Skip to content

Review

A Quiet Place

Trügerische Ruhe

Mundhalten als Überlebensmaxime

Trügerische Ruhe

Die jugend­liche Regan (Millicent Simmonds) liegt entspannt im Gras und genießt die Sonne. Sie lebt gemeinsam mit ihren Eltern Lee (John Krasinski) und Evelyn (Emily Blunt) sowie ihrem jüngeren Bruder Marcus (Noah Jupe) in einem male­ri­schen Landhaus inmitten einer idyl­li­schen Natur. Nur ihr kleiner Bruder Beau (Cade Woodward) ist nicht mehr Teil der Familie: Er wurde ein Jahr zuvor von blut­dürs­tigen Aliens wegge­fressen.

Wir wissen nicht, wie es zu der Alien­in­va­sion im Jahr 2020 kam. Am Anfang von A Quiet Place erfahren wir lediglich, dass der Beginn dieser Apoka­lypse zu diesem Zeitpunkt genau 89 Tage zurücklag. Die Klein­stadt im Bundes­staat New York, in der die Familie Abbott lebt, ist verwüstet. Auf der Suche nach Medi­ka­menten für den kranken Marcus schlei­chen die Abbotts durch einen leer­ste­henden Drugstore. Dabei versuchen sie, jedes laute Geräusch zu vermeiden und vers­tän­digen sich nur flüsternd oder in Zeichen­sprache. Spätes­tens, als es auf dem Heimweg den kleinen Beau erwischt, verstehen wir, warum das so ist: Die Aliens sind zwar blind, haben dafür aber umso größere Ohren.

Die in A Quiet Place vorherr­schende Ruhe ist folglich kein Zeichen eines besonders entspannten Lebens, sondern eine schiere Notwen­dig­keit, um zu überleben. Diese inter­es­sante und origi­nelle Prämisse versteht Regisseur, Koautor und Haupt­dar­steller John Krasinski auf geradezu meis­ter­liche Weise auszu­spielen. Während die meisten Horror­filme mit viel Lärm und noch lauteren Angst- und Schmer­zens­schreien arbeiten, versuchen die Prot­ago­nisten hier selbst dann mucks­mäu­schen­still zu bleiben, wenn sich ihnen ein rostiger Nagel bis zum Anschlag in die Fußsohle bohrt. Diese unbe­dingte Notwen­dig­keit zur Stille zeigt sich jedoch nicht nur in einzelnen, besonders brenz­ligen Situa­tionen, sondern bestimmt den gesamten Tages­ab­lauf der Familie.

Zu den zahl­rei­chen span­nungs­stei­gernden Details der Geschichte zählt die Tatsache, dass Regan taub ist. Somit ist die voll­kom­mene Stille für sie der Normal­zu­stand. Doch zugleich macht sie die Unfähig­keit zu hören besonders anfällig dafür, poten­ziell tödliche Gefahren zu übersehen. So schreckt sie in der oben beschrie­benen Szene auf einer grünen Wiese plötzlich panisch hoch, weil sie befürchtet, mit geschlos­senen Augen vor sich hinträu­mend mögli­cher­weise die nächste Alien­at­tacke verschlafen zu haben. Dass diese Figur eines gehör­losen Mädchens so lebens­echt wirkt, liegt sicher­lich auch daran, dass Regan von der tatsäch­lich tauben Schau­spie­lerin Millicent Simmonds (Rose aus Todd Haynes Wonder­struck von 2017) darge­stellt wird.

Überhaupt legt der bislang selbst vorrangig als Darsteller in Erschei­nung getretene John Krasinski ein auffal­lend hohes Augenmerk auf die Ausar­bei­tung der einzelnen Charak­tere und der Dynamik innerhalb der Familie. Im Zentrum der Handlung steht nicht die Alien­ab­wehr, sondern das Bemühen der Eltern, ihren Kindern auch unter diesen extremen Umständen ein möglichst normales Aufwachsen zu ermög­li­chen. Und in Gestalt der puber­tie­renden Megan verbinden sich die ganz gewöhn­li­chen Fami­li­en­pro­bleme mit rebel­li­schen Teenagern mit der außer­ge­wöhn­li­chen außer­ir­di­schen Gefahr in Form von fiesen Aliens mit riesigen Rada­r­ohren und gewal­tigen Hauern.

Dabei ist Krasinski so klug, die todbrin­genden Kreaturen, wie in Ridley Scotts origi­nalem Alien, für lange Zeit nicht zu genau zu zeigen. Was anno 1979 noch eine schlichte Notwen­dig­keit aufgrund der Begrenzt­heit der Trick­technik war, erweist sich im Jahr 2018 als ein äußerst smarter Schachzug: Bereits der Autor H. P. Lovecraft wusste, dass die erschre­ckendsten Kreaturen dieje­nigen sind, deren genaues Aussehen wir uns in unseren eigenen Köpfen ausmalen. Wenn die außer­ir­di­schen Monster in A Quiet Place schließ­lich doch in voller glibbe­riger Pracht in Erschei­nung treten, ist das eine durchaus ambi­va­lente Sache. Dabei faszi­niert der Detail­reichtum in der Gestal­tung. Zugleich wird jedoch ein weiteres Mal deutlich, dass komplett im Rechner kreierte Monster nach wie vor etwas zu abstrakt bleiben. Kein Wunder, dass bis heute viele Horror­fans auf die in liebe­voller Hand­ar­beit erschaf­fenen und animierten grotesken Latex­monster der 1980er-Jahre schwören.

Davon abgesehen hat Krasinski offen­sicht­lich viel von den besten Genre­filmen jener Zeit gelernt. Anstatt auf möglichst aufwen­dige Effekte setzt er voll auf ein Maximum an Atmo­s­phäre und auf eine selbst in den alltäg­lichsten Momenten schier uner­träg­liche Spannung. In A Quiet Place herrscht gerade inmitten der größten Norma­lität die höchste Bedrohung. Eine der gelun­gensten Szenen des Films zeigt somit auch keinen Alien­an­griff, sondern das Bemühen von Lee und Evelyn um eine wohl­ver­diente Auszeit: Das von John Krasinski und Emily Blunt verkör­perte Paar – das auch im realen Leben ein Ehepaar mit Kindern ist – hört eng anein­an­der­ge­schmiegt laut Musik. Dazu teilen sie sich die zwei Knöpfe eines Kopf­hö­rers. Alles andere wäre auch eindeutig weniger ratsam.