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Review

Aheds Knie

Streit in der Wüste

Filmszene »Aheds Knie«
Mit Vanessa Paradis in der Wüste: Y (Foto: Grandfilm)

Streit in der Wüste

Der israelische Regisseur Nadav Lapid inszeniert in Aheds Knie eine nicht nur symbolhaft ausgetragene Israelkritik und beweist einmal mehr seine künstlerische Freiheit

Am west­li­chen Rande von Israel liegt die Arava-Wüste. Weit und breit gibt es hier nur staubiges, weißes Gestein und ausge­dörrte Pflanzen. Trotzdem kann man unver­mutet auf Fahr­rad­fahrer treffen, eine apoka­lyp­tisch und futu­ris­tisch anmutende Szenerie. So zumindest erzählt es Nadav Lapid in seinem neuen Film Aheds Knie, der immer wieder solche surrealen Irri­ta­ti­ons­mo­mente streut. Die Fahr­rad­fahrer gehören zu den 5000 Siedlern, die fernab der Zivi­li­sa­tion an der Grenze zu Jordanien wohnen. Mitte der Neunziger wurde die Wüsten­ge­gend einmal Schau­platz für Frie­dens­ver­träge mit dem Nach­bar­land, das Tote Meer und eine spek­ta­ku­läre Schlucht sind in dieser ansonsten unbe­schrie­benen Land­schaft die einzigen Fixpunkte. Das sagt Yahalom David (Nur Fibak), die verant­wort­lich ist für die Biblio­thek im Ort und als Ange­stellte des staat­li­chen Kultus­mi­nis­te­riums darüber wachen muss, dass alles seine Ordnung hat. Sie empfängt den Filme­ma­cher und Video­künstler Y. (auf Hebräisch auszu­spre­chen als »Yud«) (Avshalom Pollack), der mit einer kleinen Maschine aus Tel Aviv ange­flogen kommt, um der Wüsten-Gemeinde seinen neuesten Film vorzu­stellen.

Das Western-Motiv des Neuan­kömm­lings in einer abge­le­genen Gemein­schaft ist auch im vierten Spielfilm des israe­li­schen Regis­seurs Ausgangs­lage für die Frik­tionen seiner Figuren. Anders als in Synonymes, mit dem Lapid 2019 den Goldenen Bären der Berlinale gewann und der von einem jungen Israeli in Paris erzählte, bleibt er diesmal in Israel, begibt sich jedoch an dessen Randzonen, um diese auch meta­pho­risch auszu­loten: Gemeint sind hier auch die Ränder der Staats­raison, dort, wo der Staat aufhört, nach­voll­ziehbar zu agieren, mit seinen Bestim­mungen, mit seinem Staats­schutz, mit seinen Über­griffen auf die Bürger. Y. soll vor seinem Auftritt in der Biblio­thek ein offi­zi­elles Dokument des Kultus­mi­nis­te­riums unter­zeichnen, in dem er versi­chert, keine heiklen Themen anzu­spre­chen. Das erinnert an tota­li­täre Eingriffe in die Gedanken- und Rede­frei­heit – Lapid wieder­holt hier seine Kritik aus Synonymes, und wie dort wird in Aheds Knie die Haupt­figur von trau­ma­ti­schen Flash­backs aus dem Wehr­dienst eingeholt. Eine Erfahrung, die Lapids Film­schaffen seit seinem Debüt Policeman (2011) prägt.

Der Titel Aheds Knie verweist auf den Titel des nächsten Films von Lapids Alter Ego Y., den dieser zu Beginn in Tel Aviv mit einem Casting vorbe­reitet. Gefunden werden soll eine Darstel­lerin für die reale paläs­ti­nen­si­sche Akti­vistin Ahed Tamimi, die 2017 einen israe­li­schen Soldaten geohr­feigt hatte und dafür ins Gefängnis kam. Der Fall sorgte für einen Skandal, als der Politiker Bazalel Smotritch twitterte, sie habe eine Kugel verdient, zumindest in die Knie­scheibe. »Wo ist dein Sieg?«, fragt die Film-im-Film-Poli­zei­be­amtin. »Im Martyrium«, antwortet Ahed. – Ahed, der Name steht in Israel für Wider­stand und Zivil­cou­rage.

Dieses Film­pro­jekt also hat Y. im Kopf, als er, ange­schubst durch das Zensur-Formular, das er unter­zeichnen soll, ein zunächst stummes Wort-Duell in der Arava-Wüste auszu­tragen beginnt. Nachdem ihm das Formular vorgelegt wurde, stülpt er sich erst einmal die Kopfhörer über und hört auf Anschlag Vanessa Paradis mit »Be My Baby«, tanzt dazu und lässt seine Wut raus. Hoch und nieder hebt sich dazu die Kamera von Shaï Goldman, visiert die Sonne an, nimmt Drohnen-Perspek­tive ein, schwenkt auf und schwenkt ab, ganz so, als wäre ein Derwisch am Werk. Lapid hatte derartige Bild-Entfes­se­lungen auch schon in Synonymes zele­briert. Sie zeigen die Halt­lo­sig­keit und Verlo­ren­heit seiner Figuren, mani­fes­tieren aber auch seinen Wider­stand gegen allzu konven­tio­nelle Sicht­weisen auf die Welt und gegen eine sich unsicht­bar­ma­chende und dadurch posi­ti­ons­lose Film­sprache. Das Durch­ein­an­der­bringen der Ordnung erleben nicht nur seine Film­fi­guren, Lapid bringt selbst das Regel­hafte zum Tanzen.

Die Wüste ist dafür eine geeignete Leer­stelle, in der nicht nur Frie­dens­ver­träge neu ausge­han­delt werden: Y. streitet mit Yahalom über die Unter­zeich­nung des minis­te­ri­ellen Formulars und über die Freiheit von Meinung, Rede und Kunst. Das surreale Setting bringt unter­schwellig Wüsten­filme wie Alejandro Jodo­row­skys Western El Topo (1970), Philippe Garrels psyche­de­li­schen Filmtrip La cicatrice inté­ri­eure (1972), Jordi Colomers Künst­ler­video »En la pampa« (2008), aber auch Shirin Neshats hoch­po­li­ti­sche, symbol­starke Filmkunst von Land of Dreams (2021) in Erin­ne­rung. Auch bei Lapid macht die realis­ti­sche Erzählung der Symbol­haf­tig­keit Platz: Im Wort-Duell zwischen der Biblio­the­karin und dem Filme­ma­cher wird mitten in der Wüste die Rechts- und Staats­moral als letztlich unlös­barer Konflikt ausge­tragen. »Das Kultus­mi­nis­te­rium von Israel hat allen israe­li­schen Künstlern den Krieg erklärt«, lässt Lapid seinen Alter Ego sagen.

In diesem Krieg kann es – wie womöglich in der Israel­frage insgesamt – keine Sieger geben. Wenn am Ende die Meinungs­frei­heit des Künstlers unge­achtet aller Straf­an­dro­hungen dann doch durch List vollzogen wird, muss wieder ein neues Opfer gebracht werden. Die Wüste ist der mora­li­sche Ort, an dem sich die komplexe und auch ausweg­s­lose israe­li­sche Situation am klarsten zeigt. Lapid benennt deutlich die Ambi­va­lenzen des israe­li­schen Staats, womit er auch zu provo­zieren weiß. Seine starke filmische Ausdrucks­weise hat aber nicht nur die poli­ti­sche Befreiung von einer auto­ri­tären Staats­macht im Visier: In jedem Moment seines Films beweist Lapid seine Freiheit in der Kunst.