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Review

Alles was kommt

Damit das Denken die Richtung wechseln kann

Der lange Sommer der Theorie

Damit das Denken die Richtung wechseln kann

Wenn das Leben ausein­an­der­bricht, wünscht man sich bisweilen einen Knopf, den man drücken kann, um einfach noch einmal bei Null zu beginnen. Einen Reset- oder Zurück-auf-Anfang-Knopf. Der auch deshalb so wertvoll wäre, weil man einfach vergessen hätte, was hinter einem liegt und man unbe­hel­ligt von der Vergan­gen­heit ins Leben blicken könnte, das sich dann wieder vor einem auftut.

Da es diesen Knopf nicht gibt, müssen wir uns mit den Übeln des mensch­li­chen Daseins ausein­an­der­setzen. Eines davon heißt: Schmerz, emotio­nalen, davon­tragen. Das andere heißt: klammern, nicht loslassen wollen, und dann, wenn der Verlust einge­treten ist, in Trauer verharren, im schlimmsten Fall depressiv werden.

Oder man sucht den Trost in der Philo­so­phie.

Mia Hansen-Løve fächert in ihrem neuen Film eine Krisen­si­tua­tion auf, die sich den erwart­baren Reflexen versagt. L’avenir ist ihr fünfter Film und befasst sich wie Eden (2014), der die Lebens­ge­schichte ihres Bruders Sven im 90er-Jahre-Garage-House-Fieber nach­zeichnet, mit auto­bio­gra­phi­schen Versatz­stü­cken, die die Milieu­studie liefern. Mehr noch ist L’avenir aber ein weiterer Film über das Abschied­nehmen: Eden erzählte vom Aufbäumen der Jugend vor der bevor­ste­henden Erwach­se­nen­zeit, Der Vater meiner Kinder (2009) von der schwie­rigen Aufgabe, ein künst­le­ri­sches Erbe nach dem Tod seines Urhebers weiter­zu­führen.

Auto­bio­gra­phisch ist vor allem das kultu­relle Setting des Films. Ihn durch­zieht eine Spur des Name-Droppings – Adorno, Rousseau, Spinoza, Žižek –, eine Hommage Mia Hansen-Løves an ihre Eltern, beide selbst Philo­so­phie­lehrer. Wie selbst­ver­s­tänd­lich bettet sich die Handlung auf einen philo­so­phi­schen Unter­grund von Lektüren, Diskus­sionen, ideo­lo­gi­schen Graben­kämpfen und dauer­de­bat­tie­renden Schülern. Es ist der lange Sommer der Theorie (eine der Szenen ist deutlich von André Kertész’ berühmt gewor­dener Foto­grafie »Washington Square, New York City, May 27, 1970«, inspi­riert), den Hansen-Løve durch den Einbruch von privaten Ereig­nissen, den Unwäg­bar­keiten des Lebens, enden lässt.

Nathalie, Philo­so­phie­leh­rerin und Prot­ago­nistin des Films, steht am Ende ihres Berufs­le­bens, ihre erwach­senen Kinder sind ausge­zogen. Der Ehemann, ebenfalls Philo­so­phie­lehrer, gesteht ein lang­jäh­riges Liebes­ver­hältnis und zieht zur Jüngeren. Ihr Verleger eröffnet ihr, dass man auf ihre Philo­so­phie-Einfüh­rungen keinen Wert mehr lege, und selbst der Lieblings-Schüler über­flü­gelt seine Mentorin durch den Eintritt in eine Elite-Uni. Und dann stirbt auch noch die pfle­ge­be­dürf­tige Mutter. Nathalie nimmt deren schwarze Katze zu sich, die den bezeich­nenden Namen »Pandora« trägt. Die »alles Gebende«, die bekannt wurde, weil sie die Übel über die Mensch­heit brachte und ausglei­chend die Hoffnung bereit­hielt, an der in der Not fest­ge­halten werden soll.

Mia Hansen-Løve manövriert ihre Prot­ago­nistin als scheinbar uner­schüt­terte Stoikerin durch die alles umfas­sende Krise. Keine ist für die Rolle so prädes­ti­niert wie Isabelle Huppert, die aufrechten Hauptes spielt. Den Umbruch, den Nathalie erlebt, gestalten sie und ihre Regis­seurin ohne Emotio­na­li­sie­rung und in Distanz vom nahe­lie­genden Psycho-Drama, den Ehemann zu verteu­feln, in Selbst­mit­leid zu versinken und die neue Einsam­keit, die sich auftut, als Verlas­sen­sein zu bewerten.

Einer erwart­baren Insze­nie­rung zum Trotz durch­schreitet Isabelle Huppert licht­durch­flu­tete Bilder und erscheint wie ein Steh­auf­männ­chen, das bei jedem Hindernis zwar ein wenig strau­chelt (oder zumindest stutzt), um dann aber doch weiter­zu­ma­chen. Hansen-Løve zeigt auch die innere Einkehr, stilles Nach­denken und undra­ma­tisch fließende Tränen, wenn Nathalie ganz bei sich ist, mit der Katze Pandora als einzigem Lebewesen, an dem sie (noch) festhält.

Alles was kommt heißt der Film auf deutsch, und der leicht lako­ni­sche Titel benennt die Offenheit, mit der sich Nathalie in die neue Lebens­leere hinein­be­gibt. Sie findet im Verlust der funk­tio­nalen und emotio­nalen Zusam­men­hänge zunächst zu einer utili­ta­ris­ti­schen Notwen­dig­keitsprag­matik. »Ich mache den Platz frei«, nennt Nathalie ihr Verschwinden aus dem alten Leben, um sich schnellst­mög­lich auf die neue Situation einzu­richten. »Huhu, wach auf!«, sagt sie zu ihrem Ex-Mann, der denkt, alles könne weiter­gehen wie bisher, nur dass er eben mit einer anderen Frau zusammen ist.

Die Pragmatik erweist sich als nahezu epikuräi­sche Gelas­sen­heit, und dies zeigt den Film als philo­so­phi­schen Trost­spender, die Schick­sals­schläge hinzu­nehmen und vor allem: sie anzu­nehmen. Am Ende befreit sich Nathalie mit ihrer Face-the-facts-Haltung selbst, und findet sich in einem Zustand voll­kom­mener Freiheit wieder, die erst der Verlust einge­bracht hat. Voll­kom­mene Freiheit, das heißt: auch ohne zu wissen, was kommt. Der Reset-Knopf wurde gedrückt, die Zukunft beginnt.

Kleines Post-Scriptum: Im fran­zö­si­schen Trailer lacht Nathalie unwill­kür­lich auf, als sie das außer­ehe­liche Verhältnis ihres Ehemanns entdeckt (ca. 0'50''), im deutschen Trailer schießen ihr Tränen in die Augen. Während es dort weiter mit Grabes­stimme heißt: »Und ich dachte, du liebst mich ewig!« fehlt der Satz im Origi­nal­trailer. Hier heißt es ratio­na­li­sie­rend: »Und, geht das schon lange?« Alles nur ein Frage des Schnitts? Nein, eher sympto­ma­tisch für das Frau­en­bild, das sich hier mitteilt. Ratio­na­li­sie­rungen in Gefühls­sa­chen will man den deutschen Zuschaue­rinnen eher nicht zumuten.

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Lektü­re­emp­feh­lung:
Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, C.H. Beck 2015, 327 S., 24,95 Euro