Review
Alle reden übers Wetter
Stadt – Land – Stuss
Stadt – Land – Stuss
So abgründig wie warmherzig: Annika Pinskes gelungenes Spielfilmdebüt als Regisseurin
»Die Wunden des Geistes heilen, ohne daß Narben bleiben; ....«
- G.W.F.Hegel, »Phänomenologie des Geistes«, 492
Clara (gespielt von Anne Schäfer) ist im Stress. Sie lässt sich aber auch stressen. Von ihrer Umgebung, von sich selbst. Ganz zu Anfang des Films steht die junge Frau vor dem Badezimmerspiegel. Sie überprüft sich selbst. Das Nachdenken über Identität und die Auseinandersetzung mit einengenden Verhältnissen sind von Anfang an gesetzt in diesem Film. Clara hat einen Lehrauftrag an der Uni, und schreibt dabei an ihrer Doktorarbeit. Das Thema lautet »Intersubjektivität und Familie bei Hegel«. Das ist ein Scherz, aber ein ernster, denn eine Weile lang hat man in diesem Film den Eindruck, dass alle Figuren hier, in den zwei Welten, in denen dieser Film spielt, der Universität und dem Privatleben, ganz und gar in ihrer je eigenen Subjektivität aufgehen, und das Intersubjektive, das Dazwischen vergessen. Gerade die Universität, wie die Regisseurin Annika Pinske sie in ihrem durchaus ambitionierten Spielfilmdebüt zeigt, ist ein Spielplatz der Eitelkeiten und des Narzissmus, also der rohen Macht, denn seine Subjektivität ausleben kann nur der, der es sich leisten darf. Clara steht dazwischen: Als Dozentin gibt sie Ton und Richtung vor, als Doktorandin muss sie sich ihren Vorgesetzten anpassen und unterordnen, denn sie will nicht unangenehm auffallen.
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Bevor Annika Pinske an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studierte, war sie die Regieassistentin von Maren Ade bei Toni Erdmann. Ein bisschen merkt man diese Erfahrung ihrem dffb-Abschlussfilm auch an, in einer sehr besonderen Verbindung von Ernst und Humor. Akademische Metropolen-Mentalität trifft auf urwüchsiges Provinz-Bewusstsein. In den Nebenrollen sind u.a. Max Riemelt und Sandra Hüller zu sehen.
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Dieser Film ist einerseits eine Komödie. Eine Komödie des Wortwitzes und der Sprachspiele und der alltäglichen, kleinen frommen Lügen und Selbsttäuschungen: »Studierste immer noch?« – »Nee ich mach jetzt meinen Doktor«.
Eine Komödie über die Universität und die speziellen Sprachrituale und Mode-Diskurse im gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Betrieb, die den Beteiligten gar nicht mehr auffallen, Außenstehenden aber komplett absurd vorkommen: »Kann man den Lustgewinn einer Mehrheit auf Kosten einer Minderheit durchsetzen?« – »Das ist ja keine Minderheit, sondern eine Frau.« – »Ist das jetzt heutzutage wirklich noch ne Frage der Geschlechter?«
Eine Komödie über die Macht und die Abwertung, die sich in Fragen verkleidet wie: »Und ihre Eltern sind die auch aus dem Metier?«
Im Zentrum steht die junge begabte Dozentin Clara, die trotz aller akademischen Erfolge immerzu das Gefühl hat, irgendwie nicht richtig dazu zu gehören. Denn sie stammt nicht aus einer Akademikerfamilie und fühlt sich fremd, unter den ganzen bürgerlichen Akademikerkindern, von denen sie umgeben ist.
Bei einer Feier unter Kollegen steht sie nicht zu ihrer ostdeutschen Herkunft und antwortet auf den Beruf des Vaters mit einer Lüge: »Diplomat«. Zudem scheint zu den ganzen
Westbiografien auch die ostdeutsche Herkunft nicht zu passen.
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Dann kehrt sich alles um in diesem Film: Zu einer Familienfeier kommt Clara aufs Land und muss sich ihrer Herkunft aus dem ländlichen Mecklenburg-Vorpommern stellen. Da merkt sie schnell, dass sie sich nun auch bei ihrer Familie fremd fühlt, und nicht mehr ganz so einfach mit allen reden kann.
Alle reden übers Wetter ist darum vor allem eine Komödie über den Unterschied zwischen Stadt und Land. Zwischen Provinz und Urbanität. Und der entsprechenden Mentalitäten. Man könnte auch sagen über die Spaltung unserer Gesellschaft in Menschen, die vieles für »heutzutage nicht mehr sagbar« halten, und die anderen, denen Sprach- und Identitätspolitik relativ wurscht sind, oder sogar auf die Nerven gehen: »Was ist die Steigerung von Rinderwahnsinn? Frauenpower.« – Wo solche Sprüche im Film fallen, sind sie nicht böse, sondern lustig gemeint, und auch wenn Clara da nicht mitlachen kann, erkennt sie das.
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Hinter der Komödie lauert natürlich wie bei allen guten Komödien der Ernst.
Denn indem hier die gesellschaftliche Diversität, die Brüche zwischen Generationen, Herkünften und Bildungsschichten so abgründig wie warmherzig als Cultural-Clash-Komödie mit tieferer Bedeutung entfaltet werden, wird Alle reden übers Wetter zu einem ernsthaften und sensiblen Film über Herkunft, über die feinen Unterschiede, die symbolischen Differenzen, über das kaum Ausgesprochene, das eine Gesellschaft spaltet, und über das Liebenswerte, das alle
Seiten haben (können). Denn eine Promotion über Hegel mag zwar den allermeisten Menschen sehr fremd bleiben, aber sie ist ja im Prinzip nichts Abgehobenes, Elitäres, sondern eine Bemühung um Erkenntnis, ein Ausdruck der Liebe zum Wissen.
Aber auch diejenigen, die nicht studieren, und denen Identitäts- und sprachpolitische Fragen unnötig oder albern vorkommen, sind meistens guten Willens, und in den wenigsten Fällen politische Extremisten.
So nimmt dieser Film gegenseitige Vorurteile aufs Korn. Er zeigt zugleich, dass in der akademischen Welt nicht weniger Sexismus und Bosheit herrschen als auf einem ländlichen Rummelplatz.
Alle bekommen hier ihr Fett ab. Nirgendwo steht das Paradies. Das Glück lauert nicht im Elfenbeinturm der Akademiker, aber auch keinesfalls auf dem scheinbar so unschuldigen Land.
Es ist ein Verdienst dieses klugen, geschmackvoll und menschlich inszenierten Films, die verschiedenen Seiten unserer so diversen Gesellschaft zusammenzuführen – und sei es nur in der Erkenntnis, wie absurd und lächerlich wir alle uns manchmal benehmen.