Review
8mm – Acht Millimeter
Es ist eine ganz und gar amerikanische Geschichte, in deren Mittelpunkt ein etwas windiger Privatschnüffler steht, der am Ende herauskommt irgendwo zwischen Mike Hammer und Lew Archer, zwischen I The Jury und dem rettenden Ritter in schimmernder Rüstung, mit Blessuren versehen zwar, aber mit der Moral auf seiner Seite, der ganz persönlich empfundenen, zornigen Moral der Straße.
Wie wir diesem Tom Welles zum ersten Mal begegnen auf dem Flughafen von Miami, verraten die kleinen Gesten bereits viel über den Mann. Aus dem Flughafengebäude tritt er mit der Kippe im Mundwinkel, obwohl wir die Durchsage gehört haben, daß das Rauchen hier strengstens verboten ist. Kleine Regelverstöße, die in ihrer Geringfügigkeit so viel schwerer ins Gewicht fallen als die großen, die spektakulären Vergehen. Tom Welles ist einer, der nicht so gerne die Verantwortung
übernimmt, seiner Frau gegenüber sich vehement als Nichtraucher ausgibt, dann in sein Büro sich zurückzieht und eine Zigarette ansteckt, dabei Raumspray versprühend. Einer, der die Spuren zu verwischen sucht und doch so leicht durchschaubar ist, wo er die Kippe dann einfach im Aschenbecher liegen läßt.
Die Fälle, die er sich zur Bearbeitung aussucht, sollen ihn weiterbringen auf der sozialen Karriereleiter: So schnüffelt er besonders den kleinen sexuellen Verstößen hinterher,
die Ehepartner untereinander begehen. Ganz vertraulich ist er da bei der Sache, versteht sich, und die High Society schätzt diese diskreten Dienste ganz besonders.
Jetzt wird er wieder um Hilfe gebeten, von Mrs. Christian (ein telling name durchaus, und am Schluß wird sie als Märtyrerin dastehen, ganz biblisch sich opfern für die Sünden der anderen) deren Mann gerade verstorben ist und etwas hinterlassen hat in seinem Safe, eine Rolle 8mm-Film.
Nun sind diese prächtigen Anwesen der Reichen die eigentlichen Spukhäuser, die old dark houses auf der amerikanischen Landkarte und wann immer die Mächtigen den Mann von der Straße hereinholen, der vertuschen soll, was es zu vertuschen gibt, offenbart sich der Morast, auf dem der amerikanische Traum gebaut ist. Die Witwe tritt auf als weiblicher General Sternwood und Tom Welles ist ganz abgeklärt noch wie er sich jetzt ihre Sorgen und Nöte anhört, ganz business wie Philipp Marlowe in The Big Sleep. Dabei hat er längst jene Vorhölle betreten, jenes Dantesche Inferno: Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren, das könnte als Motto stehen am Anfang seiner Reise, seiner Ermittlungen.
Um einen Film dreht sich alles, diesen 8mm-Zelluloidstreifen, auf dem zu sehen ist, wie ein Mädchen vor laufender Kamera ermordert wird. Eine ganz spezielle Spielart der Pornobranche, snuff-film genannt. »The Camera never lies«, das ist hier ganz buchstäblich verwirklicht und was nun von Tom Welles verlangt wird ist, das Gegenteil zu beweisen.
Natürlich ist sie tot, dieses all-American-girl Mary-Anne Mathews mit ihren unschuldigen Träumen von Hollywood und weil alles in diesem Film
den Blick freigibt auf die pervertierte Unterseite des American way of life, ist der, der dieses Mädchen umgebracht hat so etwas wie die personifizierte dunkle Unterseite der Traumfabrik, der Filmindustrie: Ihr Vollstrecker, The Machine genannt.
Die Topographie, die Joel Schumacher entworfen hat für 8mm, gleicht einem faulig-dumpfen Disneyland, unterirdisch angelegt. Alles ist Höhle, ist Grotte hier, ist Grab, ist Nachtseite. Das Herrenhaus der Witwe Christian mit den holzgetäfelten Wänden, den hohen Decken, unter denen die Schatten sich ballen. Das kleine Haus der Familie Welles auch, und wenn der Familienvater im Vorgarten das tote Laub zusammenrecht, bleibt der Himmel verhangen, grau in grau. Ein Mausoleum die Hallen der Exekutive, die nur mehr die Bilder der Vermißten archiviert. Es gibt hier, anders als in A Time to Kill noch, den Schumacher vor wenigen Jahren drehte, kein Gesetz mehr als das eigene, keine Justiz mehr, das ein gewiefter Anwalt auf seine Seite bringen könnte, um damit dem moralisch Richtigen zu seinem Recht zu verhelfen.
Nur noch mean streets gibt es, die die private eyes durchstreifen, Sam Spade, Philip Marlowe einst, wie Tom Welles jetzt. In Californien dann, wo die Traumfabrik ist, auch die für die tödlichen Träume, da sind die Straßen greller und die Hauswände bunt: Ein giftiges Gelb, Orange, Rot. Ungesunde Farben, die etwas Schwüles, Krankhaftes ausdampfen. Californien ist dunkler als der Rest Amerikas.
Ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, was die Befriedigung der Phantasien angeht
zumindest und gesteuert wird dann doch alles von der Ostküste aus, wo Dino Velvet, der Pornoproduzent, die Fäden zieht. In seiner Selbstinzenierung, dem roten Samtmantel kommt er dabei daher wie ausgeborgt aus einer Edgar Allan Poe Verfilmung von Roger Corman.
Joel Schumacher, der vielleicht meistgehaßte Regisseur, den Hollywood derzeit aufzubieten hat, besitzt durchaus ein Talent, sich Stimmungen und Bilder zusammenzuklauben aus anderen Filmen, nicht nur den eigenen, und
im Falle von 8mm steht diese Art der kinematographischen Leichenfledderei dem Sujet durchaus gut an. Ein Hauch Fincher liegt über dem Film, eine Erinnerung an Seven, immerhin stammt 8mm aus der Feder desselben Drehbuchautors, Kevin Walker.
Eine Variation des Mottos, wie es Raymond Chandler einst ausgab als Losung für diejenigen, die noch etwas verändern wollen im gelobten Land Amerika: »Down these mean streets a man must go who is not himself mean...« Bösartig ist er nicht, dieser Tom Welles, eher etwas gleichgültig zunächst. Das ist dann auch die große, aufregende Geschichte, die 8mm erzählt, diese plötzlich entdeckte Leidenschaft des Tom Welles. Wie er sich verbeißt in den Fall Mary-Anne: Das ist die eigentliche Liebesgeschichte, die große Obsession, wenn auch die eigene kleine Familie durchaus bleibt als sicherer Hafen. Wie Welles tagelang nach dem Bild einer Toten sucht in den riesigen Polizeiarchiven, wie er dann die Mutter des Mädchens aufsucht und dabei auch Mary-Annes Tagebuch mitgehen läßt, sich heimlich einweiht in die Träume einer Toten. Ein Amour fou, der ihn dann zuletzt zum Richter werden läßt. Bevor er aber auszieht, den Blutzoll zu fordern für die tote Geliebte, die geliebte Tote Mary-Anne, ruft er noch ihre Mutter an, Mrs. Matthews, die zurückgeblieben ist in ihrer düsteren, modrigen Wohnung, in der tristen amerikanischen Kleinstadt, aus der nur die Träume noch herausführen. »Tell me you loved her« fleht er sie an, hoch oben in den Hügeln Hollywoods: Ein Richter und Vollstrecker, der noch den Segen der Verlorenen braucht, bevor er zuschlägt.
8mm ist eine Geschichte um die dunkelsten, die gefährlichsten, die aggressivsten unserer Phantasien, zu denen auch die von der Selbstjustiz gehört. Reaktionär ist das natürlich nicht, wenn diese Vokabel auch das verbale Flammenschwert darstellt, mit dem viele Kritiker sich vorgenommen haben, den Film zu richten. Ganz und gar cineastisch ist 8mm. Denn das vor allem ist das Wesen des Kino als Mittel zum Sichtbarmachen des Unsichtbaren: diese magische Fähigkeit, unsere Phantasien abzubilden.