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Review

39,90

Der alte Preis

Kreatives Chaos?

Der alte Preis

Wenn man Künstler über die zahl­rei­chen Schwie­rig­keiten ihrer Profes­sion reden hört, dann bleibt ein ganz funda­men­taler Aspekt, der über Gedeih oder Verderb eines Kunst­werks oder gar einer ganzen Karriere entscheiden kann, erstaun­lich oft ungenannt. Anschei­nend setzt man sich als Künstler lieber mit vermeint­lich beherrsch­baren Stör­fak­toren wie einem verfilzten Kultur­be­trieb, finan­zi­ellen Zwängen oder dem igno­ranten Publikum ausein­ander, als mit der Unbe­re­chen­bar­keit und Uner­bitt­lich­keit der Zeit bzw. des Zeit­ge­sche­hens.

Nicht nur trendiger Main­stream sondern auch große Kunst­werke können famos scheitern, wenn das, was sie beschreiben, nicht (mehr) in die momentane Zeit passt. Ein Krieg bricht aus, der Eiserne Vorhang fällt, Flugzeuge stürzen in Hoch­häuser, eine Finanz­blase platzt und schon schaut die Welt anders aus, ist die allge­meine Stimmung eine komplett andere, stellt man ganz andere Anfor­de­rungen und Hoff­nungen an die Kunst.
Der einzige Trost dabei ist, dass ein solcher Stim­mungs­um­schwung auch den unver­hofften Erfolg eines bisher »unpas­senden« Künstlers befördern kann und dass wirklich große Kunst letztlich zeitlos ist und somit die Hoffnung einer Wieder- bzw. Neuent­de­ckung zu einer anderen (nicht zwangs­läufig besseren) Zeit besteht.

Wie Kunst in den unbe­re­chen­baren Fluten des Zeit­flusses hin und her geworfen werden kann, mal oben auf schwimmt, mal fast absäuft, zeigt sich besonders markant bei Lite­ra­tur­ver­fil­mung, wie aktuell etwa bei 39,90.
Die Verfil­mung des fran­zö­si­schen Erfolgs­ro­mans aus dem Jahr 2001 trägt sein Problem mit der Zeit fast schon plakativ im Titel mit sich herum. Denn »39,90« ist die Mark-Umrech­nung/Über­set­zung des Origi­nal­ti­tels (sowohl von Buch als auch jetzt der Verfil­mung) »99 francs« und bekannt­lich sind dies zwei Währungen, die schon seit Jahren von einer anderen ersetzt wurden, die damit für eine vergan­gene Zeit stehen und die in unserem heutigen Leben kaum noch eine Rolle spielen. Dieses Unzeit­ge­mäße durch­zieht auch den Film 39,90.

Tückisch ist dabei, dass diese zeitliche Diskre­panz nicht so augen­fällig an den Tag tritt wie etwa veraltete Frisuren oder Mode, sondern subtil die (Aussage)Kraft und Brisanz des Kunst­werkes unter­gräbt.
Typisches Beispiel hierfür sind die Best­sel­ler­ver­fil­mungen eines Bernd Eichinger, die übli­cher­weise einige Jahre nach dem Buch­erfolg ins Kino kommen und dann in der verän­derten allge­meinen Stim­mungs­lage oft ein wenig depla­ziert wirken (darum mit den »Feucht­ge­bieten« nicht zu lagen warten Hr. Eichinger!!!).
Bei der Verfil­mung von Bret Easton Ellis' Skan­dal­roman »American Psycho« war es z.B. die zwischen Erscheinen von Buch und Verfil­mung liegende Serial Killer-Welle, die dafür sorgte, dass dem Film ein entschei­dender Teil seines Empörungs- und Vers­tö­rungs­po­ten­tials abhanden kam.

Bei der Verfil­mung von 39,90 ist es das Platzen der New Economy-Blase und die uner­sätt­liche Rasanz der Medien, die ihn über weite Strecken obsolet erscheinen lässt.
Das ist schade, denn formal ist der Film nicht schlecht gemacht. Die Schau­spieler sind gut, die Kame­ra­ar­beit beein­dru­ckend, die Musik­aus­wahl exquisit und der visuelle Einfalls­reichtum, der sich vielfach an der Werbewelt orien­tiert, ist (nicht wie manche Kritiker meinten genau so flach wie das was er kriti­siert, sondern) nur konse­quent und durchaus passend.
Leider verfallen alle diese positiven Punkte, wenn sich Szene an Szene reiht, die man aus dem endlosen Mahlstrom der Kunst und Medien bereits kennt, oft besser gemacht kennt oder ihrer schon lange wieder über­drüssig ist.

Da hilft es dem Film auch nichts, offensiv mit seiner Zitierwut zu koket­tieren, um somit den Eindruck erwecken zu wollen, hier einen geist­rei­chen Kommentar bzw. eine ironische Reflexion zur bild­be­ses­senen Welt zwischen Medien, Marketing und Kunst abzugeben.
Um das zu erreichen, ist die Zitie­rerei viel zu beliebig und unstruk­tu­riert, so dass man als Zuschauer nur zwischen mehr oder minder gelun­genen und wünschens­werten Erin­ne­rungen an Filme wie Fight Club, 2001 und Train­spot­ting, Musik­vi­deos wie »Come Undone« von Robbie Williams oder »Teardrop« von Massive Attack und dem alltäg­li­chen Bilder­rausch der Massen­me­dien herum­ge­stoßen wird und nie weiß, wo hier bedeu­tungs- und anspie­lungs­reich zitiert werden soll und wo dem Regisseur einfach nichts besseres einge­fallen ist.

Man kann die Crux des Films 39,90 an zwei Schlüs­sel­szenen, die sich (wie könnte es anders sein) um Werbe­spots drehen, ablesen.
In der einen Szene wird den Chefs des mächtigen Joghur­ther­stel­lers die Idee für den geplanten Werbespot vorge­stellt. Darin sollen zwei Biki­ni­schön­heiten am Strand entlang­laufen und zur allge­meinen Über­ra­schung hoch­geis­tige Gespräche führen (was natürlich eine Folge des bewor­benen Produkts ist). Der Vorstand lehnt diesen Vorschlag als zu intel­lek­tuell und hinter­sinnig ab. Die Haupt­figur Octave – und mit ihm der Film – sind sich einig, dass hier die Ursache für die über­wie­gende Dummheit der Werbung zu suchen ist. Die genialen Ideen der Kreativen haben nie eine Chance gegen die Ignoranz der Bosse und Bonzen, die zum 100.000endsten Mal das Klischee von der attrak­tiven Frau auf der Sonnen­te­rasse sehen wollen und so den Konsu­menten verblöden.

Diese Behaup­tung mag man schnell als gefühlt richtig abnicken, dumm nur, dass vor einigen Jahren im deutschen Fernsehen ein regulärer Spot nach exakt dieser Idee lief (zwei Biki­ni­schön­heiten am Pool unter­halten sich über Heisen­bergs Unschär­fe­re­la­tion). Klas­si­scher kann man vom Lauf der Geschichte gar nicht überholt werden.

Der Umstand, dass diese Idee bei genauer Betrach­tung eigent­lich ziemlich doof ist, führt gera­de­wegs zur zweiten Schlüs­sel­szene, in der Octave eine subver­sive Alter­na­tiv­fas­sung des spießigen Joghurt-Spots erstellt und als finale Abrech­nung mit dem »System« diesen Spot ins Fern­seh­pro­gramm schmug­gelt. Nachdem sich ein nicht uner­heb­li­cher Teil von 39,90 um diesen ominösen Anti-Spot dreht, ist man als Zuschauer entspre­chend auf seine Ausstrah­lung gespannt und im selben Maß enttäuscht, als er sich als lächer­li­ches, künstlich provo­kantes Kasperl­theater im Stil eines Nu Metal-Videos entpuppt.
Spätes­tens hier muss man erkennen, dass der Film in der Krea­ti­vitäts­falle steckt.
Denn um Octaves Abgesang von der Unter­drü­ckung bzw. Ausbeu­tung der Krea­ti­vität durch den Kommerz glauben zu können, müsste der Film erst einmal echte Krea­ti­vität vorführen.

Aber echte Krea­ti­vität lässt sich nun einmal nicht auf Kommando aus dem Hut ziehen (am gleichen Problem leiden übrigens auch alle Filme über geniale Musiker, geniale Maler, geniale Poeten, etc., wenn deren Genia­lität schließ­lich darge­stellt werden soll und man nicht auf ein echtes Genie zurück­greifen kann), weshalb sich 39,90 lieber darauf verlegt, seine Aussage durch mora­li­sche Posi­tionen zu unter­mauern.

Nach außen sind in diesem Film (nahezu) alle Figuren Idioten, Schweine und Kriecher. Nach innen unter­scheidet der Film sie aber in einer­seits eigent­lich ganz nette Kreativ-Schweine, die sich zwar in Sex, Drogen und asozialem Verhalten suhlen, gleich­zeitig aber auch gegen den Irrsinn des Systems anrennen und dabei tragisch scheitern (weshalb der Sex und die Drogen schon in Ordnung sind) und ande­rer­seits die wider­li­chen Finanz-Schweine, die einfach nur macht- und geldgeil sind, egal welche Menschen, Ideen oder Ideale darunter leiden.
Derart aufge­stellt, ist es dann auch egal, dass die im Film präsen­tierte Krea­ti­vität nicht über das Mittelmaß hinaus kommt. Ihr gegenüber steht schließ­lich die dunkle Macht des Geldes und der Konzerne und jeder der dagegen angeht gilt im allge­meinen Empfinden zwangs­läufig als geist­rei­cher Idealist und echter Mensch.
Zusam­men­ge­nommen ist das aber nichts anderes als mora­li­sches Erre­gungs­kino, wie es einem sonst vor allem in einseitig kriti­schen Dokus unter­kommt und wenn schließ­lich im Abspann von 39,90 vorge­rechnet wird, mit welchem Anteil am welt­weiten Werbe­budget welcher Anteil des Welt­hun­gers getilgt werden könnte, dann fehlt eigent­lich nur noch der noto­ri­sche Jean Ziegler um sich und uns über solchen Wahnsinn zu erregen.

Ironi­scher­weise liegt 39,90 zumindest mit dieser verhäng­nis­vollen Verein­fa­chung von hoch­kom­plexen Problemen ausnahms­weise voll im Trend (der Globa­li­sie­rungs­kritik). Dem zeitüber­grei­fenden Phänomen der Werbung, die ein viel­schich­tiges Binde­glied zwischen Gesell­schaft, Wirt­schaft und Kunst darstellt, kommt man dadurch nicht näher.
Gut zu wissen, dass irgend­wann die Zeit für einen Film kommen wird, der diesem Thema gerecht wird.