Review
An einem schönen Morgen
Der Schlüssel steckt im Schloss
Der Schlüssel steckt im Schloss
Mia Hansen-Løve lässt in An einem schönen Morgen die Schwere des Lebens von viel Leichtigkeit einfangen – und umgekehrt
Ein unbeschwert wirkender Streifzug durch ein Paris, wie man es aus so vielen Filmen oder aus der Wirklichkeit kennt, im Quartier Latin oder einem ähnlichen traditionellen bürgerlichen Viertel, in einen begrünten, idyllisch wirkenden Hinterhof hinein, mit Kopfsteinpflaster, dann ein altes gepflegtes Treppenhaus: Sandra (Léa Seydoux) schaut bei ihrem alten Vater Georg (Pascal Greggory) vorbei, der immer weniger allein zurechtkommt, bringt ihm etwas zum Essen mit. Doch vorher muss er ihr die Tür aufmachen. Sandra dirigiert mit Worten, wo der Schlüssel zu finden ist, er stecke im Schloss in der Tür, wie immer, und die Tür befinde sich direkt vor ihm. Sandra weiß um die ganze Tragweite, die sich mit diesem Scheitern an den banalen Kleinigkeiten des Alltags ankündigt. Ihr Vater leidet an den ersten Symptomen des Benson-Syndroms, einer neurodegenerativen Erkrankung, bei der die Augen zwar noch sehen, doch das Gehirn die gelieferten Daten nicht mehr verarbeiten und zuordnen kann. Der Beginn einer Demenz, die erforderlich macht, für ihren Vater einen Platz in einem Pflegeheim zu suchen.
Der Fokus der Darstellung liegt den ganzen Film über auf Sandra. Sie ist Mitte dreißig, alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter und muss nicht nur in Extremsituationen Handgriffe in Worte übersetzen; sie selbst arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin. Ihr mühsam austarierter Alltag wird durch die Krankheit ihres Vaters nicht einfacher. Zudem beginnt sie in dieser schweren Phase mit Clément (Melvil Poupaud), einem Bekannten von früher, eine Liebesbeziehung. Dass Clément verheiratet ist, verkompliziert die Dinge für Sandra noch mehr. Das Wechselspiel der Gefühle, in das Sandra gerät, wird nicht in großen melodramatischen Gesten und Szenen ausagiert. Das ist vor allem auch den Darsteller*innen zu verdanken, die von der Regisseurin zu einem ganz und gar natürlich wirkenden Spiel gebracht werden. Léa Seydoux vermag sehr überzeugend unglamouröse Alltagsnähe mit großer Intensität des Ausdrucks zu verbinden. Melvil Poupaud scheint seine Jungenhaftigkeit endgültig abgelegt zu haben und zeigt sich auf dem Weg zu einem Charakterdarsteller von Format. Und Pascal Greggory gelingt die Darstellung dessen, dem sein Leben durch die Demenz abhandenkommt, auf anrührend aufrichtige Art und ohne jeden falschen Ton.
Was an diesem Film besonders berührt, ist die vollkommen unprätentiöse Art und Weise, mit der hier die schweren Themen eines Lebensendes und einer parallel erwachenden Liebe verhandelt werden. Es entsteht in den auf 35mm-Analog-Material gedrehten Bildern des Kameramannes Denis Lenoir (Hansen-Løve hat mit ihm bereits bei drei früheren Filmen zusammengearbeitet) eine unglaublich betörende Leichtigkeit, die dem Ernst des Gezeigten eine Selbstverständlichkeit und eigene Eleganz verleiht.
Das geht ohne jegliche Bagatellisierung oder Verklärung, aber auch ohne Dramatisierung und pathetische Überhöhung: diese Mittellage hat etwas ungemein Tröstliches, lässt einen aber dennoch die große Traurigkeit spüren, die hier das Abschiednehmen von einem nahen Menschen noch bei Lebzeiten mit sich bringt. So gibt es immer wieder besonders ergreifende Momente. Etwa wenn es darum geht, die Bibliothek des Vaters aufzulösen, die vielen Bücher, die von seiner Lehr- und Forschungstätigkeit als Spezialist für deutsche Literatur und Philosophie zeugen. Schon durch die beginnende Krankheit sind sie alle für ihn komplett sinnlos geworden. Für Sandra steckt in ihnen sein ganzes Leben, und es freut sie, dass viele der Bücher bei Schülern und Studenten ihres Vaters eine Aufnahme finden. Als wäre damit etwas von ihm aufgehoben. Oder auch der Moment, als der Vater die einst so geliebte Schubert-Sonate D 959 nicht mehr hören mag. Sandra will sie ihm auf der CD im Heim vorspielen, doch als der langsame und abgründig traurige zweite Satz erklingt, bittet der Vater sie, die Musik abzustellen. Und es bleibt die kleine Unbestimmtheit, ob er die Traurigkeit dieser Musik nicht mehr erträgt oder ob sie ihm einfach nichts mehr sagt. Es bleibt Sandra (und den Zuschauer*innen) vorbehalten, diese Sonate als Schmerz und Trost gleichermaßen zu empfinden, wenn sie später noch mal zu hören ist, ohne den Vater.
Wie viele der früheren Filme von Mia Hansen-Løve (Der Vater meiner Kinder, Eden, Alles was kommt) beruht auch An einem schönen Morgen auf persönlichen Erlebnissen. Hier geht es nun um ihren
Vater, Ole Hansen-Løve, dessen Schicksal dem der Figur Georgs im Film entspricht. Doch stellt die Regisseurin diese autobiographischen Bezüge nicht aus, sie eröffnet kein autofiktionales Vexierspiel mit ihnen.
Am Ende des Films wird aus den Notizen des Vaters zitiert, die Sandra in die Hände fallen: »An einem schönen Morgen…«, mit diesen Worten, die zum Titel des Films geworden sind, hat er die Lebenserinnerungen begonnen, die er aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr
weiterführen konnte. Auch das kann vollkommen innerhalb des Rahmens der vom Film erzählten Figuren verstanden werden. Das Wissen um das persönliche Betroffensein der Regisseurin selbst mag vielleicht manchem eine zusätzliche Authentizitätsgarantie geben: doch eine solche hat dieser Film nicht nötig, da ihm die Mittel der alltagsnahen Fiktion genügen, um ein umso ergreifenderes Werk zu schaffen.