Skip to content

Review

A House of Dynamite

Das Denken über den Krieg als Schlachtfeld

A House of Dynamite
Filmisches Seismogramm der Entmachtung... (Foto: Netflix)

Das Denken über den Krieg als Schlachtfeld

Kathreen Bigelows verstörender „Vor-Kriegsfilm“ ist vor allem ein Film über das Ende jeglicher Entscheidungshoheit. Und ein großartig inszenierter Film über das Zittern vor der eigenen Macht

Kathryn Bigelow hat wieder einen Kriegs­film gedreht – und zwar einen der viel­leicht markan­testen, unge­wöhn­lichsten Anti­kriegs­filme unserer Gegenwart. A House of Dynamite, auf den Film­fest­spielen in Venedig ohne Preis geblieben, aber mit 13-minütigen Standing Ovations gewürdigt, ist ein Werk von fast vers­tö­render Nüch­tern­heit, ein Film über den Moment vor dem Knall, über die lähmende Sekunde, in der die Welt innehält und der Mensch – oder was von ihm übrig ist – entscheiden muss, ob er weiter­exis­tieren will. In seiner Form ist der Film ebenso radikal wie Alex Garlands Warfare, und doch ganz anders: Wo Garland den Krieg auf die Ebene der einfachen Soldaten herun­ter­brach, die Angst, Über­ra­schung, Schmerz und Tod in Echtzeit erleben, verlegt Bigelow dieses Szenario in die Komman­do­zen­tralen der Macht.

Es beginnt mit einem Warn­si­gnal. Eine Rakete mit Atom­spreng­kopf ist unterwegs, die Herkunft ist unklar. Sekunden später befindet sich die Regierung der Verei­nigten Staaten in einem Zustand kontrol­lierter Panik. In drei Kapiteln – jedes auf einer anderen Hier­ar­chie­ebene erzählt – führt uns Bigelow von den Analysten in den fens­ter­losen Räumen des Vertei­di­gungs­mi­nis­te­riums und des Weißen Hauses über die Strategen im Natio­nalen Sicher­heitsrat bis in das Umfeld des Präsi­denten selbst. Und dort, an der Spitze, bei Idris Elba als Präsident und Jared Harris als Vertei­di­gungs­mi­nister, verwan­delt sich das Haus der Demo­kratie in jenes titel­ge­bende House of Dynamite: ein Bauwerk, das durch die kleinste Bewegung in sich selbst explo­dieren könnte. Doch gleich­zeitig lässt sich dieses Bild von dieser Mikro­ebene auf die ganze Welt über­tragen, in der inzwi­schen selbst die irrsten Auto­kraten Zugriff auf Atom­waffen haben.

Wie Garland in Warfare reduziert Bigelow den Krieg auf sein Skelett, befreit ihn von Helden­my­thos, Patrio­tismus, Moral. Nur dass bei ihr der Krieg nicht draußen, sondern drinnen statt­findet. Die Front­linie verläuft quer durch den West Wing. Ihre Figuren kämpfen nicht mit Waffen, sondern mit Codes, Terminals, Wahr­schein­lich­keiten. Ihre Gegner heißen nicht Taliban, Russen oder Rebellen – sie heißen Unsi­cher­heit, Miss­trauen und Über­for­de­rung. A House of Dynamite ist ein filmi­sches Seis­mo­gramm der Entmach­tung: die USA als Super­macht, die noch das Ritual der Kontrolle beherrscht, aber längst keine Kontrolle mehr hat.

Die Insze­nie­rung ist hyperreal. Man spürt, dass Bigelow ihre mili­täri­sche und poli­ti­sche Recherche wie so oft sehr ernst genommen hat. Jeder Blick, jedes Kommando, jede abrupte Stille wirkt auch doku­men­ta­risch. Volker Bertel­manns Score – düster, pulsie­rend, von tiefen Strei­chern getragen – legt sich wie ein gleich­mäßiger Herz­schlag unter die Handlung, bis man nicht mehr weiß, ob das überhaupt noch ein Sound­track oder vielmehr verpuf­fendes Leben ist. Kame­ra­mann Barry Ackroyd (der schon Bigelows The Hurt Locker filmte) verleiht dem Chaos Struktur: mit vibrie­renden, aber nie orna­men­talen Bildern.

Bigelow insze­niert den Ausnah­me­zu­stand als Ritual. Jeder Handgriff, jede Entschei­dung ist Teil eines einstu­dierten Proto­kolls, das niemand mehr versteht. Diese Choreo­gra­phie des Unver­meid­li­chen spiegelt jene, die Garland in Warfare zeigte – dort die körper­liche, hier die admi­nis­tra­tive Exekution. In beiden Filmen zerbricht der Glaube an Kontrolle. Doch während Garland das „Wie“ des Krieges zeigt, zeigt Bigelow das „Warum“.

Dass der Film nie zeigt, ob die Rakete einschlägt, erzeugt eine fast schon paranoide Unsi­cher­heit. A House of Dynamite endet, bevor es zur Explosion kommt – ein „Coitus inter­ruptus“ des Kriegs­films, wie man ihn so noch nicht gesehen hat. Er verwei­gert die Katharsis, auf die Jahr­zehnte von Atom­filmen uns kondi­tio­niert haben: kein The Day After, kein Das letzte Testament, kein Schwarzer Regen, kein On the Beach. Nur die lähmende Ahnung, dass das Danach nichts anderes wäre als das Davor – nur ohne Menschen.

Bigelow verwan­delt diese Verwei­ge­rung in ihre größte Stärke. Sie zeigt das Denken über Krieg als das eigent­liche Schlacht­feld. Wenn Idris Elba, großartig zurück­ge­nommen, zwischen Kapi­tu­la­tion und Gegen­schlag zögert, wenn er begreift, dass jede Option den Untergang bedeutet, wird das Oval Office zur Zelle der Moderne. Seine Gedanken – halb Stoßgebet, halb Proto­koll­notiz – sind die stärksten Momente des Films, denn sie machen schon in der Erkenntnis was ist – Wahnsinn oder Realität – wie auch in der Schluss­fol­ge­rung – Kapi­tu­la­tion oder Selbst­mord – deutlich, dass keine Entschei­dung richtig sein kann.

Rebecca Ferguson als Captain Walker, die zwischen Loyalität und Logik zerrieben wird, und Greta Lee als Nordkorea-Expertin, die in einem einzigen Blick den ganzen Wahnsinn der inter­na­tio­nalen Paranoia ausdrückt, setzen leise Akzente in diesem Macht­poker. Selbst Neben­rollen wie Tracy Letts’ General Brody oder Jared Harris’ Vertei­di­gungs­mi­nister Baker sind beein­dru­ckend gut besetzt. Niemand spielt hier einen Helden. Alle spielen Funk­ti­ons­reste.

Wie schon in The Hurt Locker und Zero Dark Thirty geht es Bigelow um die Unmög­lich­keit einer Entschei­dung. Aber A House of Dynamite geht weiter: Es entlarvt die Entschei­dungs­me­chanik selbst als Farce. Die Maschine läuft, egal was der Mensch tut. Und das ist das eigent­lich Beun­ru­hi­gende an diesem Film – dass seine Fiktion längst kein Zukunfts­sze­nario mehr ist. Die Welt, in der eine Fehl­in­ter­pre­ta­tion genügt, um Millionen zu töten, ist keine Dystopie. Sie ist die Tages­schau.

Bigelow zeigt kein Heldentum, keine Moral, nur Struk­turen. Und doch ist A House of Dynamite zutiefst mensch­lich. Weil in jeder Entschei­dung, in jeder Schwei­ge­mi­nute, in jedem Zucken von Idris Elbas Gesicht jene uralte Angst sichtbar wird, die Garland in Warfare auf der Straße, in den Gesich­tern der Soldaten, fand: die Angst vor der Bedeu­tungs­lo­sig­keit des Todes.

Dass Netflix als Produzent diesen Film nur in limi­tierter Kino­aus­wer­tung zeigt (bevor er am 25. Oktober auf Netflix laufen wird), ist fast ein Sakrileg. Bigelows Bilder gehören auf die große Leinwand, in laute Dolby-Atmos-Räume. Denn A House of Dynamite ist nicht nur ein Film – er ist ein physi­sches Ereignis. Die Tonspur, das Licht, die Schnitte wirken wie senso­ri­sche Schläge: Der Krieg kommt nicht, er ist schon da, nur in anderer Form.

A House of Dynamite sieht sich an wie der folge­rich­tige Abschluss einer Trilogie, die Bigelow nie geplant, aber intuitiv geschaffen hat: The Hurt Locker (der Krieg als Arbeit), Zero Dark Thirty (der Krieg als Obsession) und jetzt A House of Dynamite (der Krieg als Ohnmacht). Was in den 2000ern noch als Entschär­fung begann, endet jetzt in der völligen Explosion – nur dass sie nicht gezeigt, sondern gedacht wird. Es ist auch eine kompro­miss­lose, äußerst nüchterne Bestands­auf­nahme der mili­täri­schen Entmach­tung Amerikas in einer neuen Welt­ord­nung.

Am Ende bleibt die Kamera auf dem Präsi­denten, der in indif­fe­rentem Licht in seinem Heli­ko­pter sitzt. Keine Musik. Kein Knall. Nur das Ticken der Uhr. Die Rakete ist unterwegs, viel­leicht schon da. Bigelow lässt sie nicht einschlagen. Sie weiß, dass das Kino längst kein Schutz­raum mehr ist, sondern Teil des Systems, das es kriti­siert.