Review
Anatomie eines Falls
Wirklichkeitskrise
Wirklichkeitskrise
In Justine Triets Gerichtsfilm Anatomie eines Falls wird über die Wirklichkeit selbst verhandelt, mit einer sublimen Sandra Hüller
Diese Musikstücke wird man nicht mehr aus seinem Kopf kriegen. Mit einer mächtigen Instrumentalversion von 50 Cents »P.I.M.P.« hebt der Film an. In Endlosschleife und ohrenbetäubend legt es sich über den Auftakt von Justine Triets Anatomie eines Falls, als kraftvoller Gegenspieler von Sandra, der Schriftstellerin, die sich im Wohnraum ihres Chalets eigentlich von einer Studentin interviewen lassen will. Ihr Mann hat die Musik im oberen Stockwerk auf volle Lautstärke gedreht. Später wird ihr sehbehinderter Sohn Daniel, elf Jahre alt, auf dem Klavier immer wieder dazu ansetzen, Isaac Albéniz’ »Suite Española« zu spielen. Die Töne verhaspeln sich, er stockt, er beginnt von vorne, zu sehr im Stakkato, zu schnell, immer wieder.
Wegen der ohrenbetäubenden Musik vertagt Sandra schließlich das Interview. Sandra Hüller spielt diese Sandra, sie trägt den Film vom ersten Moment an, wirkt sehr natürlich, tiefenentspannt, wenn sie alle Facetten ihrer Mimik zeigt, lässige Belustigung ausstrahlt. Das Authentische, das Hüller für ihre Figur transportiert, wird entscheidend sein für die ernste Tonlage, die der Film später einschlägt, wenn sie sich vor Gericht behaupten muss. Und das hat vielleicht auch über die Goldene Palme entschieden, die der Film in Cannes gewann, nur eine von zwei Preisen, die an die beiden Filme mit Sandra Hüller im Wettbewerb gingen (neben Anatomie eines Falls erhielt Jonathan Glazers The Zone of Interest die zweitwichtigste Auszeichnung, den Grand Prix).
Nachdem Sandra, die Schriftstellerin, die Studentin hinausbegleitet hat, sieht man, wie der Sohn mit seinem Hund Snoop (der mit der Dog Palm belohnt wurde) das Haus verlässt, anscheinend für einen Spaziergang in der Sonne. Als er zurückkommt, ist etwas passiert. Samuel, Sandras Mann, liegt im Schnee vor dem Haus, unter seinem Kopf eine Blutlache. Daniel ertastet ihn und wird später wie der blinde Seher aus dem Mythos die Beteiligten zum tatsächlichen Kern des Gerichtsprozesses führen. Sandra ist angeklagt, Samuel mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen und seinen Tod herbeigeführt zu haben. Präzise Reenactments am vermeintlichen Tatort sollen die Beweise erbringen. Vom Tod seines Vater bis zum Ende des Prozesses wird Daniel immer und immer wieder versuchen, das Stück von Albéniz auf dem Klavier zu spielen. Ganz als gelte es, die Wirklichkeit zu beherrschen. Wenigstens ein bisschen.
Die Musik versetzt den Film in eine von Emotionen durchdrungene Sphäre, die dann wieder vom analytischen Seziermesser der Gerichtsverhandlung und der Wahrheitsfindung durchschnitten wird. Messerscharfe Logik und eine Rhetorik, in der jedes Wort sitzt, konterkarieren die tastende Suche nach der unergründlichen Wahrheit, die bis zum Schluss des Films nicht belastbar wird. Weder gibt es hier die eine Rückblende, die Verlässlichkeit über die Geschehnisse herstellen könnte, noch sind die Figuren eindeutig konturiert, als gut oder böse, als schuldig oder unschuldig. Vor Gericht, wo der Film über weite Strecken spielt, werden neben dem möglichen Tathergang auch die Moral verhandelt und subtil Vorurteile gegenüber der Fremden, der deutschen Schriftstellerin ausgespielt. Sandra hat ihren Mann, den Einheimischen, der an den Ort seiner Kindheit zurückgezogen ist, immer wieder betrogen, mit Männern wie mit Frauen. Eine grundsätzliche moralische Unaufrichtigkeit haftet ihr also an, die ihre Aussagen tönern machen. In den Augen der Anklage ist sie, was Foucault das Monströse, das Anormale genannt hat, eine, die nicht nur die Gesetze der Gesellschaft, sondern auch der Natur übertreten hat. »Ich bin kein Monster«, sagt Sandra zu ihrem Sohn, als sie von einem aufwühlenden Gerichtstag nach Hause zurückkehren.
Das alles erinnert an Otto Premingers Anatomie eines Mordes, auf den sich nicht nur Triets Titel reimt. Auch hier wird eine verkrustet-verklemmte gesellschaftliche Moral vor Gericht verhandelt, auch hier wird von der Staatsanwaltschaft eine Frau in ihrer Schuld umkreist. Hat sie ihre eigene Vergewaltigung provoziert? Geschah der Mord durch den Ehemann aus Eifersucht, Kalkül oder aus einer mentalen Störung heraus? Der Tathergang bleibt bei Preminger am Ende offen.
Auch bei Triet wird die Ehe von Sandra und ihrem Mann vor Gericht verhandelt. Der Staatsanwalt, in scharfsinniger Brillanz von Antoine Reinartz verkörpert, bringt immer neue Fragmente einer zerrütteten Liebe zum Vorschein, die Triet sehr elegant in Rückblenden überführt. Nicht aber die Frage: »Was ist passiert?« wird hier gelöst, vielmehr lenkt sich der Blick auf eine Wirklichkeit, die in ihrem Wahrheitsgehalt ohnehin problematisch ist. Denn Sandra und Samuel (gespielt von Samuel Theis) sind beides Schriftsteller, die ihre Fiktionen dem echten Leben abringen, und dem, was sie selbst für das Reale halten – dass die Figuren wie ihre Schauspieler heißen, überschreitet ebenfalls vielsagend die Schwelle zwischen dem Realen und Fiktionalen. Samuel soll nach einer Schreibkrise mühevoll nach neuem Material für eine Geschichte gesucht und dafür mit seinem Handy Gespräche mit seiner Frau aufgezeichnet haben. Hat er den heftigen Streit, der jetzt im Gerichtssaal zu hören ist, nur provoziert, um ihn später in einem Roman zu verarbeiten? Und wie stark mag seine Verletzung gewesen sein, weil Sandra von ihm eine Idee für einen Roman übernommen hatte?
Der Zugriff auf die Realität durch die Fiktion und umgekehrt ist ein Thema, das Justine Triet bereits in ihrem letztem Film Sibyl interessierte. Im Drehbuch, das sie, wie jetzt auch, zusammen mit Arthur Harari schrieb, geht es um eine Psychotherapeutin, die die Erzählungen ihrer Patienten für ihre eigenen Romane ausnutzt. Wirkte das dort aber noch plump und bediente es einen relativ schlichten Voyeurismus, fügt sich in Anatomie eines Falls die Exploitation des Realen durch die Fiktion völlig organisch in die Handlung ein – und reißt trotzdem die großen philosophischen Fragen auf. Ob wir jemanden geliebt haben oder nicht, ist vor Gericht nicht verhandelbar. Und mehr noch: Wenn die Fiktion vom Realen durchdrungen wird und das Reale in die Fiktion eindringt, werden sie beide ununterscheidbar und unbestimmbar. So schwebt der Film gleichsam über seinem Prozess, den er erzählt: Denn um diese Gemengelage von Realem und Erdachtem geht es in unserem Leben.