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Review

A War

Simplex, komplex, multiplex

Intensives Pulsieren

Simplex, komplex, multiplex

»When Charona was trying to explain it to me, she asked me what the most important thing there was. [...]«
»Very good. Anyone who can give a nonre­la­tive answer to that question is simplex.«
Empire Star, Samuel R. Delany

Die Welt wird kleiner und enger, undurch­sich­tiger und kompli­zierter. Das liegt neben unzäh­ligen, undurch­sich­tigen und kompli­zierten anderen Gründen auch daran, dass regionale Moral­vor­stel­lungen nicht mehr auf ihre Regionen begrenzt sind und die westliche Welt wie in den besten Kolo­ni­al­zeiten versucht zu retten, was zu retten ist, vor allem sich selbst. Dazu gehören sowohl die Abwehr­me­cha­nismen gegen terro­ris­ti­sche Aggres­sion im Inneren des Systems als auch die zahl­rei­chen Auslands­ein­sätze, die den Terror schon im Keim ersticken sollen, indem sie so genannten terror-afinen »failed States« zivil­ge­sell­schaft­liche Struk­turen imple­men­tieren helfen. Die damit einher­ge­henden mora­li­schen Dilemmata dieser Aktionen sind inzwi­schen fast genauso kompli­ziert wie ihr Überbau. Kein Wunder also, dass die Versuche, das alles noch zu verstehen, umso verzwei­felter und ideen­rei­cher ausfallen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Ferdinand von Schirachs Thea­ter­stück »Terror«, das seit Herbst 2015 deutsch­land­weit, auch im Metropol- Theater in München, mit großem Erfolg gespielt wird. Die Zuschauer verfolgen dort einen Gerichts­pro­zess um einen Bundes­wehr­pi­loten, der eigen­mächtig gegen das Gesetz gehandelt hat, indem er eine von Terro­risten gekaperte Maschine abge­schossen hat, um noch mehr Opfer durch den geplanten Absturz auf die Allianz-Arena während eines Fußball­spiels zu verhin­dern. Am Ende dürfen die Zuschauer über eine Abstim­mung am Urteil mitwirken, bei dem deutsch­land­weit bislang der Frei­spruch dominiert (Stand April 2016).

Ein besseres Beispiel als Ferdinand von Schirachs Thea­ter­stück »Terror« in der Insze­nie­rung von Jochen Schölch ist jedoch Tobias Lindholms Film A War. Viel mehr als Schirach versteht es Lindholm, der auch das Drehbuch schrieb, ein sehr ähnliches Dilemma nicht auf einen dann doch recht stati­schen „Versuchs­aufbau“ und eine simplexe Verfah­rens­lö­sung zu redu­zieren, sondern die Komple­xität von mora­li­schen Prin­zi­pien in Zeiten des Krieges und ihre Auswir­kungen auf verschie­dene Schichten der Gesell­schaft zu verdeut­li­chen. Lindholm benötigt dazu aller­dings neben dem auch bei ihm wichtigen „Gerichts­raum“ zwei weitere Orte. Zum einen Afgha­nistan, wo sich Komman­dant Claus M. Pederson (Pilou Asbæk) zwischen Taliban-Eingren­zung, Zivil­schutz und dem Wohl seiner eigenen Männer entscheiden muss, zum anderen den Alltag von Pedersons Frau Maria (Tuva Novotny) mit ihren drei Kindern, die versucht die instabile Fami­li­en­si­tua­tion aufzu­fangen, mehr noch als ihr Mann angeklagt wird, ein Kriegs­ver­bre­chen begangen zu haben, weil er im Versuch seine eigenen Männer zu retten, einen Luft­an­griff auf die angrei­fenden Taliban befohlen hat, der seine Männer zwar rettete, aber auch Zivilopfer forderte.

Hiermit verlegt Lindholm den Abschluss seiner Handlung in einen unspek­ta­ku­lären, dänischen Gerichts­saal. Wie Schirach, versucht auch Lindholm über das Gericht, der Frage nach­zu­gehen, was richtig und was falsch ist. Statt jedoch eine wie auch immer geartete popu­lis­ti­sche Entschei­dung – über immer wieder stereo­type Hand­lungs­ele­mente – zu erzwingen, vertraut Lindholm der multi­plexen Sachlage. Statt zu verein­fa­chen, wagt er diffe­ren­zierte Einblicke in die Befind­lich­keit (fast) aller Betei­ligten und veran­schau­licht ein mora­li­sches Dilemma, dass unlös­barer nicht sein könnte und dennoch gelöst werden muss. Lundholm kommt hier seine Erfahrung mit ähnlichen mora­li­schen Patt­si­tua­tionen zu Gute – etwas seiner Dreh­buch­mit­ar­beit an Thomas Vinter­bergs Die Jagd – wird aber zudem durch ein großar­tiges Ensemble an Schau­spie­lern gestützt, die dieser Grat­wan­de­rung tatsäch­lich Leben einhau­chen. Ein Leben, dass in seiner Verzweif­lung, Uner­träg­lich­keit und Authen­zität so intensiv pulsiert, dass einem angst und bange wird. Aller­dings nicht nur um die Prot­ago­nisten und ihre Lebens­li­nien, sondern auch um unsere Zukunft und nicht zuletzt um uns selbst.