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Review

Amsterdam

Freundlich, bis das Auge ploppt

Filmszene »Amsterdam«
Auch der Cast ist Dekoration (Foto: The Walt Disney Company)

Freundlich, bis das Auge ploppt

Zahllose Namen, wenige Persönlichkeiten, allerhand Leerlauf: Amsterdam von David O. Russell ist eine virtuos mittelmäßige Geschichtsstunde

Was sucht er nur in all den Gesich­tern? Das ist die eigent­liche Frage, die sich in Amsterdam aufdrängt. Ein Vorbei­ziehen von Visagen kann man hier sehen. Man kommt kaum aus dem Staunen heraus, wer da alles in die Kamera schaut. Sieben Jahre hat es gedauert, seit David O. Russells letzter Film Liebe ohne Kran­ken­schein erschien. Nun meldet er sich mit unge­ahnter Promi-Dichte zurück. Christian Bale, Margot Robbie, John David Washington, Robert De Niro, Michael Shannon, Rami Malek oder auch Taylor Swift sind dabei. Man könnte die Liste noch ein ganzes Stück fort­schreiben.

Tatsäch­lich sollte man Christian Bale an erster Stelle nennen, weil er sich mit zerzaustem Haar, Glasauge, seiner in Schräg­lagen und Verspan­nungen verhar­renden Körper­hal­tung und kauzigem Agieren fabelhaft eine Figur aneignet, sie in einen Charak­ter­kopf verwan­delt. Man könnte auch knapper sagen: Er darf als einer der wenigen echten Schau­spieler auftreten. Neben ihm gibt es vor allem bloße Stars zu bestaunen. Gefällige Zierden, bekannte Namen, unter­drücktes Können. David O. Russell tapeziert mit ihnen die Leinwand und erforscht bemüht die kleinen Abgrün­dig­keiten, Tricks und Täuschungen, die sie hinter ihrem Antlitz viel­leicht verbergen. Und er muss es mit ausbaden: Emmanuel Lubezki.

Lubezki ist einer der talen­tier­testen promi­nenten, zurecht preis­ge­krönten Kame­ramänner der Branche. Hier muss er über­wie­gend dröge zerschnit­tenes Schuss-Gegen­schuss-Dialog­kino bebildern. Bei der Fülle an Figuren hat er Mühe, einen Überblick zu behalten. Das Kame­ra­auge springt zwischen ihnen hin und her und her und hin, verzwei­felt auf der Suche nach High­lights. Viel zu selten darf Lubezki die Räume erkunden, seine Fähig­keiten in der Dynamik demons­trieren, die histo­ri­schen Schau­plätze mit ausge­klü­gelten Fahrten zum Leben erwecken. Denn das will Amsterdam eigent­lich ebenfalls sein: ein aufwendig ausstaf­fierter Geschichts­film, der die 1930er-Jahre aufer­stehen lässt.

Hübsche Masken, verbor­gene Abgründe

Viel­leicht liegt da ja ein verkannter doppelter Boden, dass so viele Promi­nente durch die Kulissen tapsen, ohne einen echten Eindruck zu hinter­lassen. Viele von ihnen bekommen nicht mehr als einen Cameo-Auftritt spendiert. Der Film kreiert sich damit ein listiges Verkaufs­ar­gu­ment. Es spielt unbe­holfen auf Zeit und Spar­flamme. Oder liegt genau darin der Genie­streich? In der Belang­lo­sig­keit dieses Schau­lau­fens von hübscher Eleganz, das erst zum Schluss offenbart, welche Perfi­dität hinter all dem Geplänkel lauert? Die Gute-Laune-Verdau­lich­keit und Fassa­den­haf­tig­keit, die er über seine düsteren histo­ri­schen Bege­ben­heiten stülpt, ist viel­leicht eine geschick­tere Falle, als es auf den ersten Blick scheint. Oder scheitert dieser Film schlichtweg krachend an seinem über­frach­teten Drehbuch?

Die Ober­fläch­lich­keit erzählt er so oder so auto­ma­tisch mit. Genau darum geht es schließ­lich: um aufge­setzte Larven, gestelztes Schmie­ren­theater, trüge­ri­sche Harm­lo­sig­keit, lieb­rei­zende, aber blinde Naivität, die womöglich zu spät erkennt, in welches größere Spiel sie geraten ist. Eine Verschwö­rung soll in David O. Russells neuem Werk aufge­deckt werden, welche in gutbe­tuchten Kreisen brodelt und von einem rechts­ex­tremen Umsturz fanta­siert. Sicher­lich kein unin­ter­es­santes Thema, doch das wirkt alles trotz über­bor­dender Schnörkel überhaupt nicht wie ein zu Ende gedachter Film. Amsterdam ist vielmehr eine ambi­tio­nierte Skizze, die krampf­haft versucht, sich mit Farben zu füllen, aber schon nach kurzer Zeit alle Konturen übermalt. Ein verquirltes, aufwendig produ­ziertes Faszi­nosum, aus dem man kaum schlau werden will.

Zwei Filme in einem lässt David O. Russell parallel ablaufen. Der eine besitzt seine Stärken. Der andere wirkt wie eine konfus zusam­men­ge­schus­terte Lehr­stunde, die ihre eigene Quali­täten über­schätzt. O. Russell ist ein Spezia­list, wenn es darum geht, schräg anmutende Figuren inter­agieren zu lassen. Unbe­hol­fene in chao­ti­schen Situa­tionen, unkon­ven­tio­nelle Heldinnen und Helden. Erleben konnte man das unter anderem in Silver Linings und American Hustle. Für beide Werke war der Autoren­filmer für den Oscar nominiert. Und sie ist auch noch in Amsterdam latent zu finden, diese Stärke.

Er bemüht sich nämlich zumindest, das Trio Bale-Robbie-Washington ins Rampen­licht zu holen, um sie dann durch einen wirren Krimi­nal­fall zu schicken. Im Ersten Weltkrieg treffen die drei in einem Lazarett aufein­ander. Bale und Washington sind verwundet, Robbie verarztet die geschun­denen Körper. Aus einem gemein­samen Rückzug nach Amsterdam entspinnen sich Freund- und Lieb­schaft. Nun treffen sie in den 30er-Jahren in den Verei­nigten Staaten wieder aufein­ander, um einen Mord aufzu­klären, der nur die Spitze eines größeren Eisberges darstellt. Aus Ermitt­lern werden Verdäch­tige und umgekehrt.

Narren in histo­ri­schen Schleifen

Wunden sollen dabei im wahrsten Sinne heilen, eines der zentralen Motive in Amsterdam. Gesichter und Körper wollen ihre Kriegs­narben und Verstüm­me­lungen mit Prothesen und Schminke über­tün­chen – wahr­schein­lich der span­nendste Aspekt im ganzen Film. Christian Bale kümmert sich um Veteranen. Margot Robbies Figur pult Metall­splitter aus der Haut ihrer Patienten, um sie wie Sammel­ob­jekte aufzu­be­wahren und in Kunst zu verwan­deln. Schlei­chend bröckelt nun ihre heile Welt erneut, die sich die drei errichten wollen.

Ihre narren­haften Charak­ter­züge sollen uns das Sehen lehren. Amüsant, dass O. Russell dabei auf das Eigen­leben eines heraus­fal­lenden Auges setzt – als Sinnbild eines verstellten Blickes, einer nie heilenden Verseh­rung, einer Entglei­sung und Desil­lu­sio­nie­rung. Geschichte wieder­holt sich, das muss Christian Bale deutlich ausspre­chen, sollte es irgend­je­mand noch nicht verstanden haben. Der große Krieg, der alle Kriege beenden sollte, war natürlich nicht der letzte und die nächsten Kata­stro­phen ziehen auf. Das ist die nahe­lie­gende wie bittere Moral, die Amsterdam zu formu­lieren versucht.

David O. Russell will ein Echo kreieren, das zwischen Vergan­gen­heit und Gegenwart schallt, besonders hinsicht­lich jüngerer Entwick­lungen der US-Politik. Es kündet von verdrängten extre­mis­ti­schen Bewe­gungen, die das System aushöhlen, von der Verein­nah­mung von Mythen, die das 20. Jahr­hun­dert über­dauert haben. Das ist besagter zweiter Film, der sich neben der Freund­schafts­ge­schichte in Amsterdam entfaltet. Unendlich aufge­blasen, geschwätzig und umständ­lich ist er geraten. Seine Rätsel­ra­terei treibt er so eintönig von A nach B nach C, dass einem jede Lust daran vergehen kann. Letztlich spielt es keine Rolle, ob man sich große Mühe gegeben hat, die einzelnen Puzzle­teile in diesem Whodunit zusam­men­zu­setzen. Was er anpran­gern will, wird schluss­end­lich sowieso nach dem Motto »Tell, don’t show« per Voice-over aufgesagt.

Seid lieb!

Für ein völliges Ärgernis besitzt O. Russells Film noch zu viel eigen­wil­ligen Charme in seinem Zusam­men­werfen verschie­denster Genre­zu­taten, die sich von Buddy-Komödie über Film noir bis zum Thriller und Histo­ri­en­drama erstre­cken und zu flotten Melodien umher­wu­seln. Warum man eine Überlänge durch­stehen soll, um so viel vergeu­detem Potential beizu­wohnen, erschließt sich aller­dings ebenso wenig. Am Ende funkelt viel zu viel in reiner Irrele­vanz und Selbst­herr­lich­keit.

»Amsterdam«, das meint hier einen Sehn­suchtsort, eine Utopie der Freund­schaft, die wir mit in den Alltag tragen sollen. Nach all den histo­ri­schen Verwer­fungen und Verir­rungen will uns der Film an die Bedeutung von Nettig­keit erinnern. Auch die Mode­ra­torin Ellen DeGeneres gemahnte am Ende ihrer Sendungen immer: »Be kind to one another.« In biederen Nach­mit­tags­shows des US-Fern­se­hens mögen solche leicht dahin­ge­sagten Weis­heiten zünden. Auf der Ziel­ge­raden eines über zwei Stunden langen Kinofilms über Natio­na­lismus, Rechts­ruck und Kriegs­t­rau­mata klingen sie wie ein alberner Jux.