Review
Amerikanisches Idyll
Wir leben, indem wir irren
Wir leben, indem wir irren
Ein harmonischer Samstag, ein Ausflug, der Vater und seine vielleicht neunjährige Tochter sitzen in einer schicken Limousine, wie man sie Anfang der sechziger Jahre noch ganz selbstverständlich unter den reichen Ostküsten-Familien Amerikas fuhr. Sie blicken auf die idyllische Landschaft im Spätnachmittagslicht...
Wir wissen schon, dass die Tochter ganz schrecklich stottert, und sind darum umso überraschter, als wir hören, wie das kleine Mädchen den Vater mit ganz klarer Stimme bittet, sie zu küssen. Nein, nicht auf die Backe, nicht väterlich, sondern auf den Mund, richtig, eben so, wie er sonst die Mutter küsst. Der Vater weigert sich, die Neunjährige insistiert, wird hysterisch, auch der Vater wird laut. Dann setzen sie die Fahrt fort, das Thema ist beendet, doch wir spüren, was auch die beiden eher unterbewusst wissen: Es ist etwas unwiederbringlich zerbrochen zwischen Tochter und Vater.
Vielleicht war es dieser Moment, an dem sich alles entschieden hat.
Wo ist der Augenblick, an dem in einem Menschen ein Schalter umgelegt wird, etwas sich unumkehrbar entscheidet? Gibt es ihn überhaupt? Oder bilden sich Charaktere eher unmerklich um? Es ist diese Frage, die im Zentrum von Philip Roth' Roman »American Pastorale« steht. Der britische Schauspieler Ewan McGregor – bekannt aus Trainspotting, Velvet Goldmine und Star Wars – hat den Roman jetzt verfilmt. Es ist seine erste Regiearbeit. McGregor spielt auch die Hauptrolle in diesem emotional mitreißenden, traurigen Film, der getränkt ist in der Nostalgie für die verblassten Träume wie der für die verblasste Jugend, in den Farben der Erinnerung.
Die Geschichte kreist um eine fast idealtypische – allerdings jüdisch-katholische, also doch nicht ganz typische – Familie im Osten der USA der Fünfziger und Sechziger Jahre, auf dem Höhepunkt des »amerikanischen Jahrhunderts«. Seymour Levov, ein Vorzeige-Highschool-Football-Held und erfolgreicher Unternehmer heiratet eine Miss New Jersey. Das perfekte Idyll. »Er war unser Abgott, unser Kennedy«, schwärmt sein Klassenkamerad, der Ich-Erzähler. Die Familie ist liberal, tolerant und offen gegenüber den Schwarzen; sie haben eine Tochter, die beide vergöttern. Diese Tochter, Merry, ist niedlich und hochintelligent. Sie hat nur einen Makel: Sie stottert.
Der Film verfolgt kleine Ereignisse des gemeinsamen Lebens: Die Therapeutin weiß kein Mittel, um das Stottern zu kurieren. Vielleicht sind ja die Eltern schuld, die Mutter zu perfekt. In der Umgebung gibt es Rassenunruhen und soziale Aufstände, die von der Polizei unangemessen blutig niedergeknüppelt werden. Im Fernsehen sieht Merry, wie sich ein Mönch in Vietnam selbst verbrennt. Und irgendwann, wie auf einer ganz sanften schiefen Ebene hinuntergleitend, entfremden sich Eltern und Tochter immer mehr. Merry radikalisiert sich politisch, schließt sich einer Untergrundorganisation an, und sprengt schließlich die örtliche Poststation in die Luft. Es gab ja offenbar in den sechziger, siebziger Jahren auch in den USA solche Gruppen, die »den Krieg nach Hause« brachten.
Der Film sympathisiert mit dem Vater, seinem guten Willen und seiner Ohnmacht – gegenüber der Tochter, die geradezu unansprechbar wird, aber auch gegenüber dem Anti-Terror der Polizei. Untergründiges Thema ist der amerikanische Traum und sein Verschwinden in einer Selbstzerstörung, die Anfang der Sechziger einsetzt, nicht erst mit 9/11, dem »Krieg gegen den Terror«.
Roth und McGregor zeigen Hass und die Wut der 68er gegen ihre Eltern. Eine erstaunliche, heute kaum vorstellbare Härte, die eine ungerechte Komponente hatte. Von deren Konsequenz und Mut aber heutige Generationen auch etwas lernen können und sollten. Der Film versteht beide Seiten, sieht aber vor allem die Leiden der Elterngeneration. McGregor ist ein erstaunlich guter, tiefer und ernster Film gelungen, gesättigt in Sentiment – nicht zu verwechseln mit Sentimentalität. Der Erzähler fasst am Schluss zusammen: »What Merry blew up that day was nothing less than his life. Just got them wrong. That’s how we know, we are alive: By being wrong.«