Skip to content

Review

Abteil Nr. 6

Das Eis zum Schmelzen bringen

Filmszene »Abteil Nr. 6«
Dead End in Murmansk (Foto: eksystent)

Das Eis zum Schmelzen bringen

Das Railmovie Abteil Nr. 6 führt in den hohen russischen Norden – und lässt eine feministische Finnin auf einen toxischen Russen treffen

Im Abteil Nr. 6 ist dicke Luft. Das kommt nicht nur von Ljohas Selbst­ge­drehten. Laura, eine Finnin, die sich wahn­sinnig auf diese Reise in den hohen Norden von Russland gefreut hatte, weil sie endlich in Murmansk die berühmte Felsen­ma­lerei sehen will – sie studiert in Moskau Archäo­logie – ist der Wodka saufende Russe ein Dorn im Auge. Sie ist geradezu erschüt­tert von seinen schlechten Manieren und erbost über seine Anmach­ver­suche. Als er sie fragt, was »ich liebe dich« auf Finnisch heißt, sagt sie »vittu sinua«, fick dich.

Es sind die 1990er Jahre, tiefer Winter. Russland hat gerade seinen Eisernen Vorhang aufge­macht, es ist die Zeit von Pere­stroika und Glasnost. Laura ist mit Natalia liiert, die in ihrem Wohn­zimmer in Moskau gerne Salons abhält – sie ist eine Vertre­terin der frei­geis­tigen Intel­li­gent­sija. Aus dieser Sphäre fährt Laura nun mit der Murm­an­bahn 1500 Kilometer durch den Winter gen Norden, an den Arkti­schen Ozean. Im Liege­wagen lassen sich die Pritschen tagsüber hoch­klappen, was eine strenge Schaff­nerin überwacht. Laura will sie nicht helfen, als diese darum bittet, ein anderes Abteil zu bekommen. Hier gibt es keine Soli­da­rität mit der Auslän­derin und schon gar nicht mit einer Frau, die Angst vor einem Mann hat.

Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen, den man von Der glück­lichste Tag im Leben des Olli Mäki (2016) kennt, hat mit Abteil Nr. 6 eine zwar denkbar stereo­type Ausgangs­lage geschaffen, übernimmt aber nur den Blick von Laura, der unsi­cheren Finnin, die heraus­ge­worfen wird aus ihrem geschützten Moskauer Cocon mit Univer­sität und lesbi­scher Liebe. In Murmansk erwartet sie eine eisige Land­schaft, und Natalia geht nicht ans Telefon, wenn sie auf den vielen Halts in den Bahnhöfen in eine Tele­fon­zelle eilt, um sie anzurufen. Seidi Haarla spielt die boden­s­tändig wirkende Finnin, ihre Laura muss sich immer wieder innerlich sammeln und zusam­men­reißen. Als Frau ganz allein in den hohen Norden zu fahren, hatte sie unter­schätzt. Der Norden ist Wildnis, das wird mit jedem Kilometer, den sie sich von Moskau entfernt, immer klarer. Ljoha, der als Berg­ar­beiter in Murmansk malocht, ist hierfür nur der Vorge­schmack. Yuriy Borisov spielt ihn, er war schon bei Andrey Zvyag­intsev in Elena (2011) zu sehen. Als russi­scher Schau­spieler wurde er jetzt Trigger für einen Film-Boykott durch die Multiplex-Kinokette CineStar, die ihn aus falsch verstan­dener Ukraine-Soli­da­rität heraus canceln wollte. Nach heftigen Protesten des deutschen eksystent-Verleihs und des Produ­zenten Achtung Panda! wurde schleu­nigst zurück­ge­ru­dert und irgend­etwas von Versehen gemurmelt. Der Eindruck, dass hier plumpe Reflexe am Werk sind, bleibt.

Dabei seziert der Film sehr genau, wie Vorur­teile wirken. Denn plumpe Reflexe gegenüber dem Russen lassen sich anfäng­lich auch bei der Finnin finden. Erst allmäh­lich, in einem langsamen, span­nungs­vollen Pas de deux hören sie auf, sich gegen­seitig zu belauern und mit Blicken in dem engen Abteil, in dem sie Tag und Nacht eine Zwangs­ge­mein­schaft bilden, zu bekämpfen. Juho Kuosmanen zeigt hier eine große Regie­kunst, dafür hat er in Cannes den Grand Prix der Jury erhalten.

In diesem Railmovie aber ist die Fahrt nicht das einzige Ziel. In einer lange ausklin­genden Coda lässt Kuosmanen seine Prot­ago­nisten noch in Murmansk aus dem Zug steigen. Laura geht in ihr Hotel­zimmer, sie ist jetzt auf sich zurück­ge­worfen, im stillen Dialog mit ihrem dicken Buch über die Felsen­ma­lerei, die sie sehen will. Der Kame­ra­mann Jani-Petteri Passi fängt die Halbinsel Kola ein, zeigt die verschneite Leere, die dick vermummten Menschen, den Schnee, das Eis. Hier ist nichts außer der Bahn­hof­sta­tion, kleinen Straßen, dem Einstieg in das Bergwerk. Und um es vorweg­zu­nehmen: Hier ist auch keine Felsen­ma­lerei.

Span­nungs­voll an diesem nörd­lichsten Nicht-Ort ist, dass Murmansk heute ein wichtiger Knoten­punkt Russlands ist. Hier lässt die chine­si­sche Poly Group einen Kohle­hafen bauen, der den nörd­li­chen Seeweg mit der maritimen Seiden­straße verbinden und Trans­porte von Asien nach Europa über die arktische Route ermö­g­li­chen soll – davon ist in den Neun­zi­gern, der Zeit, in der der Film spielt, freilich nichts zu erahnen. Hier ist nur Leere und Abge­schie­den­heit zu sehen. Murmansk war früher das Ende der Welt – und wird es nach dem Ukraine-Krieg viel­leicht wieder sein.

Aber weil Abteil Nr. 6 in den Neun­zi­gern spielt, als für den Osten gerade eine neue Zukunft anbricht, erzählt der Film wie jedes andere Rail- oder Roadmovie auch von einer Initia­tion. Laura wird ihre Verklemmt­heit und Steifheit abwerfen, wird sich dem russi­schen Winter hingeben. Das ist mutig und enthält einen großen Versöh­nungs­ge­danken. Hoffent­lich bricht bald wieder die Zeit für Glasnost und Pere­stroika an.