Review
After Earth
Grautvornix Reloaded
Grautvornix Reloaded
„Und?“
»Nichts! Hau weiter zu! Der Schmerz nimmt war zu, aber die Angst bleibt aus.«
(Goscinny/Uderzo in Asterix und die Normannen [1])
Es ist schwierig über einen Film zu schreiben, der bereits im Zuge des amerikanischen Release derartig vernichtet worden ist, dass man schon Gallier eines kleinen Dorfes sein muss, um einen klaren Kopf zu bewahren. Die Kritik beginnt beim endgültigen Niedergang eines Regietalents (M. Night Shyamalan – The Sixth Sense), reicht von Nepotismusvorwürfen (Story von Will Smith, Hauptrollen: Will Smith und sein Sohn Jaden) über technische Vorwürfe (schlechtes CGI) bis zu religionskritischen Buhrufen (Scientology). Kurzum – nach Battlefield Earth, der schlechteste Science-Fiction Film aller Zeiten.
After Earth ist bei weitem nicht so schlimm. Zwar rankt sich die Geschichte der Notlandung des Helden Cypher (Will Smith) und seines unbedarften Sohnes Kitai (Jaden Smith) auf der verlassenen und inzwischen menschenfeindlichen Erde um zahlreiche Action-Stereotypen, doch versteht Shyamalan diese durchaus interessant zu brechen und mit klassischen Coming-of-Age-Elementen anzureichern. Kitai muss auf der Suche nach dem rettenden Notfallsender nicht nur den verletzten Vater zurücklassen, sondern sich einer bösartigen Wildnis stellen, die ihn nicht nur vom Vater emanzipieren, sondern wie fast alle menschlichen „Rite-de-Passage“-Inszenierungen, zu einem souveränen Menschen machen wird, der erst in seiner Unabhängigkeit eine egalitäre Beziehung zu seinem Vater und zu seiner Vergangenheit etablieren kann. Mehr noch fasziniert diese Geschichte, als auch Cypher erstmals seine – dominante – Rolle zu hinterfragen beginnt. In einem wechselvollen, den ganzen Film überspannenden Dialog mit dem Sohn verändert sich jedoch nicht nur ihre hierarchische Beziehung, sondern durchaus überraschend und in einer fast ironischen Abkehr vom klassischen Männerheldenmodell auch ihre Männerrolle. Da auch der Planet zaghaft „anders“ auf diese „neuen“ Menschen reagiert, sind wohl auch die Ursa, von Außerirdischen konstruierte Monster, die allein auf das Angstverhalten von Menschen abgerichtet sind, weniger Außenwelt, als psychosozialer LSD-Trip und ein adäquates Symbol für den Kampf gegen übermächtige Vatergestalten. Interessant sollte diesbezüglich die Boulevardpresse der kommenden Jahre zu lesen sein, dürfte dort doch als erstes zu finden sein, ob dieser augenfällig selbsttherapeutische Trip von Vater Will und Sohn Jaden auch heilende Wirkung hatte.
Eingebettet sind diese intrafamiliären Beziehungsabgründe in eine hübsch anzusehende Dystopia- und SF-Landschaft – ohne dabei allerdings auch nur in Ansätzen an den ästhetisch innovativeren Oblivion oder an die brilliante Jagd- und Urwaldchoreographie von Mel Gibsons Apocalypto heranzureichen. Und in ein immer wieder spannendes, handlungsgetriebenes Korsett, das sich hauptsächlich aus zwei Trägerelementen zusammensetzt: der unberechenbaren Beziehung zwischen Mensch und Natur und der ebenso unberechenbaren Einschätzung, was Angst und Gefahr sind.
Die Auflösung dieser Antagonismen erinnert durchaus an Methoden von Scientology und des Neurolinguistischen Programmierens (NLP), aber auch an etliche andere, nicht in Verruf geratene filmische Heldenreisen – und nicht zuletzt an Asterix und Obelix und die ganz ähnliche Geschichte des Erwachsenwerdens und des Angstbezähmens um Majestix und seinen Enkel Grautvornix, bei der Miracalix, der weise Druide, nach 48 Seiten zu einer sehr ähnlichen Erkenntnis wie After Earth nach 100 Minuten kommt: »Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.« [2]
1. Goscinny/Uderzo: Großer Asterix Band IX, Asterix und die Normannen. S. 9. Stuttgart, 1971.
2. Ebenda, S. 48.