Review
A Perfect Day
Missionare, Söldner & Marsianer
Missionare, Söldner & Marsianer
Über den Balkankonflikt des ausgehenden 20. Jahrhunderts gibt es zahlreiche filmische Auseinandersetzungen. Von Angela Jolies ambivalenten Ansatz In the Land of Blood and Honey, der explizit auf den Massenmord fokussiert bis hin zu der Fakten und Fiktionen vermengenden und die mediale Perspektive in den Mittelpunkt stellenden Arbeit von Michael Winterbottoms Welcome to Sarajevo ist so ziemlich alles dabei. Dass nun mit Fernando León de Aranoas A Perfect Day ein Film über die militärischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien in die Kinos kommt, der sich mit der Arbeit einer NGO kurz vor Kriegsende beschäftigt, scheint auf den ersten Blick ein wenig redundant, mehr noch, als die Geschichte sich in einem Satz erzählen lässt: Mitarbeiter einer NGO suchen verzweifelt nach einem Seil, um einen Leichnam aus einem Brunnen zu ziehen.
Doch was Fernando León de Aranoa aus diesem Satz macht, ist alles andere als überflüssig. Es ist ein aufregender, komischer und grausamer Trip in die Abgründe kriegerischer Auseinandersetzungen und den Alltag von Hilfsorganisationen in umkämpften Gebieten. Das mag vor allem daran liegen, dass de Aranoa seine Wurzeln nicht allein im fiktiven Erzählen hat (Montags in der Sonne, 2002), sondern immer wieder auch dokumentarisch gearbeitet hat und das Sujet, über das er in A Perfect Day erzählt hat, tatsächlich kennengelernt hat: sowohl 1995 in einem Film über den Bosnienkonflikt (Refugiados de Bosnia/Izbjeglice) wie auch 2014 in einer Dokumentation über die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Norduganda. Hier hörte er auch erstmals von Paula Farias Roman »Dejarse Ilover«, der sich explizit mit dem Alltag eines Notfallkoordinationsteams auseinandersetzt und stark auf die eigenen Erfahrungen der Autorin als längjährige Ärztin und Notfallkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen referenziert.
Die Stärke des Romans – sich über Humor und Absurdität an die Grausamkeit des Krieges und ihre im Stillen agierenden Helfer heranzutasten – setzt de Aranoa kongenial auf gleich mehreren Ebenen um. Zum einen versammelt er ein Ensemble, das mit Benicio del Toro, Tim Robbins, Olga Kurylenko, Melanie Thierry und Fedja Stukan nicht nur die Schizophrenie der Helfer in ihrer fragilen Persönlichkeitszusammesetzung aus Missionar, Söldner und Marsianer darstellt, sondern auch die spitzen, wuchtigen und immer wieder komischen Dialoge überzeugend in eine Alltäglichkeit einbettet, der nur durch die Groteske überhaupt so etwas wie Alltäglichkeit abgerungen werden kann.
Zum anderen treibt de Aranoa seine Geschichte nicht nur durch eine bergigen »Mikrokosmos«, der sinnbildlich für jeden anderen Konflikt steht und immer wieder gerade dadurch besticht, dass von einem Moment zum anderen aus der lieblichsten Bergregion ein Abgrund des Grauens wird, nein er unterlegt die ohnehin schon atemberaubend dahinrasende Geschichte auch noch mit einem wilden Soundtrack, der mit Punkrock-Elementen die tarantinoesken Momente des Plots geschickt bricht und auf eine völlig überraschende Ebene überführt. Eine Ebene, auf der der Krieg mit seinen Opfern auch wirkliche Betroffenheit auslösen darf, ohne – wie etwa in Tarantinos Django Unchained – von den komödiantischen und grotesken Momenten gleichzeitig verraten zu werden.