Review
An jedem verdammten Sonntag
Männer, Mythen, Illusionen
Männer, Mythen, Illusionen
Ganz ruhig fliegt der Ball durchs Stadion. Eine kleine Ewigkeit dauert es, in der sieht man nur das braune Football-Ei in der Luft und im Kino ist es ganz still. Dann taucht am unteren Bildrand eine Hand auf und ergreift das Spielgerät. Der Mensch, die Erde hat es wieder.
Überirdische Momente in einem ganz und gar diesseitigen Film. Auch Stille ist selten. Die meiste Zeit läßt es Oliver Stone in Any given Sunday (dt. Verleihtitel: An jedem verdammten Sonntag) dröhnen und krachen wie an der Bürgerkriegsfront von Salvador, wie im Vietnam-Dschungel, wo das Platoon seine Haut zu retten sucht, wie in der Strafanstalt, als Mickey und Mallory, das white trash-Gaunerpärchen aus Natural Born Killers mit ihrem Ausbruch beginnen. Einmal zischen ein paar Kampfflugzeuge über die Leinwand, und aus dem Mund des Trainers erfährt man, natürlich: »Football ist Krieg«.
Wäre das alles, wäre es tatsächlich zuwenig. Aber schon immer waren Oliver Stone-Filme viel mehr. Schon immer hatte die Welt dieses Regisseurs mindestens drei Teile, neben den Kriegsobsessionen auch eine moralisierende Gesellschaftskritik und eine hypermoderne, unverwechselbare Ästhetik. Alles das findet man auch hier.
Den brüchig gewordenen Männerbund bildet diesmal ein Football-Profiteam. Kaum ein Männlichkeitsritual fehlt, man erlebt Muskelspiele und versteckte Feigheiten hinter den großmäuligen Machtkämpfen, Längenvergleiche in der Dusche, den Team-Pfarrer, der beim gemeinsamen Gebet den Zusammenhalt aus alten Zeiten beschwört, und die Herren der Schöpfung unter sich: es wird geschrien, geflucht, geschissen, Blut gekotzt, nur »Pussy« oder »Schwuchtel« darf man nicht sein. Männer sind ein bißchen wie Tiere scheint es, und nicht zufällig sind viele Clubs nach (Raub-)Tieren benannt: Tigers, Lions, oder eben Sharks. Auf dem Spielfeld jedoch ist das Team zahnlos und überaltert, und der Einzug in die Playoffs endgültig gefährdet, als der Starquarterback (Dennis Quaid) verletzt ausfällt. Für dessen begabten Ersatz (Jamie Foxx) schlägt die Stunde der Bewährung.
Im Mittelpunkt steht jedoch der väterliche Coach Tony D’Amato (Al Pacino). In seiner Person prallen die Konflikte aufeinander: Spieleregoismen, und mehr noch der Kampf der Generationen. Stone schildert den Sieg des Neuen: Ein Schwarzer dringt in die weiße Domäne der Quarterbacks ein, die junge Christina Pagniacci (Cameron Diaz) stört die Männerrunde der Clubpräsidenten. Beide sind die einzigen, die dem traditionsverhafteten Tony die Wahrheit sagen, beide beweisen genau jenes leadership und jene Entscheidungsfreude, die der Trainer zunehmend verzweifelt von seinem Team einfordertauch in der zumindest an der Oberfläche noch archaisch-heilen Welt des Sports bleiben die alten Machtverhältnisse also nicht unangetastet. Nicht wie so oft dient hier der Sport als Metapher fürs Leben, sondern Football wird zum Schauplatz gesellschaftlicher Veränderungen.
Stone interessiert sich für alles an seiner Geschichte, aber nicht für den Sport. Dessen Mythen werden zelebriert, aber nur soviel, wie unverzichtbar ist, und um zu zeigen, was nicht mehr funktioniert. Any given Sunday ist ein Film über das Umfeld geworden, über Korruption und Prostitution, verlogene, heuchlerische Politiker, Ärzte, die je nach Bedarf fit oder krankspritzen, Aktionäre, die nach Spielergebnissen nur die Börsenwerte und Ablösesummen
nachrechnen, über die Herrschaft des Geldes der Medien, die den Sport längst gekauft haben. Pathos ist hier nur noch ein Fluchtreflex für Betrüger. Reaktionär ist der Film trotz seines manchmal martialischen Tonfalls schon deshalb nicht, weil all diese Brüche unversöhnt gezeigt werden.
Auch stilistisch liefert Stone das Gegenteil aller Riefenstahl-Ästhetik: Ganz tief hinein taucht seine Kamera in die Arena, knapp über der Grasnarbe geht sie zentimeterdicht an Ball und Spieler
heran. Kein Foul, kein fieser Trick, keine Brutalität bleibt ihr verborgen. Nicht der totalitäre Blick, der das Individuum klein macht, oder es in die Masse integriert, sondern die Vereinzelung inmitten des Stadions bestimmen die Wahrnehmung. Rasant und virtuos geschnitten, montiert Stone seine Bildfetzen mit Werbe-Ästhetik, Popmusik und der Semantik der TV-Sportinszenierungen.
Wenn in diesem düsteren Heimatfilm überhaupt etwas gefeiert wird, dann der Überlebenskampf des Einzelnen und sein Vermögen, im entscheidenden Moment auch eigene Egoismen zu überwinden. Im Schlüssel-Gespräch zwischen Coach und Quarterback, das sich um gegenseitigen Respekt – auch zwischen den Rassen – dreht, sieht man einen Ausschnitt aus Wylers Ben Hur: Erst der unbeugsame Individualist als Galeerensklave, dann als Gladiator beim Zweikampf. Football wird so von Stone etwas ambivalent als beides begriffen: Als Teil einer Gesellschaft, der von den Zwängen der Globalisierung nicht verschont bleibt, und als Ort der Erlösung von Geschichte, des wohltuenden Rückfalls in die Zeiten, als unmittelbare Physis noch Erfolg versprach. So liefert Stone auch ein Gegenspektakel zu allen Cyberfilmen.
Meist werden klare Wertungen wie das Ausspielen einer Seite gegen die andere vermieden. Manche Figuren moralisieren zwar, doch werden die Machogesten der Charaktere sogleich ironisch gebrochen. Der Regisseur selbst bleibt ungewohnt distanziert. Statt sich eindeutig auf eine Seite zu schlagen, beobachtet er lieber Verhältnisse.
Am Ende beharrt Stone auf dem llusionären aller Kommunitarismuskonzepte: Für den Augenblick sind Individuen zusammenführbar, auf Dauer gestellt
werden können solche Gemeinschaften in der Moderne aber nicht mehr.
Zwar führt die Herausforderung am Schluß das Team zusammen und lohnt mit Triumph. Diesen sehr amerikanischen Showdown fängt Stone aber doppelt auf. Zum einen damit, dass das »entscheidende Spiel« nicht etwa der Gewinn des Championships selber ist. Zum zweiten, indem er im Nachspann einige Überraschungen parat hält, die das eigentliche Thema des Films noch einmal akzentuieren: Die allgemeine Instabilität und breite Unsicherheit am Ende des amerikanischen Jahrhunderts.