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Review

Annette

Willkommen im Metaverse

Filmszene »Annette«
Liebe zum Mitsingen: »We love each other so much.« (Foto: Alamode)

Willkommen im Metaverse

Leos Carax schlägt mit dem Musical Annette die hohen Töne der Tragödie und die Niederungen der Operette an. Herausgekommen ist ein grandioses Filmexperiment, das nicht mehr von dieser Welt ist

Abend für Abend ist Showtime für Henry McHenry, der als »Ape of God« seinem Publikum einheizt. Im Garde­ro­ben­raum bringt sich der Stand-up-Comedian auf Touren, zieht die Kapuze seines Frottee-Bade­man­tels tief ins Gesicht, raucht, isst gleich­zeitig eine Banane und deutet in Henry-Maske-Manier einen Boxkampf gegen unsicht­bare Schatten an. Rechte Faust, linke Faust, ducken, Zug von der Zigarette, Biss von der Banane, diese im Aschen­be­cher zusammen mit der Zigarette ausdrü­cken, und los auf die Bühne. Dort wird das vergnü­gungs­be­reite Publikum verhöhnt, das immer nur lachen will: »And now: laugh, laugh, laugh!«, brüllt er ihnen singend entgegen. Zuvor hatte Henry die Zuschauer in die schwarzen Ecken seiner Seele blicken lassen, seinen Aggres­sionen freien Lauf gelassen und sie beschimpft, darauf haben sie begeis­tert gewartet, deshalb sind sie hier. Auch seine Frau steht in diesem Moment auf einer Bühne, Ann ist Sopra­nistin an der Oper und Megastar. Abend für Abend stirbt sie, weil es die hohe Kunst der Tragödie so will, das Publikum feiert auch sie dafür. »You die, die, die, and then you bow, bow, bow!«, singt Henry wütend am anderen Ende von Los Angeles. Die frene­tisch beglei­teten Verbeu­gungen als ständige Wieder­auf­er­ste­hung kränken ihn in seinem Narzissmus und setzen in ihm toxische Männ­lich­keit frei.

Mit dieser furiosen Paral­lel­mon­tage zwischen der populären und der hohen Bühnen­kunst zieht Leos Carax, der vor zehn Jahren mit dem phan­tas­ti­schen Holy Motors das Erzähl­kino verab­schiedet hat, seine Zuschauer in ein neues Film­ex­pe­ri­ment hinein. Annette ist Rock-Oper und Musical, das Libretto und die Songs stammen von der ameri­ka­ni­schen Avant­garde-Pop-Legende Sparks der Brüder Russell und Ron Mael, die auch am Drehbuch mitge­schrieben haben. Wie es sich für ein Musical gehört, wird nicht nur auf der Bühne gesungen, sondern auch alle Dialoge. Ein zentrales fantas­ti­sches Element lässt überdies kaum zu, die Handlung noch für bare Münze zu nehmen: Die titel­ge­bende Haupt­figur, Annette (das Baby von Ann und Henry), wird reprä­sen­tiert durch eine animierte Glie­der­puppe aus Holz, einen altmo­di­schen Pinocchio-Avatar. Annette kann außerdem singen und schweben, als wäre sie nicht von dieser Welt – eine Hommage auch an François Ozons Ricky und sein flie­gendes Baby. Der Film gerät auf diese Weise zu einem einzigen Verfrem­dungs- und Verstö­rungs­ef­fekt, der sich mit Wucht auf der Leinwand entfaltet. Als heute aus der Mode gekom­menes Genre fordert das Musical die Rezi­pi­enten hoch­gradig heraus und meint es noch dazu mit seinen Figuren nicht gut. Wie Lars von Triers Musical Dancer in the Dark nimmt Annette keine Rücksicht auf figu­ren­em­pa­thi­sche Zuschauer-Gefühle und ist unent­rinnbar wie jüngst Julia Ducour­naus Body­horror Titane.

In der Eingangs­se­quenz des Films sehen wir Regisseur Leos Carax, seine Tochter Nastya (als Regie­as­sis­tenz) und die Sparks-Brothers. Gitarren werden in den Verstärker gestöp­selt, der Regisseur raucht und wartet, bis sich die Musiker und der Back­ground-Chor aufgebaut haben. »So may we start?« fragt der Regisseur am Mischpult. Und dann geht es – »one, two, three, four« – los in den Kosmos der Rock-Oper. »So may we start? It’s time to start«, greifen die Mael-Brüder singend auf, gehen singend aus dem Studio, Adam Driver und Marion Cotillard reihen sich ein, dazu kommt »Big Bang Theory«-Darsteller Simon Helberg, der den Diri­genten im Film spielen wird. »Wir werden für euch singen, und wenn ihr wollt, dass wir töten, werden wir damit einver­standen sein«, singen die Schau­spieler für die Zuschauer im Kinosaal. Der Auftakt-Spoiler ist viel­sa­gende Fikti­ons­durch­bre­chung und führt in ein viel­schich­tiges Metaverse ein, das von nun an nicht mehr verlassen wird.

Die Handlung entpuppt sich dann als recht konven­tio­nelle Eifer­suchts­story, in der Proto­typen agieren: der zynische Comedian wird zunehmend eifer­süchtig auf die gefeierte Opern­sän­gerin, als Baby­sitter der gemein­samen Tochter muss er zu Hause bleiben, worunter seine Karriere leidet. Er greift zum Alkohol und gönnt sich immer wieder Eskapaden. Berichte der Yellow Press begleiten wie der Chor in einer grie­chi­schen Tragödie den Auf- und Abstieg des Celebrity-Paars – Hochzeit, Schwan­ger­schaft, Geburt, Karrie­re­ein­bruch, Me-too-Skandal, schließ­lich Femizid – während die Figuren im Duett, dann in mono­lo­gi­schen Arien von ihrer erst harmo­ni­schen (»We love each other so much«), dann zerris­senen Gefühls­lage singen.

Jedoch nicht aus dem Plot ergibt sich die eigent­lich tragische Handlung, sondern aus der Welt der Kunst: Um Ann vom Bühnentod zu befreien, den die Tragödie ihr abver­langt, befördert Henry die Frau, die er abgöt­tisch liebt, ins Jenseits. Den Kreislauf der ewigen Wieder­kehr aber kann er nicht aufhalten, denn Ann wird sich in Baby Annette als singender Geist nieder­lassen und Henry bei den Auftritten des neuen Kinder­stars heim­su­chen. Die Tragödie wird zusehends zum melo­dra­ma­ti­schen Schau­er­mär­chen, das sich mit dem singenden Baby grotesk anrei­chert und am Ende als Lehrstück über Explo­ita­tion im Musik-Business gedeutet werden kann.

Die sich durch den Film hindurch­zie­hende Meta-Ebene ließe sich mühelos auf para­fik­tio­naler Ebene fort­setzen: Die im Intro auftre­tende Nastya, der auch der Film gewidmet ist, ist das gemein­same Kind von Regisseur Leos Carax und der mit 44 Jahren jung verstor­benen Schau­spie­lerin Jeka­te­rina Golubeva. Carax war von da an der allein­er­zie­hende Vater einer Tochter, genau wie Filmfigur Henry. So lässt sich die tragisch-groteske Handlung bis über die Film­grenzen hinaus fort­spinnen, ohne dass man sie jedoch allzu buchs­täb­lich-auto­fik­tional nehmen sollte. Allein Baby-Annette durch eine Puppe zu besetzen und dadurch einem inhä­renten Selbst­wi­der­spruch zuvor­zu­kommen, kann als Beweis dafür gelten, dass Carax sein Thema nicht nur orna­mental nimmt.

Wenn Carax in der bewe­genden Schluss­szene dann noch einen verstö­renden Natu­ra­lismus zulässt, wird die ganze verfüh­re­ri­sche Illu­si­ons­kraft des Filmm­ediums offenbar, der man sich bis dahin trotz aller Fiktio­na­li­sie­rungs­si­gnale ohne Wenn und Aber übergeben hatte. Obgleich operet­ten­haftes Schau­er­mär­chen, entfaltet Annette die hohe Tonlage einer klas­si­schen Tragödie, in der allge­meine Prin­zi­pien gegen­ein­ander antreten: der Mann und die Frau, die Liebe und der Neid, das Leben und der Tod, das Diesseits und das Jenseits, das Tote und das Beseelte. Das ist mensch­lich und mythisch, ist Eros und Thanatos, ist zugleich simpel und abstrakt. Und eine betörend-verstö­rende Film-Oper, wie man sie noch nie gesehen hat.