Review
Als wir träumten
Verschwitzte Hitze
Verschwitzte Hitze
Depression schon ganz am Anfang : Ein Heroinsüchtiger kurz vor dem Goldenen Schuß. Kurz danach bei mir in irgendeiner Hirnecke der Gedanke, dass der Westen auch eine Droge ist, auf der viele Ostdeutsche immer noch drauf sind.
Von Anfang an schreien die Jungs »Arschloch«, »Scheiße«, »Ich bin so scheiße«, in einem fort geht das so. Rinnsteinpoesie trifft Lederjackenexistentialismus. Wir sehen en détail eine sabbernde, kotzende Destro-Jugend. Aus dem Off beschwört eine Stimme
»Die Jahre, in denen alles anders wurde.«
Denn »wilden Osten« gibt es glaube ich vor allem in den Hirnen von Filmförderern, amerikanischen Touristen und den Feuilletonchefs westdeutscher Tageszeitungen – also in den Hirnen von Menschen die alle so in etwa das gleiche (Nicht-)Verhältnis zur Realität haben. Allein diese Debatten darüber, ob die DDR nun ein Unrechtsstaat gewesen sei! Natürlich war sie das. Ein Rechtsstaat war sie ja wohl kaum. Und wenn man an die Familien denkt, die gegeneinander aufgehetzt wurden, wenn man an alle Freunde, Geliebte und Verwandte denkt, die einander bespitzelt und belogen haben… Was sonst? Aber natürlich war die DDR kein Unrechtsstaat, wenn man an all die großartigen Ideale der Aufbauzeit denkt, an die Filme und Romane, die in ihr entstanden – längst nicht alle gegen die DDR. »Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand« heißt es in Brechts »Kinderhymne«, die Eisler vertonte, und die um ein Haar die Nationalhymne geworden wäre. Auch das war DDR: Das bessere Deutschland. Irgendwann mal.
Andreas Dresen erzählt in Als wir träumten von einer Handvoll Freunde in Leipzig kurz nach der Wende. Eine große Zukunft scheint möglich, doch Herkunft, Nazis, Drogen, Kriminalität und viel viel Dummheit verhindern alles. Es will die Geschichte einer großen Desillusionierung und einer großen Intensität sein – aber wie zeigt man Intensität glaubwürdig auf der Leinwand? Dresen scheint es nicht zu wissen. Er flüchtet sich in schmutzig-braune Bilder, überaus brutale, gewalttätige Szenen, in wummerndes Technodröhnen, grellgleißende Discolichtkegel. Die Hitze in diesem Ostler-Hexenkessel ist verschwitzt und behauptet, alles bis zur Erschöpfung ausgewalzt – Robert de Niro wohnt hier nicht mehr.
Erinnern muss man wohl erstmal daran, dass alles auf einen Roman von Clemens Meyer zurückgeht. Ich hab den Roman nicht gelesen, werde es jetzt bestimmt erst recht nicht tun. Aber andere, die ihn kennen, kommentierten den Film so, dass bei Dresen alles viel viel finsterer sei, und dass der Roman »viel mehr Spaß macht«. Das will ich mal hoffen. Das Drehbuch hat Wolfgang Kohlhaase geschrieben. Es geht um eine Handvoll Freunde, in den ersten Jahren nach Ende der DDR. Um eine Lost Generation. Immer wieder schneidet die Story dann auch zurück in die Zeit, als sie noch so zehn, zwölf Jahre alt sind. Bei diesen Kinderszenen hat man immer das Gefühl, da sind Dresen und Kohlhaase bei sich, fühlen sich erkennbar wohl. Da ist der Film ein guter Dresen-Film. Man muss diese Szenen nicht mögen, aber jedenfalls funktionieren sie. Ob der Rest funktioniert, da hab ich so meine Zweifel.
Als wir träumten handelt von allem Möglichen, aber bestimmt nicht vom Träumen. Auch nicht von Albträumen. Wer träumt denn hier überhaupt? Und wovon? Dies ist ein Film, der wirkt, als ob Dresen, für viele eben ein netter Typ, aber auch eher zuständig für Leichtes mit Hintersinn, als ob Dresen jetzt endlich mal was Hartes machen wollte. Dazu genügen ihm zwei Dutzend Leipziger Neonazis keineswegs, obwohl die mindestens ein halbes Dutzend Mal unsere fünf jungen Helden
derart verprügeln, dass sie literweise Filmblut vergießen und verspritzen und Filmkotze kotzen. Auch die Inszenierung bedient sich allerlei Holzhammermethoden.
Das kommt raus, wenn man Hässlichkeit mit Authentizität verwechselt. Wenn deutsches Kino realistisch ist, haben die Darsteller in jedem Fall Akne. Überhaupt ist hier alles, was man im Bild sieht, sehr hässlich, unschön, ekelig. Klar, so war es wohl in der DDR, aber wie die Kindheitsrückblicke zeigen, geht es hier ja
nicht um Realismus. Sondern um Suhlen im Dreck. Besser wird es auch nicht dadurch, dass die jungen Schauspieler vom Regisseur komplett allein gelassen werden. Sie spielen alle, was das Zeug hält, sehr betont, sehr intensiv, sie spielen spielen.
Dies ist ein Film ohne Seele, ohne Herz, ohne Energie, dies ist kein Film, der einen irgendwie berührt, den guckt man halt so weg.
Und dann die Frau. Die Filme der Berlinale, und Als wir träumten lief im Wettbewerb, zeigten ja laut Dieter Kosslick »starke Frauen in extremen Situationen«. In diesem Fall geht das so: Die große Liebe der Hauptfigur seit Kindheitstagen, einst Musterpionierin, die aufs Lieblichste die Geschichte vom »Rotarmist Filipenko« vorlesen konnte, ist inzwischen ganz schön heruntergekommen. Sie ist mit dem Chef der Neonazis zusammen und angeblich ein ziemliches Luder. Allemal hat sie hier immer sehr enge und sehr kurze Klamotten an, und Dresen hat ihr offenbar als Schauspielanweisung gesagt, dass sie immer ihre Lippen schürzen soll. Wo nötig oder auch nicht, reißt sie sich auch die Bluse auf. Mit gutem Exploitation hat es trotzdem nix zu tun.
In einer Szene, die anfängt wie der erste ehrliche Moment zwischen den beiden, sagt sie, sie habe »ein Geschenk«. Dann setzt sie sich aufs Pflaster und pinkelt. In der ziemlich letzten Szene arbeitet sie dann in einer Topless-Bar und dem Helden wird endgültig klar, dass sie ihn verraten hat. Er liebt sie trotzdem. Aber muss uns der Regisseur dafür die ganze ranzige Tabledance-Nummer zeigen. Muss er wohl, weil er hier erkennbar seine eigenen Projektionen nicht im Griff hat. Steht bestimmt auch alles im Roman, das ist die Ausrede, macht’s aber nicht besser, zumal hier nicht das ob, sondern das wie entscheidet. Der Schauspielerin tut derartiges muffiges Altherrentum jedenfalls keinen Dienst. Jede, die die Rolle abgelehnt hat, darf sich im Nachhinein beglückwünschen.
Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand – dies ist ein Film ohne Leidenschaft, ohne Verstand und ganz bestimmt ohne jede Anmut. Und Mühe allein hat noch nie genügt.
Was für ein schlechter, was für ein geschmackloser Film! Kaum auszuhalten.