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Review

Allied – Vertraute Fremde

Liebe in Zeiten des Krieges

Klassischer, romantischer Thriller

Liebe in Zeiten des Krieges

Eine Romanze vor dem Hinter­grund des Zweiten Welt­kriegs und Casablanca als ein zentraler Hand­lungsort. Kenner der Film­ge­schichte dürften bei diesen Stich­worten umgehend an den Michael-Curtiz-Klassiker von 1942 denken, der nach der marok­ka­ni­schen Hafen­stadt benannt ist und die Hollywood-Größen Humphrey Bogart und Ingrid Bergman im Wider­streit der Gefühle zeigt. Enorme Starpower fährt auch Oscar-Preis­träger Robert Zemeckis in seinem Agenten-Melodram Allied – Vertraute Fremde auf, das schon weit vor seiner Veröf­fent­li­chung Schlag­zeilen machte, weil der Boulevard eine angeb­liche Affäre zwischen den Haupt­dar­stel­lern Brad Pitt und Marion Cotillard als möglichen Grund für das Scheitern von Pitts Ehe disku­tierte.

Der Film selbst erweist sich als betont altmo­di­sches Erzähl­s­tück und irritiert den heutigen Zuschauer – das konnte man im Anschluss an die Kölner Pres­se­vor­füh­rung wunderbar beob­achten – mit einer zur Schau gestellten Künst­lich­keit. Schon der Auftakt erscheint wie ein Moment, den es so nur im Kino gibt: Vor einem impo­santen Wüsten­pan­orama schwebt der kana­di­sche Geheim­dienst­of­fi­zier Max Vatan (Pitt) mit einem Fall­schirm langsam zu Boden und wird schließ­lich in der staubigen Einöde von einem Wagen abgeholt. Kurz danach befinden wir uns im Casablanca des Jahres 1942, das trotz oder gerade wegen seiner detail­rei­chen Ausstat­tung etwas kulis­sen­haft daher­kommt. Unver­kennbar weht hier der Hauch alter Tech­ni­color-Filme durch die Straßen. Die leicht unwirk­liche Anmutung setzt sich auch in unge­schlif­fenen digitalen Effekten fort, die bei später gezeigten Luft­an­griffen zum Einsatz kommen.

Zemeckis kreiert eine Welt, die der Opulenz klas­si­scher Hollywood-Epen nach­emp­funden ist. Soll heißen: Überhöhte Impres­sionen und große Gefühle treffen immer wieder aufein­ander. Etwa in der ersten Liebes­szene zwischen Vatan und der fran­zö­si­schen Résis­tance-Kämpferin Marianne Beauséjour (Cotillard), die in Casablanca gemeinsam ein Attentat auf den deutschen Botschafter verüben sollen. Mitten in der Wüste, einge­schlossen in einem Auto, kommen sich die Geheim­agenten näher, während draußen ein Sandsturm tobt und ihre Ekstase geräusch­voll untermalt.

Auch wenn es der Film manchmal mit seiner stili­sierten Melo­dra­matik über­treibt – Stichwort: Geburt bei einem Flie­ger­an­griff auf London –, ist es durchaus lohnens­wert, sich auf die arti­fi­zi­elle Gestal­tung einzu­lassen. Immerhin gibt es für die Künst­lich­keit eine inhalt­liche Begrün­dung: Max und Marianne posieren in Casablanca als Ehepaar, spielen ein Rollen­spiel, versuchen, eine Fassade aufzu­bauen, die ihre Anschlags­pläne verschleiern soll. Schein und Sein liegen dicht beiein­ander, da aus der beruf­li­chen Zusam­men­ar­beit irgend­wann Gefühle erwachsen. Emotionen, die Pitt und Cotillard glaubhaft vermit­teln können. Beein­dru­ckend ist vor allem die Darbie­tung der charis­ma­ti­schen Französin, die alle Facetten ihrer Figur – spöttisch, verfüh­re­risch, geheim­nis­voll und leiden­schaft­lich – mit großer Über­zeu­gung in den Kinosaal trans­por­tiert.

Der offi­zi­elle Trailer verheim­licht nicht, dass Allied nach der Casablanca-Episode und der Eheschließung der Prot­ago­nisten eine andere Richtung einschlägt. Aus dem Melodram mit humor­vollen Zwischen­tönen wird ein Thriller, der um die Frage kreist, ob es unter Agenten – zumal in Zeiten des Krieges – echte Liebe geben kann, wobei eine im ersten Drittel getätigte Aussage plötzlich eine neue Brisanz bekommt. Ein schlimmer Verdacht bringt das junge Glück ins Wanken und schürt einen Gewis­sens­kon­flikt, den das Drehbuch zwar beleuchtet, der gegen Ende jedoch allzu mecha­ni­schen Span­nungs­szenen weichen muss. Fraglich ist außerdem, ob es für die Auflösung unbedingt eine wenig subtile Casablanca-Anspie­lung gebraucht hätte, die den Zuschauer darauf aufmerksam macht, dass Allied dem Klassiker nicht das Wasser reichen kann. Als Enttäu­schung sollte man Zemeckis‘ Mix aus Liebes­drama und Spio­na­ge­thriller deshalb aber nicht abtun. Allein, weil er mit seinem gut harmo­nie­renden Lein­wand­paar den Glamour des alten Holly­woods treffend beschwört.