Review
Anomalisa
Stop-Emotion
Stop-Emotion
Was ist das Wesen unserer modernen Gesellschaft? Was ist die Verrücktheit der Welt, in der wir leben? Wo bleibt das Liebenswerte?
Charlie Kaufman, den man vor allem als Drehbuchautor für existentielle Fragestellungen à la Being John Malkovich (R: Spike Jonze) und Eternal Sunshine of the Spotless Mind
(Regie: Michel Gondry) kennt, hat jetzt zusammen mit seinem jungen Co-Regisseur Duke Johnson einen Animationsfilm vorgelegt.
Ein nicht weniger existentialistisches, wenn nicht sogar existentielles Werk ist dies geworden. Anomalisa ist in Stop-Motion entstanden, in obsessioneller Kleinstarbeit. Die Figuren kamen aus einem 3D-Drucker, Grundgerüste konnten in immer andere Figuren gewandet werden, was Geld sparte. Was wichtig war, denn finanziert wurde mittels Crowdfunding. Ein typisches „Liebhaberprojekt“, das abseits der großen Hollywood-Studios neue Wege sucht, und das als erster Animationsfilm den Großen Preis der Jury in Venedig gewann (und jetzt für den Animations-Oscar nominiert wurde).
Die Figuren und das Setting wirken lebensecht, ziehen die Zuschauer zur Gänze in die Illusion hinein, und sind dennoch zugleich grob und unbehauen. Angewendet wurden „live-action“-Techniken bestimmter Kameraeinstellungen und eine Beleuchtung, die so rüberkommt, als wäre in realen Räumen gedreht worden. Kameramann Joe Passerelli ist ein Experte auf dem Feld von Stop-Motion und ein großer Illusionator. Auch die Feinstarbeit in der Mimik der Puppen erzeugt eine verblüffende Echtheit bei aller deutlichen Gemachtheit der Puppen.
Denn da sind diese Brüche in der Inszenierung, die von der Illusion direkt in die Sphäre der angewandten Metaphysik führen: Die Gesichter zeigen Risse, einmal fällt einer Figur die Kinnlade auf den Boden und gibt ein metallisches Mechanikgestell frei, das für das Feintuning der Mimik sorgt. Die Pullover, in denen die Figuren gekleidet sind, sehen aus, als wären sie von Grundschülern für ihre Lieblingspuppe gestrickt worden: einfach, quadratisch, hässlich. Eine absolute und ungewohnte Ausstattungsreduktion. Und dann, vor allem: alle Figuren haben dieselbe Stimme, sprechen in der Eintönigkeit der immer gleichen Floskeln, die nichts mehr sagen und doch alles preisgeben. Hier tut sich eine Sprach- und Existenzkritik auf, die sehr an das freudlose Universum des Schweden Roy Andersson erinnert. Seine sprechenden „Eierköpfe“ in Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach a wirkten mit ihrer Maskenhaftigkeit auch schon wie Sprech-Puppen reduzierter Lebenswelten.
Anomalisa spielt in den Innenräumen eines großen Hotels, das Kongressgäste beherbergt, denen ein Motivationsseminar bevorsteht. Der Coach ist die Hauptfigur. Michael Stone, der Steingewordene, führt ein Leben aus dem Koffer. Seine Familie ist zur bloßen emotionsentleerten Funktion geronnen, in der sich die sozialen Zusammenhänge nur mehr in Tauschwerten ausdrücken („Papa, was bringst du mir mit?“). Michael, der Coach, ist müde. Und hungrig. Vergeblich versucht er sich durch die interaktive Telefonbestellung durchzuklicken, was ihm bei Erfolg ein Menü aufs Zimmer bringen könnte. Es geht ums Existentielle, die Familie, das Leben, das Essen. Und wie alle Existentialisten raucht Michael Stone Kette.
Eine Begegnung, ein minimales Ereignis wie in einer Novelle, ändert das. Eine neue Stimme tut sich auf, die sich vom Rest der Welt abhebt. Es ist der Moment des sich Verliebens, der dies schafft. Die Welt jedoch wird wieder eintönig, als sich Irritation auftut, wegen eines klitzekleinen Details. Das ist nihilistisch und auch ein wenig zynisch.
Kaufman und Johnson haben mit ihrem bescheiden-großen Film sehr behutsam das Seziermesser an der Welt, in der wir leben, angelegt. Dabei wird der Blick auf die funktionalen Zusammenhänge, auf die wir uns in der modernen Gesellschaft bereitwillig reduzieren lassen, frei. Darunter schimmern Emotion und Sehnsucht nach dem echten Leben. Die Puppen, das sind wir.