Magnon-Mensch oder Neandertaler? Liegt der Schlüssel zum Beziehungsglück in der Mono- oder Polygamie? Während draußen die Landschaft wechselt, wird mit Verve und Freude diskutiert, philosophiert, laut und leise nachgedacht, und auch Träume werden geteilt und gedeutet.
Wen das an Before Sunrise erinnert, liegt nicht ganz falsch. Weingartner war Produktionsassistent bei Richard Linklaters Liebes-Sprechfilm und vom Originaldrehbuch angetan. Allerdings waren ihm die Figuren zu abgeklärt, mit zu viel ironischer Distanz zur Liebe gezeichnet. Das wollte er anders machen und hat bereits vor zwanzig Jahren damit begonnen, Dialoge aufzuschreiben, und diese über die Jahrzehnte ergänzt. Es steckt also auch viel vom »reifen« Weingartner in Jule und Jan, was die mitunter doch sehr lebenserfahrenen Ansichten der beiden Mittzwanziger erklärt. Jan und Jule, so hießen übrigens auch zwei der Hauptfiguren in Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei, sind rebellierende Jugendliche, die in Villen einbrechen und den »Bonzen« originelle Botschaften hinterlassen. Diese Kritik an der (kapitalistischen) Gesellschaft und ihrem auf Konkurrenz und Wettkampf beruhenden Leistungsprinzip ist auch in 303 angelegt, dient hier aber nur als Reibungsfläche für die zwischenmenschliche Beziehung der beiden Protagonisten.
Der Film nimmt sich Zeit für die Entwicklung von Figuren und Handlung, von Emotionen, Stimmungen und Atmosphäre, Weingartner spricht von einem »meditativen Rhythmus«. 303 ist nicht nur formaler Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit, auch inhaltlich verweigert er sich populären Klischees und einem 08/15-Plot. Dies sei ein »Anti-Tinder-Film«, so der Regisseur, er setzt auf allmähliche Annäherung statt auf »drei Sekunden wisch und weg«.
Dass das aufs Wunderbarste funktioniert, ist zum einen der sorgfältigen Vorbereitung gedankt. Die Dialoge, die so spontan und frisch wirken, wurden immer wieder überarbeitet und geprobt, bis sie echt klingen (und sind übrigens auch mitunter witzig). Lange wurden die passenden Schauspieler gesucht, die diese vielen Reden und Theorien auch glaubwürdig rüberbringen konnten.
Zum anderen und vor allem hat Weingartner die ideale Besetzung gefunden: Mala Emde und Anton Spieker sind
unverbrauchte Gesichter, wie es so schön heißt, sie verfügen obendrein beide über enormes Talent sowie einige Erfahrung – vorrangig im Fernsehen, aber auch im Kino: jeweils in Hauptrollen war Mala Emde in Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel und Anton Spieker in Von jetzt an kein Zurück zu
sehen. In 303 begeistert ihr natürliches Zusammenspiel. Es ist daher nur folgerichtig, dass dafür beiden gemeinsam der Nachwuchsdarstellerpreis auf dem Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2018 verliehen wurde.
Jules und Jans Reise durch den Sommer, in Etappen von Berlin nach Südeuropa, im aus der Zeit gefallenen Kokon des urigen Wohnmobils, das ist die äußere Bewegung zur inneren Entwicklung ihrer Beziehung: zuerst von der Zweckgemeinschaft zur Freundschaft, dann müssen alle inneren und äußeren Widerstände gegen das Verlieben überprüft werden. »Zwei Seelen, die erst herausfinden müssen, dass sie verwandt sind«, so Weingartner. So ist 303 denn auch kein Film über die Liebe, sondern über das sich Verlieben. Eine besonders schöne Anwort gibt der Film auf die Frage, ob Verlieben denn nicht ein rein biochemischer Vorgang sei: Man sieht beide jeweils heimlich am Shirt des anderen schnuppern – und ja, die beiden können sich gut riechen. So sehnt man sich als Zuschauer nach ihrem überfälligen, ersten Kuss. Was sich da gefühlt in Echtzeit entwickelt, ist höchst glaubhaft und ungekünstelt dargestellt. Das ist vor allem den beiden charismatischen Hauptdarstellern zu verdanken und geht völlig ohne Kitsch und romantische Verklärung ab – und ist daher auch nach 144 Minuten noch wunderschön und beglückend.
Ein übriges tun die grandiosen Landschaftsaufnahmen jenseits einer artifiziellen Ultra-high-Definition-Werbeästhetik, die die geographischen Stationen der Reise markieren, an deren Ende Jule und Jan auch bei sich selbst angekommen sind. Und zu guter Letzt noch ein fettes Lob für den Soundtrack (Michael Regner): Kein Klangteppich, der so oft alles zukleistert und dem Zuschauer jede Emotionalität vorgibt, sondern ein leichter Indie-Score, der dem Film und seinem Publikum Luft zum Atmen lässt. Das alles strahlt eine große Lässigkeit aus, wie es ein Sommer-Roadmovie braucht.