Review
A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani
Inflation der Moral
Inflation der Moral
Oscar-Preisträger Asghar Farhadi seziert erneut die iranische Gesellschaft, verläuft sich aber zusehends in der eigenen Ambiguität
Nachdem Asghar Farhadi mit seinem letzten, in Spanien spielenden und gedrehten Psycho-Thriller Offenes Geheimnis mal etwas ganz anderes versuchen wollte, damit aber nicht mehr an seine großen Oscar-Erfolge Nader und Simin – Eine Trennung und The Salesman anknüpfen konnte, ist Farhadi für seinen neuen Film wieder in den Iran zurückgekehrt. Dieses Mal allerdings nicht nach Teheran, sondern nach Shiraz. Und anders als in seiner spanischen Genre-Arbeit bewegt sich Farhadi wieder auf dem Terrain, das die westlichen Kinoblicke vom iranischen Kino-Export-Meister und vom modernen iranischen Kino an sich wohl erwarten und auch seit Jahren geliefert bekommen: Filme von großer moralischer Ambivalenz, die immer etwas von psychologischen Versuchsanordnungen haben und die zunehmend auch von einer neuen Generation von iranischen Filmemachern abgeliefert werden. Man denke etwa an die erst vor wenigen Wochen in die Kinos gekommene Ballade von der weißen Kuh von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam, ein souverän umgesetztes Kammerspiel über die komplexen Folgen der Todesstrafe für Opfer und Täter.
Auch bei Farhadi kommt das Thema Todesstrafe am Rande vor, doch im Zentrum steht die Geschichte von Rahim (Amir Jadidi), der eine Gefängnisstrafe ableisten muss, weil er die von seinem Schwager Braham (Mohsen Tanabandeh) aufgenommenen Schulden nicht begleichen kann, weshalb ihn Brahams Schwester verlassen hat. Doch auf einem zweitägigen Freigang will er seinen Gläubiger mit einer Teilrückzahlung besänftigen, die durch seine Geliebte Farkondeh (Sahar Goldoost) ermöglicht werden soll, die eine Handtasche mit Goldmünzen gefunden hat. Dass die Lösung des Problems sich ganz anders gestaltet, Rahim die Tasche an ihre Besitzerin zurückgibt und plötzlich zum selbstlosen Helden stilisiert wird, um in der Folge auch gleich wieder seinen Heldenstatus zu verlieren, deutet an, dass Farhadi nicht nur zu seinen alten Themen mit ihren moralischen Doppeldeutigkeiten zurückgefunden hat, sondern sie noch einmal potenziert.
Ihm genügt dieses Mal nicht eine zentrale Geschichte, in diesem Fall um Rahim und seine Freundin, um seine subtile Gesellschaftskritik anzubringen, sondern fast jede in diesem Film auftauchende Rolle darf eine moralische Transformation erleben, wird das Gute zum Bösen und umgekehrt, verstehen wir auch hier sehr schnell, dass jede Rolle für bestimmte Prozesse und Positionen der iranischen Gesellschaft steht, dass Ehrlichkeit natürlich nur deswegen so betont werden muss, weil Korruption an der Tagesordnung ist, und dass Ehrlichkeit wie Korruption gleichermaßen aus der Not einer instabilen Gesellschaft geboren werden. Das Parabelhafte wird von Farhadi über immer neue moralische Plot-Twists fast schon zum Exzess geführt, genügen nicht die intra-familiären Verwerfungen, wird das Gefängnispersonal ebenso mit einbezogen wie eine lokale NGO und Rahims stotternder Sohn.
Diese Ausweitung der Kampfzone scheint sich zumindest in Bezug auf die Filmpreisvergabe ausgezahlt zu haben, denn Farhadi hat mit A Hero neben zahlreichen kleineren Preisen zusammen mit Abteil Nr. 6 2021 auch den Großen Preis der internationalen Jury in Cannes gewinnen können. Im Vergleich zu seinen früheren Film, selbst seinem so großartigen Debütfilm Alles über Elly oder auch im Vergleich zur Ballade von der weißen Kuh, ist A Hero allerdings deutlich schwächer.
Denn durch das schwer dialoglastige Drehbuch, das dem ausufernden Personal schließlich gleichberechtigt jene Dialoge zuschreiben muss, die zumindest ihre moralische Uneindeutigkeit ermöglichen, bleibt kaum Zeit für eine wirkliche charakterliche Entwicklung, ist jede emotionale Regung eine behauptete, aber keine über die Handlung erspielte. Stattdessen sind die Personen in Farhadis Film Platzhalter, die thetisch an ihren doppelmoralischen Blockaden scheitern. Deshalb wirkt A Hero schon nach wenigen Minuten völlig überfrachtet und ist leider immer wieder auch langweilig. Er sieht sich tatsächlich eher wie ein wissenschaftlicher Aufsatz zu einer wissenschaftlichen Versuchsanleitung, der zwar mit der für das neue iranische Kino üblichen neo-realistischen, ethnografischen Dichte von Alltagsszenen aufwarten kann (die dem Betrachter vermitteln soll, Land und Kultur besser zu verstehen), doch bleibt am Ende eigentlich eher das schale Gefühl zurück, dass Farhadi sich hier in seinen eigenen moralischen Dilemmata verrannt hat.
Dazu passt irgendwie auch, dass Farhadi von einer seiner ehemaligen Studentinnen, Azadeh Masihzadeh, vorgeworfen wurde, mit A Hero ihren eigenen Dokumentarfilm All Winners, All Losers (hier der ganze Film mit Untertiteln auf Youtube) plagiiert zu haben und gerade rechtskräftig von einem iranischen Gericht schuldig gesprochen wurde – was immerhin den fast schon dokumentarischen Charakter von Farhadis Version erklären würde.
Aber mehr noch als diese unangenehme Nachwehe macht A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani durch die Potenzierung, ja fast schon Inflationierung der bekannten Stilmittel des neuen iranischen Films deutlich, dass vielleicht die Zeit für eine Erneuerung des alten Exportkonzepts gekommen ist und westliche Betrachter auch dem iranischen Kino eine Chance geben sollten, das in iranischen Überlandbussen, Zügen und iranischen Kinos gezeigt wird und das noch nicht durch die immergleiche Dekonstruktion moralischer Entitäten selbst schon etwas moralinsauer geworden ist.