Review
Akte X – Der Film
Ich schwör', eyh, Verschwörer!
Ich schwör', eyh, Verschwörer!
Eigentlich sollte man meinen, Verschwörungstheorien wären fürs Kino wie geschaffen: Denn sie sind nichts anderes als ein Versuch, die Welt auf jene Art zu lesen, die man im klassischen Erzählkino in Reinform lernen kann. Jedes noch so kleine Detail hat Bedeutung, alles ist Teil einer großen, übergeordneten Geschichte, alles ergibt – versteht man es nur zu entschlüsseln – einen Sinn.
Eine beruhigende Sichtweise, die versucht, mit der Zufälligkeit und
potentiellen Sinnlosigkeit des Lebens aufzuräumen. Die verspricht, daß Zusammenhang – wenn auch nie leicht zu erkennen – prinzipiell immer gefunden werden kann. Und die selbst da, wo sie in paranoide Verfolgungsphantasien ausartet, noch stets versichert: Du bist wichtig, denn du hast Teil an einer alles umspannenden Geschichte (und wenn du es in deinem Leben zu nichts bringst, dann nur deswegen, weil du nicht mitmachst im finsteren Spiel der mächtigen
Geheimgesellschaften).
Kein Wunder, daß in zunehmend unübersichtlichen Zeiten sich eine solche Weltsicht wachsender Beliebtheit erfreut. Eine Popularität, von der es die von Produzent Chris Carter kreirte Fernsehserie »X-Files« verstanden hat, so enorm zu profitieren, daß sie nun auch ein aufwendiges Gastspiel im Kino geben darf, bevor sie am Bildschirm in die sechste Staffel geht.
Je besser eine Verschwörungstheorie sein will, um so weitreichendere, allumfassendere Zusammenhänge muß sie herstellen. Was das angeht, ist The X-Files gut im Geschäft: Bis 30.000 v.Chr. spannt der Prolog des Films den Bogen des Komplotts zurück, und mühelos wird in den ersten fünf Minuten der Haupthandlung Verschwörerisches vom Kennedy-Mord über das Lockerbie-Attentat bis zum Anschlag auf das Federal Building in Oklahoma zitiert.
Da aber
ordentliche Verschwörungstheorien als Idealzustand nichts weniger anstreben, als eine komplette Welterklärung, haben sie das Problem, daß sie (wie Religionen und philosophische Systeme) weder endgültig beweisbar sein, noch je zu einem Abschluß kommen dürfen – sie verlangen das Moment des »I want to believe« und müssen offen bleiben für ständige Arbeit in einer wandelbaren Welt.
Und da hört es sich dann schnell auf mit der Eignung fürs Kino: Das sind zwar prima
Voraussetzungen für eine Fernsehserie, wo man es durchaus schätzen kann, wenn lose Fäden Woche für Woche erneut zum Einschalten verleiten. Deutlich weniger gute Voraussetzungen aber für einen Kinofilm, der üblicherweise als in sich geschlossenes Werk überzeugen muß.
Der Beginn von The X-Files ist nichtsdestotrotz noch sehr vielversprechend: Die Atmosphäre stimmt, der Plot scheint sich zügig zu entwickeln und vermag zunächst, Interesse zu wecken, und das wunderbare verbale Sparring zwischen Mulder und Scully sorgt für eine willkommene Prise Humor. Da stört es auch noch überhaupt nicht, daß der Film in seiner Ästhetik doch relativ nah am TV-Vorbild bleibt.
Nur leider ändert sich das alles nach der ersten halben
Stunde: Wo im Fernsehen der Stil der Serie im Vergleich mit anderen Produktionen manchmal schon kino-ähnliche Qualität zu erreichen scheint, wirkt er, nun tatsächlich auf die große Leinwand gebracht, doch zunehmend nach aufgeblasenem Fernsehen. Was sicher zu verschmerzen gewesen wäre, wenn der Film ein kinotaugliches Drehbuch gehabt hätte.
Da aber kann The X-Files dem Fluch der »conspiracy theories« nicht entkommen: Die eigentliche Handlung des Films reduziert sich sehr bald auf eine banale und mäßig spannende »Held rettet Heldin aus den Klauen der Bösen«-Story, die in endlosem Gerede verpackt ist, das nie hinauskommt über jenes aus der Serie sattsam bekannte, hohl bedrohliche Verschwörungs-Geschwurbel – das dann wie üblich sinn- und ziellos mit einem Fortsetzung heischenden Waffenstillstand ziemlich genau da belanglos versandet, wo man zu Beginn auch schon war. Einziges Zugeständnis an den »besonderen« Status des Kinofilms ist, daß die Existenz von Außerirdischen einigermaßen zweifelsfrei bestätigt wird – aber das dürfte wohl auch nur jene bedauernswerten Geeks vom Hocker reißen, die »X-Files« schon immer als Dokumentar-Reihe gesehen haben.
Dabei hätte man doch durchaus die Möglichkeit gehabt, einen Film in der Art jener verschwörungsfreien (und sowieso stets wesentlich besseren) Serien-Folgen zu machen, die in sich abgeschlossen sind und sich mit anderen paranormalen Phänomenen beschäftigen als immer nur mit den blöden, hydrocephalen Außerplanetarieren. Da hätte man dann sicher auch eher Gelegenheit gehabt, das Medium Kino angemessener zu nutzen – und mehr zustande gebracht als letzlich nur eine
weitere Episode der Serie, die nicht einmal im Vergleich mit den Fernseh-Folgen über unteres Mittelmaß hinauskommt. So hat man leider die Chance verpaßt, mit The X-Files jemand anderen als hartgesottene Fans der Serie anzusprechen.
Aber wollen wir wetten: Wenn der Erfolg des Films nun hinter den hohen Erwartungen des Produzenten zurückbleibt, dann waren seiner Meinung nach daran bestimmt die Freimaurer, die Rosenkreuzer oder das CIA schuld.