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Review

Anna Karenina

Großes, unerzogenes Mädchen

Schön geschmückt, aber leer

Großes, unerzogenes Mädchen

Schwarz ist ihr Ballkleid, weiß seine Uniform. Sie tanzen und es wirbelt, es wirbelt außen, aber es verwir­belt auch ihre Gemüter. »Im Hause Oblonskij war alles durch­ein­ander«, heißt der berühmte zweite Satz der »Anna Karenina«. Der erste, noch berühm­tere lautet: »Alle glück­li­chen Familien gleichen einander, jede unglück­liche Familie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich.«
Wenig später nach diesem Auftakt wird die Titel­heldin dann zu ihrem frisch­ge­ba­ckenen Liebhaber sagen: »Alles ist zu Ende. Ich habe nun nichts außer dir.« Leo Tolstois Ehebruch- und Fami­li­en­ver­gleichs-Roman ist die Geschichte einer Amour fou. Das Schwarz-Weiß und Entweder-Oder der Leiden­schaften wird platziert vor das Grau in Grau einer über­lebten, dem Untergang geweihten Gesell­schaft. Passion vor Müdigkeit – das könnte zeitgemäß und aktuell sein – und es charak­te­ri­siert auch den Film selbst ganz gut, einen Film, der laut und schnell anfängt, und sich dann in Tempo und Effekten allmäh­lich steigert. Tolstois Jahr­hun­der­troman »Anna Karenina« ist einer der meist­ver­filmten Romane der Welt­li­te­ratur. Über 20 Mal ist die Geschichte der drei Familien aus der russi­schen Ober­schicht schon für die Leinwand insze­niert worden, zuletzt 1997 mit Sophie Marceau in der Titel­rolle. Vor ihr spielten unter anderem Greta Garbo – sie sogar zweimal – und Vivien Leigh die unglück­liche Ehegattin. Und jede Anna Karenina ist anders – ein Kind ihrer Zeit, aber auch ein Geschöpf der jewei­ligen Schau­spie­lerin. Jetzt also Keira Knightley.

Schon zweimal hat Regisseur Joe Wright bereits einen großen Roman mit der Knightley verfilmt, Pride & Prejudice nach Jane Austen und Ian McEwans Atonement, und zweimal hat das sehr gut funk­tio­niert. Zwei Kostüm­filme, einmal die napo­leo­ni­sche Ära bei Austen und einmal die 30er Jahre, zweimal eine Schau­spie­lerin, die so gar nicht in Kostüme und Kulissen vergan­gener Zeiten zu passen scheint, weil sie explizit modern wirkt, ein Girl, das es mit der Zeit­ma­schine verschlagen hat – aber gerade dieser Kontrast ist wunderbar aufge­gangen. Doch diesmal stimmt das Sprich­wort nicht, das aller guten Dinge drei sind, denn gerade die Haupt­dar­stel­lerin ist hier das Problem und zumindest, was die Titel­heldin angeht, will die neue Anna Karenina nicht zünden. Die heim­li­chen Haupt­fi­guren dieser Verfil­mung sind viel eher ihr Liebhaber, der feurige Graf Vronski (Aaron Taylor-Johnson), der einmal nicht zum lächer­li­chen Tunichtgut herun­ter­ge­stutzt wird, dann ihr älterer Gatte, der besonnen-harte Politiker Karenin (Jude Law), bei dem sich Vernunft und Gefühl die Waage halten, und der deswegen zur persön­li­chen Kränkung ein Verhältnis findet, seiner Frau eine zweite, eine dritte und noch eine vierte Chance einräumt – bis es irgend­wann einfach mal genug ist. Sowie die junge Kitty (Alicia Vikander) die erst naiv-schwär­me­risch in den ewigen Jung­ge­sellen verliebt ist, dann aber die tieferen Werte in dem Guts­be­sitzer Levin (Domhnall Gleeson) erkennt, und mit ihm eine Ehe eingeht, die das glück­liche Gegen­s­tück, den Kontrast zu Annas zuneh­mender Misere darstellt.
Das alles kommt zumindest dem multi­per­spek­ti­vi­schen Charakter des Buches sehr nahe. Denn wie »Krieg und Frieden« ist auch dies eher der Roman einer Gesell­schaft und das Portrait mehrerer Familien in ihrem Glück wie Unglück, als das Portrait nur einer Person.Tolstoi wechselt immer wieder den Fokus und beschreibt auch kleinste Neben­fi­guren voller Details als in sich wider­sprüch­liche Indi­vi­duen.

Wrights Anna Karenina ist zunächst aber vor allem ein opulenter Kostüm­schinken, der geballte Pracht und Schau­werte bietet. Alles ist Bühne hier, großer Auftritt, soziale Rolle vor Kulissen – so verdop­pelt der Film den Blick, den die Gesell­schaft des Zaren­reichs auf die Ehebre­cherin Anna Karenina wirft. Der Bruch mit ihrer sozialen Rolle, mit den Verhal­tens­lehren der Kälte, war sowieso die Kardi­nal­sünde der Karenina. Ehebruch? Nichts dagegen zu sagen, aber bitte doch diskret. Mit einem feschen Jung­ge­sellen aus besserer Gesell­schaft? Wenn’s denn sein muss, und grade kein Husar zur Verfügung steht. Immerhin besser als der Stall­bur­sche. Und ein Kind vom Galan? Macht man weg. Aber so vor aller Augen? Wie schamlos! Hat sie denn gar kein Benehmen? Und Liebe? Also bitte, wo bleibt die Conten­ance...
Man hat diese Figur, eine Zeit- und Leidens­ge­nossin von Flauberts »Madame Bovary« und Fontanes »Effi Briest«, immer als Frau im Kampf um Aner­ken­nung verstanden, eine Frau, die den Mut hat, Konven­tionen und »Tugenden« zu opfern um ihrer Selbst­ver­wirk­li­chung willen. Anna Karenina ist schließ­lich auch eine Mutter, die für den neuen Lover ihr Kind im Stich lässt – eine Tat, die in ihrer scham­losen Egozen­trik heute eher noch uner­hörter wirkte als im 19.Jahr­hun­dert, wo Mütter aus der »besseren Gesell­schaft« es allemal nicht so hatten mit der Mutter­rolle. Wofür gibt es schließ­lich Personal?
Man hat in diesem Eman­zi­pa­ti­ons­streben aber auch immer mehr gesehen: Das univer­sale Drama eines Menschen, der sich nach Freiheit und Glück sehnt, und der es wagt, dafür das Gesell­schafts­kor­sett zu sprengen. All solche Facetten und Wider­sprüche fehlen ganz über­wie­gend in Joe Wrights rasanter, unge­wöhn­li­cher, aber nicht restlos über­zeu­gender Neuver­fil­mung, die – ganz im Unter­schied zur Dickens-Neuver­fil­mung Great Expec­ta­tions, die nächste Woche in die Kinos kommt – nie abgründig, sondern recht brav und bieder und schlicht und wenig aktuell erscheint. Joe Wright ist gut – vergessen wir nicht, dass er letztes Jahr den großar­tigen Wer ist Hanna? verant­wor­tete – aber das reicht diesmal nicht.

Knight­leys Karenina selbst wirkt in diesem Tableau wie ein großes uner­zo­genes Mädchen, unreif, gar nicht die lebens­er­fah­rene Frau, die weiß, worauf sie sich einlässt, wie sie Sophie Marceau spielte, auch nicht die aus Verzweif­lung Hyste­ri­sche der Vivien Leigh, die sich an Vronski klammert, wie eine Ertrin­kende an ein Stück Treibholz. Wenn aber Anna Karenina nicht mehr ist als ein etwas zu ober­fläch­li­ches Girl, wenn sie den Zuschauer weder zur Iden­ti­fi­ka­tion einlädt, noch verführt, sie zu begehren und zu lieben – was bleibt dann von diesem Stoff? Tolstois Moral-Message, dass die roman­ti­sche Liebe eine Illusion ist, kann in Zeiten nicht mehr erschüt­tern, in denen jede zweite Ehe geschieden wird. Und die Frei­heits­sehn­sucht, den Glücks­an­spruch »against all odds«, gegen alle Wider­s­tände, die spürt man diesmal viel authen­ti­scher in der jungen Kitty und in dem alten Karenin, der viel mehr hinnimmt, als er müsste.