Review
A Most Wanted Man
Spinn dein Netz, erfinde, warte
Spinn dein Netz, erfinde, warte
»Wir führen Krieg, um den großen Krieg zu verhindern.« Sicher hätte Günther Bachmann nichts gegen diese Berufsbeschreibung, die Alec Leamas in Der Spion, der aus der Kälte kam, vor Jahrzehnten von sich gab. Bachmann (Philip Seymour Hoffman) ist Leiter einer kleinen deutschen Geheimdienst-Spezialeinheit in Hamburg. Während Leamas einst gegen den Kommunismus spionierte, befindet sich Bachmann mit seinem kleinen Team im Kampf gegen islamistische Terrorgefahr. Neue Impulse könnten von einem soeben aufgetauchten Tschetschenen kommen, der mithilfe der jungen Anwältin Richter (Rachel McAdams) dringend den Privatbankier Brue (Willem Dafoe) aufsuchen will. Gleichzeitig haben Bachmann und seine Leute auch den Wohltäter Dr. Faisal Abdullah im Visier, den sie der Kontakte zu militanten islamistischen Gruppen verdächtigen. Um handfeste Beweise zu liefern, bräuchte Bachmann mehr Zeit – erschwerte Arbeitsbedingungen also, zumal weder der örtliche Dienststellenleiter Mohr (Rainer Bock) noch die CIA-Mitarbeiterin Sullivan (Robin Wright) sich sonderlich kooperationsbereit zeigen.
Der Deutschland-Start von Anton Corbijns Agententhriller A Most Wanted Man am 11. September ist kein Zufall: Der Film basiert auf John le Carrés Roman »Marionetten« von 2008, der ebenfalls Hamburg als Schauplatz hat – Symbol des Totalversagens der Geheimdienste, vor deren Augen Mohammed Atta und seine Unterstützer einst die Anschläge von 2001 unbemerkt planen konnten.
Es ist ein dem Datum würdiger Gedenkfilm, der nicht Rückschau halten muss. Seine klare nüchterne Dialogführung und die herbstlichen Bilder Hamburgs als kalte Hafenmetropole sind eine unaufdringliche, aber umso eindringlichere Einladung, Schlüsse zu ziehen, wie sehr die Katastrophe vor dreizehn Jahren unsere Auffassungen von Sicherheit verändert haben und was beängstigend gleich geblieben ist: »Es gab Hinweise, Spuren eine Fülle von Einzelinformationen, aber niemand fügte die Puzzleteile zusammen«, schrieb »Spiegel online« 2006 zum Stand der Ermittlungen von 9/11. Der Film zeigt Geheimdienstarbeit, die zwar gelernt hat, Puzzleteile zusammenzufügen und dabei fehlende mitunter selbst konstruiert – bei Zweckdienlichkeit auch aus Gift und Dreck – die aber auch aufgrund von nicht weniger als Emotionen den Erfolg riskiert. Spinn dein Netz, erfinde, warte, wenn du kannst – immer wieder ist es die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, die in dem fast actionfreien Thriller A Most Wanted Man die Spannungsintervalle bestimmt.
Diese Le-Carré-Verfilmung mag nicht die emotionale Tiefe von Der ewige Gärtner, nicht die erzählerische Eleganz von Dame, König, As, Spion haben. Ihre Stärke besteht vor allem in der Darstellung der Hauptfigur: Auch seine letzte Rolle als Günther Bachmann vor seinem plötzlichen Tod Anfang Februar dieses Jahres stattet Philip Seymour Hoffman mit ungeheurer Kraft aus. Die wird zum einen von Bachmann dafür benötigt, eine physische Fassade zu erhalten, hinter der sich die Niederlagen in seiner Biographie nur erahnen lassen, zum anderen, um dem Druck standzuhalten, der sich in exzessivem Suchtmittelkonsum mitteilt – wie bei seinem idealistischen Seelenverwandten Alec Leamas, dargestellt vom anderen Schauspieler-Berserker Richard Burton in Martin Ritts Der Spion, der aus der Kälte kam. Immer wieder sind in Corbijns Thriller Referenzen auf dieses Meisterwerk von 1965 zu finden, vor allem in der unmittelbaren Konfrontation der Welt der Zivilisten mit dem Universum der Spionage. Gerade dann, wenn er sich wie einst Leamas erklären muss, läuft Seymour Hoffmans Bachmann zur Höchstform auf. Und lässt seinen Zuschauer mit einer Mischung aus Unbehagen und großer Traurigkeit zurück.