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Review

American Psycho

Rot und Weiß

Christian Bale

Rot und Weiß

Mary Harrons Verfil­mung von Bret Easton Ellis' Roman

Im ersten Augen­blick strahlt die Leinwand so schnee­weiß, wie noch nie am Beginn eines Films. Reine Unschuld. Ausge­rechnet hier, wo selbst dieje­nigen, die Bret Easton Ellis Roman »American Psycho« nur vom Hören­sagen kennen, das Kino kaum ohne flaues Vorgefühl betreten werden. Gerade wenn es gelingen sollte, soviel weiß man vorher, wird und muß es eine Zumutung sein.

Dann flüssiges Rot. Noch strah­lender auf dem weißen Hinter­grund. Bluts­tropfen natürlich. Oder? Wie sich jetzt alles in Sekun­den­schnelle ereignet, Kopf­bilder und Asso­zia­tionen, Lektüre-Erin­ne­rungen und Vorah­nungen etwaiger Gemüts­proben zum Bewußt­s­eins­strom verdichtet, ironisch in die kalte Reinheit eines Nouvelle Cuisine-Tableaus auflösen, ist ein bewun­de­rungs­wür­diger Auftakt.

Am eigenen Leib erfährt der Zuschauer hier schon alles über eine Geschichte, in der auch im Folgenden Träume, Phan­ta­sien, Vorge­stelltes und die Verflüs­si­gung der inneren Gewiss­heiten, ihre Auflösung in den Objekten das Thema sind.

Die meisten Bücher sind unver­filmbar, besonders gute, die erst recht. Ellis Roman macht es besonders schwer. Wer ihn gelesen hat, kann und will sich eine Verfil­mung kaum vorstellen. Dies nicht nur, weil es sich um eines der Bücher des Jahr­zehnts handelt, nicht weniger einfluß­reich und nicht weniger gene­ra­ti­ons­bil­dend als vor vier Jahr­zehnten Keruacs »On the road«. Das Problem besteht vielmehr in Ellis Stil und in seinen Themen. Denn natürlich ist »American Psycho« alles Mögliche mehr, als nur eine weitere Seri­en­kil­ler­story. Mehr noch lebt das Buch von der Beschrei­bung eines Milieus und seiner Epoche, der inneren Verschmel­zung von einem histo­ri­schen Ortdem Manhattan der Yuppie-Ära vor dem 87er-Crash und den Menschen, die ihn bevölkern. Darin ist es zugleich ein Panorama jener Zeit, an die wir alle uns noch so gut erinnern können, und die gerade so weit zurück­liegt, daß man fast glauben möchte, es habe sich gar nichts geändert seit damals.

Ellis ist wahr­schein­lich kein zweiter Proust, aber viel­leicht der Balzac unseres Zeit­al­ters. Das hervor­ste­hendste Merkmal seines Buches ist die Präzision der Beschrei­bung. Selbst die Psycho­lo­gien der Figuren werden hier durch genaue Schil­de­rung der sie umge­benden Objekte, durch Spie­ge­lung ihres eigenen Feti­schismus entwi­ckelt.
Es handelt sich um eine Präzision der Quantität: Haupt­figur Patrick Bateman ist reprä­sen­tativ: hyper­rea­lis­tisch, aber »so« nicht natu­ra­lis­tisch vorstellbar. Die Tatsache, daß er ein Seri­en­mörder ist, tut dem keinen Abbruch, sie bestätigt vielmehr das Verfahren des Autors: da sich noch der bestia­lischte Mord in der gleichen Tonlage beschreiben läßt, wie das lang­wei­lige Diner im Luxus­re­stau­rant, ruft er im Leser ähnliche Gefühle wach: Lange­weile, Überdruß, mora­li­sche Gleich­gül­tig­keit.

Die Faszi­na­tion des Publikums für Bateman liegt genau darin: Daß an ihm alles gleich gültig ist, daß man begreift, daß so einer keine Kunst­figur ist: ein exquisit geklei­deter Seri­en­killer, ein teuerst parfü­mierter Sadist, ein von Rein­lich­keits­o­bes­sionen gequälter Mörder.
Von diesem Bateman steckt tatsäch­lich etwas in uns allen: ein eigent­lich ganz normaler, ganz typischer Mann, der nur etwas weiter geht, als der Rest.

Daß dieser Eindruck sich auch in Mary Harrons Verfil­mung einstellt, liegt vor allem an den Akteuren: Ob Christian Bale als Patrick Bateman oder Chloë Sevigny, Reese Wither­spoon, und Willem Dafoesie verkör­pern ihre frag­wür­digen Charak­tere an der Grenze zum Parodis­ti­schen, aber ohne sie zu denun­zieren, so daß man in ihrer Würde auch sich selbst erkennen kann.

Was tun mit solch einem Stoff? Harron weicht vielem aus; und das ist klug. Sie verläßt sich ganz auf Atmo­s­phä­ri­sches, genauer: auf die Abstrak­tion der Atmo­s­phäre. Sie zeigt ideal­ty­pi­sche Räume, Personen, Situa­tionen. In diesem Verzicht auf Natu­ra­lismus ahmt sie genau das Verfahren des Romans nach: Die präzise Darstel­lung der Wirk­lich­keit, durch deren kontrol­lierte Über­bie­tung.
So gelingt ihr das Kunst­stück, eben von der Ambi­va­lenz zu erzählen, die Thema ist: dem nur scheinbar paradoxen Neben­ein­ander von Norma­lität und Wahnsinn.

American Psycho ist ein Film über einen Seri­en­killer, aber kein Seri­en­killer-Film geworden. Auf Suspense setzt Harron nicht, vielmehr wird damit gespielt, daß man das Buch kennt, daß man weiß, daß Bateman ein Killer ist, und daß er nicht erwischt werden wird, schließ­lich daß man die 80er Jahre kennt. Keine Main­stream-Konzes­sionen.
In klini­scher Kälte zeigt der Film mora­li­sche Korrup­tion, Gier, Kons­um­fe­ti­schismus. Statt eines Thrillers oder einer Psychostudie entstand so eine düstere Komödie, die es vermeidet, allzuviel Gewalt zu zeigen. Gele­gent­lich fühlt man sich an Kubricks Clockwork Orange erinnert, doch der Ton bleibt ein ganz eigener.
Zu Vielem hätte man diese Vorlage verar­beiten können; Mary Harron verzich­te­tete auf die Hüllen und griff nach dem Kern.