Review
Alois Nebel
Animierter Nebel des Grauens
Animierter Nebel des Grauens
Denkt man heutzutage an Animationsfilme, so kommen einem fast unweigerlich Bilder von quitschfidelem, kunterbuntem und hysterisch gute Laune verbreitendem Getier in den Kopf. Alois Nebel bietet da das geeignete Gegenbei
Der Film erzählt die Geschichte des einzelgängerischen Alois Nebel, der im Jahre1989 im abgelegenen Bílý Potok im ehemaligen Sudetenland als Bahnhofsvorsteher arbeitet. Davon, dass die realsozialistische Tschechoslowakei bereits ihrem Ende entgegen geht, bekommt Alois nur wenig mit. Das liegt zum einen daran, dass er in einem nur dünn besiedelten Grenzstreifen wohnt. Außerdem beschäftigt Alois, dessen einzige regelmäßige Gesellschaft seine Katze ist, mehr die Vergangenheit. So sammelt er zum Hobby alte Fahrpläne und murmelt gerne die verschiedenen Anfahrts- und Abfahrtszeiten vor sich hin, was eine sehr beruhigende Wirkung auf Alois ausübt. Diese kann er insbesondere dann gebrauchen, wenn in der waldreichen Gegend mal wieder dichter Nebel aufzieht. Im undurchdringlichen Dunst erscheinen Alois dann Fetzen aus der Zeit seiner Kindheit, die sich jedoch nicht zu einem stimmigen Gesamtbild fügen wollen. Eines Tages erleidet Alois dabei endgültig einen Nervenzusammenbruch und wird in ein finsteres Sanatorium eingeliefert, wo man die Patienten noch mit Elektroschocks behandelt. Dort trifft er »den Stummen« und diese Begegnung führt zu Alois' Entschluss, sich endgültig den Gespenstern aus seiner Vergangenheit zu stellen.
Alois Nebel steht inhaltlich in der Tradition von Animationsfilmen, die sich mit ernsthaften und schwierigen Themen auseinandersetzen und die sich deshalb vorrangig an ein erwachsenes Publikum richten. Ein früher Meilenstein solch eines reifen Animationsfilms war Mamoru Oshiis Science-Fiction-Film Ghost in the Shell aus dem Jahre 1995. Der Film kreist um Fragen des Bewusstseins und der menschlichen Existenz und zeigt dabei einen beeindruckenden philosophischen Tiefgang, den selbst die wenigsten vergleichbaren Realfilme erreichen. 2009 bewies Ari Folman mit seinem Film Waltz With Bashir über erschreckende Vorkommnisse während des libanesischen Bürgerkriegs, dass sich ein Animationsfilm auch zur Auseinandersetzung mit brisanten politischen und geschichtlichen Themen eignen kann. Interessanterweise wurde Folmans Nachfolgefilm The Congress, der Realfilm und Animation miteinander verbindet, 2013 mit dem Europäischen Filmpreis in der Kategorie »Bester Animationsfilm« ausgezeichnet. Diese Ehre widerfuhr im Vorjahr dem ungleich dezenteren Alois Nebel.
Von seiner Gestaltung her ist Alois Nebel jedoch sehr verschieden von den obigen Beispielen. Zunächst einmal wurde dieser Animationsfilm im altehrwürdigen Rotoskopie-Verfahren erstellt, bei dem zunächst der gesamte Film mit echten Darstellern gedreht und anschließend auf eine Glasplatte projiziert wird, wo er dann Bild für Bild abgezeichnet wird. Dies hat einen besonders realistischen Eindruck zur Folge, der unter anderem durch extrem lebensechte, flüssige Bewegungen beeindruckt. Zugleich ist der schwarzweiße Alois Nebel stark stilisiert. Die holzschnittartige Zeichnung mit den starken Hell-Dunkel-Kontrasten, die sich gerade in extremen Lichtverhältnissen zeigt, verweist auf den deutschen Expressionismus. Sowohl die flüssigen Bewegungen, als auch der starke expressionistische Einfluss erinnern an den berauschend schönen Sci-Fi-Animationsfilm Renaissance (2006) des Franzosen Christian Volckman.
Diese jüngeren europäischen Animationsfilme führen ein genuin europäisches filmisches Erbe weiter, ohne dabei auch nur im entferntesten antiquiert zu wirken. Alois Nebel zeigt darüber hinaus noch einen weiteren deutlichen künstlerischen Einfluss, der direkt aus dem Entstehungsland der dem Film zugrunde liegenden Graphic Novel stammt. Es ist der Fatalismus und die Absurdität eines Kafka, die in dieser scheinbar fast stillstehenden Welt deutlich anklingt. Doch bei Alois Nebel wird die mystisch-mysteriöse Grundstimmung Kafkas in die sehr konkrete trübe Realität eines dünnbesiedelten Grenzstreifens mit düsterer Vergangenheit im Ostblock der späten 80er-Jahre übertragen. Überhaupt ist dieser Film ganz Atmosphäre, wobei sich die romantisch-melancholische Stimmung bevorzugt durch konkrete atmosphärische Phänomene wie Regen, Schnee, Nebel oder auch grellen Sonnenschein herstellt. Diese ganz eigene Stimmung wird zusätzlich von der sparsam eingesetzten Musik Petr Kruzíks unterstrichen.
Das ehemalige Sudetenland erscheint in Alois Nebel wie ein aus der Zeit gefallenes Niemandsland, das keine eigene Identität finden mag, dabei aber zugleich deutsche und tschechische Elemente vereint. Diese deutsch-tschechische Koproduktion verdichtet Geschichte in die persönliche Lebensgeschichte des gleichnamigen Protagonisten hinein. Und so, wie Alois' Geschichte mit einer leisen Hoffnung endet, so erweckt auch der gesamte Film die Hoffnung auf die Möglichkeit eines menschlichen Neubeginns.