Review
A House of Dynamite
Das Denken über den Krieg als Schlachtfeld
Das Denken über den Krieg als Schlachtfeld
Kathreen Bigelows verstörender „Vor-Kriegsfilm“ ist vor allem ein Film über das Ende jeglicher Entscheidungshoheit. Und ein großartig inszenierter Film über das Zittern vor der eigenen Macht
Kathryn Bigelow hat wieder einen Kriegsfilm gedreht – und zwar einen der vielleicht markantesten, ungewöhnlichsten Antikriegsfilme unserer Gegenwart. A House of Dynamite, auf den Filmfestspielen in Venedig ohne Preis geblieben, aber mit 13-minütigen Standing Ovations gewürdigt, ist ein Werk von fast verstörender Nüchternheit, ein Film über den Moment vor dem Knall, über die lähmende Sekunde, in der die Welt innehält und der Mensch – oder was von ihm übrig ist – entscheiden muss, ob er weiterexistieren will. In seiner Form ist der Film ebenso radikal wie Alex Garlands Warfare, und doch ganz anders: Wo Garland den Krieg auf die Ebene der einfachen Soldaten herunterbrach, die Angst, Überraschung, Schmerz und Tod in Echtzeit erleben, verlegt Bigelow dieses Szenario in die Kommandozentralen der Macht.
Es beginnt mit einem Warnsignal. Eine Rakete mit Atomsprengkopf ist unterwegs, die Herkunft ist unklar. Sekunden später befindet sich die Regierung der Vereinigten Staaten in einem Zustand kontrollierter Panik. In drei Kapiteln – jedes auf einer anderen Hierarchieebene erzählt – führt uns Bigelow von den Analysten in den fensterlosen Räumen des Verteidigungsministeriums und des Weißen Hauses über die Strategen im Nationalen Sicherheitsrat bis in das Umfeld des Präsidenten selbst. Und dort, an der Spitze, bei Idris Elba als Präsident und Jared Harris als Verteidigungsminister, verwandelt sich das Haus der Demokratie in jenes titelgebende House of Dynamite: ein Bauwerk, das durch die kleinste Bewegung in sich selbst explodieren könnte. Doch gleichzeitig lässt sich dieses Bild von dieser Mikroebene auf die ganze Welt übertragen, in der inzwischen selbst die irrsten Autokraten Zugriff auf Atomwaffen haben.
Wie Garland in Warfare reduziert Bigelow den Krieg auf sein Skelett, befreit ihn von Heldenmythos, Patriotismus, Moral. Nur dass bei ihr der Krieg nicht draußen, sondern drinnen stattfindet. Die Frontlinie verläuft quer durch den West Wing. Ihre Figuren kämpfen nicht mit Waffen, sondern mit Codes, Terminals, Wahrscheinlichkeiten. Ihre Gegner heißen nicht Taliban, Russen oder Rebellen – sie heißen Unsicherheit, Misstrauen und Überforderung. A House of Dynamite ist ein filmisches Seismogramm der Entmachtung: die USA als Supermacht, die noch das Ritual der Kontrolle beherrscht, aber längst keine Kontrolle mehr hat.
Die Inszenierung ist hyperreal. Man spürt, dass Bigelow ihre militärische und politische Recherche wie so oft sehr ernst genommen hat. Jeder Blick, jedes Kommando, jede abrupte Stille wirkt auch dokumentarisch. Volker Bertelmanns Score – düster, pulsierend, von tiefen Streichern getragen – legt sich wie ein gleichmäßiger Herzschlag unter die Handlung, bis man nicht mehr weiß, ob das überhaupt noch ein Soundtrack oder vielmehr verpuffendes Leben ist. Kameramann Barry Ackroyd (der schon Bigelows The Hurt Locker filmte) verleiht dem Chaos Struktur: mit vibrierenden, aber nie ornamentalen Bildern.
Bigelow inszeniert den Ausnahmezustand als Ritual. Jeder Handgriff, jede Entscheidung ist Teil eines einstudierten Protokolls, das niemand mehr versteht. Diese Choreographie des Unvermeidlichen spiegelt jene, die Garland in Warfare zeigte – dort die körperliche, hier die administrative Exekution. In beiden Filmen zerbricht der Glaube an Kontrolle. Doch während Garland das „Wie“ des Krieges zeigt, zeigt Bigelow das „Warum“.
Dass der Film nie zeigt, ob die Rakete einschlägt, erzeugt eine fast schon paranoide Unsicherheit. A House of Dynamite endet, bevor es zur Explosion kommt – ein „Coitus interruptus“ des Kriegsfilms, wie man ihn so noch nicht gesehen hat. Er verweigert die Katharsis, auf die Jahrzehnte von Atomfilmen uns konditioniert haben: kein The Day After, kein Das letzte Testament, kein Schwarzer Regen, kein On the Beach. Nur die lähmende Ahnung, dass das Danach nichts anderes wäre als das Davor – nur ohne Menschen.
Bigelow verwandelt diese Verweigerung in ihre größte Stärke. Sie zeigt das Denken über Krieg als das eigentliche Schlachtfeld. Wenn Idris Elba, großartig zurückgenommen, zwischen Kapitulation und Gegenschlag zögert, wenn er begreift, dass jede Option den Untergang bedeutet, wird das Oval Office zur Zelle der Moderne. Seine Gedanken – halb Stoßgebet, halb Protokollnotiz – sind die stärksten Momente des Films, denn sie machen schon in der Erkenntnis was ist – Wahnsinn oder Realität – wie auch in der Schlussfolgerung – Kapitulation oder Selbstmord – deutlich, dass keine Entscheidung richtig sein kann.
Rebecca Ferguson als Captain Walker, die zwischen Loyalität und Logik zerrieben wird, und Greta Lee als Nordkorea-Expertin, die in einem einzigen Blick den ganzen Wahnsinn der internationalen Paranoia ausdrückt, setzen leise Akzente in diesem Machtpoker. Selbst Nebenrollen wie Tracy Letts’ General Brody oder Jared Harris’ Verteidigungsminister Baker sind beeindruckend gut besetzt. Niemand spielt hier einen Helden. Alle spielen Funktionsreste.
Wie schon in The Hurt Locker und Zero Dark Thirty geht es Bigelow um die Unmöglichkeit einer Entscheidung. Aber A House of Dynamite geht weiter: Es entlarvt die Entscheidungsmechanik selbst als Farce. Die Maschine läuft, egal was der Mensch tut. Und das ist das eigentlich Beunruhigende an diesem Film – dass seine Fiktion längst kein Zukunftsszenario mehr ist. Die Welt, in der eine Fehlinterpretation genügt, um Millionen zu töten, ist keine Dystopie. Sie ist die Tagesschau.
Bigelow zeigt kein Heldentum, keine Moral, nur Strukturen. Und doch ist A House of Dynamite zutiefst menschlich. Weil in jeder Entscheidung, in jeder Schweigeminute, in jedem Zucken von Idris Elbas Gesicht jene uralte Angst sichtbar wird, die Garland in Warfare auf der Straße, in den Gesichtern der Soldaten, fand: die Angst vor der Bedeutungslosigkeit des Todes.
Dass Netflix als Produzent diesen Film nur in limitierter Kinoauswertung zeigt (bevor er am 25. Oktober auf Netflix laufen wird), ist fast ein Sakrileg. Bigelows Bilder gehören auf die große Leinwand, in laute Dolby-Atmos-Räume. Denn A House of Dynamite ist nicht nur ein Film – er ist ein physisches Ereignis. Die Tonspur, das Licht, die Schnitte wirken wie sensorische Schläge: Der Krieg kommt nicht, er ist schon da, nur in anderer Form.
A House of Dynamite sieht sich an wie der folgerichtige Abschluss einer Trilogie, die Bigelow nie geplant, aber intuitiv geschaffen hat: The Hurt Locker (der Krieg als Arbeit), Zero Dark Thirty (der Krieg als Obsession) und jetzt A House of Dynamite (der Krieg als Ohnmacht). Was in den 2000ern noch als Entschärfung begann, endet jetzt in der völligen Explosion – nur dass sie nicht gezeigt, sondern gedacht wird. Es ist auch eine kompromisslose, äußerst nüchterne Bestandsaufnahme der militärischen Entmachtung Amerikas in einer neuen Weltordnung.
Am Ende bleibt die Kamera auf dem Präsidenten, der in indifferentem Licht in seinem Helikopter sitzt. Keine Musik. Kein Knall. Nur das Ticken der Uhr. Die Rakete ist unterwegs, vielleicht schon da. Bigelow lässt sie nicht einschlagen. Sie weiß, dass das Kino längst kein Schutzraum mehr ist, sondern Teil des Systems, das es kritisiert.