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Review

Aftersun

Der Lauf der Zeit

Filmszene »Aftersun«
Ein wunderschöner Film, ein atmosphärisches Meisterwerk... (Foto: DCM)

Der Lauf der Zeit

Ein Mosaik der vergehenden Zeit: Charlotte Wells' sensibles, kluges Filmdebüt

»Als du 11 Jahre alt warst, was dachtest du, würdest du jetzt tun?«
– Sophie, in: Aftersun

Dies ist einer jener Filme, die auf den ersten Blick um das große Nichts kreisen. Trotzdem keines­wegs »Slow Cinema« – vielmehr eine Reflexion über die Zeit und ihr Vergehen; die Zeit als treibende und sogar vernich­tende Kraft. Die Zeit ist in diesem Film eine verbor­gene Macht, die sich nach und nach offenbart, sie ist buchs­täb­lich der Schurke und Antago­nist dieser Geschichte.

Es ist eine Vater-Tochter-Geschichte. Man lernt Calum (Paul Mescal) und Sophie (Frankie Corio) ganz allmäh­lich immer besser kennen: Vater und Tochter, die aber fast wie Geschwister wirken. Er ist ein noch sehr jugend­li­cher Vater, und sie, 11-jährig, ist schon fast ein junges Mädchen, kurz vor der Pubertät. Beide haben eine enge Bindung zuein­ander, zugleich driften ihr Leben und ihre Lebens­si­tua­tion immer weiter ausein­ander.
Sie verbringen den Urlaub zusammen, in der Türkei und das nicht zum ersten Mal. Man sieht sie Billard­spielen, Tauchen, man spürt die exis­ten­ti­elle Verständ­nis­lo­sig­keit von Kindern gegenüber den Eltern, die auch anhält, wenn man selber erwachsen ist.
Calum ist nicht mehr mit Sophies Mutter verhei­ratet und ist aus seiner schot­ti­schen Heimat wegge­zogen; er fühlt sich dort nicht mehr zuhause. Überhaupt fühlt sich Calum nicht mehr wohl in seiner Haut, ganz im Gegenteil. Die flüch­tigen Kame­ra­auf­nahmen lassen sein wach­sendes Unbehagen, eine Schwermut spürbar werden.

Zu jung, um alt zu sein, und zu alt, um jung zu sein – Calum befindet sich in einem Zwischen­raum. Er wurde ungeplant Vater, er spürt die Zeit durch seinen Körper rinnen und hadert damit. Irgendwie bricht er immer noch auf und beginnt sein Leben, das längst begonnen hat, dann wieder hat er viel­leicht schon aufge­geben und mit ihm abge­schlossen.

Es gibt immer noch Raum zum Nach­denken, dazu alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen. Zu Calums Qualen gehört auch der Mensch und Vater, der er nicht ist, der zu sein er sich nicht in der Lage fühlt und der er wohl tatsäch­lich nicht sein kann.
Sophie dagegen sieht man auf der Leinwand bei ihrem Reife­pro­zess, beim Erwach­sen­werden zu. Aus einem ganz weichen Kind wird sie zu einer schon beinahe reifen jungen Frau.
Wir sehen auch verschwom­mene Zukunfts­vi­sionen eines Kindes von sich als erwach­sener Frau. »Als du 11 Jahre alt warst, was dachtest du, würdest du jetzt tun?«

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Schon als Kurz­film­re­gis­seurin scheute die Schottin Charlotte Wells nicht davor zurück, ganz intim und persön­lich zu sein, während sie sich mit Aftersun, ihrem Debüt im Spiel­film­format, noch in höhere, komple­xere Sphären erhebt. Selbst der ahnungs­lose Zuschauer braucht kein Wissen um Wells' Biografie, um zu spüren, dass sich hier die poetische Phantasie mit Erin­ne­rungen und Empfin­dungen an die letzte Begegnung zwischen ihrem Vater und der Tochter in einem Sommer­ur­laub in den 1990er Jahren mischen.

Diese retro­spek­tive Wieder­an­nähe­rung an die Vater­figur fällt mit der Schil­de­rung jener ersten tastenden Erfah­rungen zusammen, die ein Kind, Mädchen wie Junge, in der Phase der Adoles­zenz macht, vom Zugang zum Verbo­tenen bis hin zu den Inter­ak­tionen mit den Eltern und anderen »Großen«, die ihm ein klareres Verständnis für die Funk­ti­ons­weise der Welt der Erwach­senen vermit­teln.

Behutsam und sensibel wird Aftersun zu einer univer­sellen Parabel über die Facetten des Lebens, über Hoff­nungen und Erwar­tungen, Gelingen und Scheitern, die Welt der Kinder und Jugend­li­chen und die Welt der Erwach­senen – ein weltweit gefei­erter Film. (Nur die euro­päi­sche Film­aka­demie hat in den Massen­ab­stim­mungen für ihre Film­preise 'den Schuss nicht gehört' und diesen Film verpasst.)

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Das Debüt der 35-jährigen Britin ist ein philo­so­phi­scher Film: Ein Mosaik der verge­henden Zeit, eine hoch­sen­sible, gefühl­volle, dabei flockig leichte und keines­falls schwer­mü­tige Medi­ta­tion der Lebens­phasen, die uns allen im Lauf der Zeit durch die Finger gerutscht sind; die von uns selbst im Rückblick immer wieder neu konfi­gu­riert werden, durch Erin­ne­rungen, durch Inter­pre­ta­tionen, dadurch, dass wir sie wieder und wieder erzählen, auch uns selbst: verdicken, verfäl­schen, program­mieren.
Charlotte Wells legt dieses Haupt­thema von Anfang an offen dem Betrachter dar: Archiv­bilder werden in einer Szene zurück­ge­spult, sodass wir den Zustand der Erin­ne­rung als einen gemachten kennen lernen.

Alles existiert auf offener Bühne: die Gegenwart wie die Vergan­gen­heit, und beide haben gleiches Gewicht bei der Fabri­ka­tion dessen, was wir sind. Und dies, wer wir sind, ist in der Regel eine wachsende Ansamm­lung von Erfah­rungen, Ereig­nissen, Menschen, Orten – von der Zeit.

Dies ist auch ein Film über die Aufzeich­nungs­ma­schinen (Friedrich Kittler) und ihre Histo­ri­zität, die die Histo­ri­zität der Erin­ne­rungen selbst noch verdop­pelt. Denn man muss an diese mate­ri­ellen Erin­ne­rungen erst heran­kommen und man muss erst die je eigene Sperre und Grenze der tech­ni­schen und mate­ri­ellen Erin­ne­rungs­träger und -geräte über­winden. MiniDV und deren grobe Bilder, Pixel, aber auch das explosive schlie­rige Polaroid erwachen hier für kurze Zeit zum Leben.

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Die zarte, nur insgeheim höchst schmerz­hafte Trauer über Ende der Unschuld und der Beginn einer anderen Zeit sind das eine Gefühl, das dieser Film auslöst. Das andere ist die melan­cho­li­sche Trauer darüber, dass die Zeit vergangen ist, dass nicht alles so ist, wie man es sich verspro­chen hat, und dass es kein Zurück mehr gibt.

Es könnte ein Liebes­film sein und ist es auch, aber es geht um Vater und Tochter. Es geht hier um die Zeit – auch die nicht-lineare, darum, dass der Zugang zur Vergan­gen­heit nicht verloren geht. Und dass man sich trotzdem nicht in ihr verliert. Calum ist in einer anderen Zeit als seine Tochter; und Sophie sucht nach diesem Mann, der irgendwie in einer anderen Welt, der Vergan­gen­heit, geblieben ist.

Ein wunder­schöner Film, ein atmo­s­phä­ri­sches Meis­ter­werk.