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Review

Anora

Wenn Märchen wahr werden...

Anora
Eine Möglichkeit von Glück (Foto: Universal)

Wenn Märchen wahr werden...

Sind sie keine Märchen mehr: Sean Bakers Anora erzählt wahre Lügen über den Scheincharakter der wahren Welt

Ist das ein guter Film? In jedem Fall ist es ein Film, der funk­tio­niert. Er funk­tio­niert wie eine gut geölte Geis­ter­bahn.

Der Ameri­kaner Sean Baker gewann im Mai über­ra­schend mit seiner modernen Cinde­r­ella-Story Anora, die Pretty Woman-Motive ins 21. Jahr­hun­dert überträgt, die Goldene Palme von Cannes.

Im Verhältnis zu dem in Cannes meist domi­nie­renden gedie­genen Kunstkino bewegt sich Anora auf einem anderen Planeten. Denn diese kühle »femi­nis­ti­sche« Komödie – die in meinem viel­leicht unmaß­geb­li­chen Freundes- und Bekann­ten­kreis den Herren viel besser gefällt als den Damen, und den Film­kri­ti­kern viel besser, als den prag­ma­ti­scheren Kino­gän­gern – erzählt zwar von Sexarbeit, Migration und Klas­sen­un­ter­schieden. Doch tut er dies in Form eines femi­nis­tisch und sozi­al­kri­tisch ange­hauchten Wohl­fühl­films.

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Nicht ohne Grund liest sich jede Synopsis zu diesem Film wie ein Update von Pretty Woman. Wenn man den Regisseur genauer unter die Lupe nimmt, kann man entdecken, dass sich Baker damit einen Namen gemacht hat, dass er vermeint­lich unter­re­prä­sen­tierte oder ausge­grenzte Figuren aus der Subkultur, oft Einwan­derer ohne Papiere und Prosti­tu­ierte, in ausge­spro­chen humanen Settings auf empa­thi­sche Weise porträ­tiert. Von manchen Beob­ach­tern wurde er darum bereits als der Archetyp eines neuen, politisch-korrekten »männ­li­chen Filme­ma­chers« in einer zukünf­tigen Post-Me-Too-Ära beschrieben.
Baker hat dabei nie schlichtes Mitgefühl mit seinen Figuren: Vielmehr zeigt er sie als Reprä­sen­tanten von Haltungen. Es sind Menschen, die in den schmut­zigsten und entwür­di­gendsten Verhält­nissen leben, aber doch auch fast immer neben oder hinter Symbolen des Aufstiegs, der fest­li­chen Feier oder der ikoni­schen Subli­mie­rung des American Way of Life.

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Bakers 139 Minuten langer neuer Film setzt diese Linie fort. Er erzählt von einem Call-Girl, der von Mickey Madison grandios gespielten Ani. Baker verur­teilt seine Haupt­figur nie, geschweige denn mora­li­siert er ihre Tätigkeit oder ihre Arbeit. Sie ist ein Profi, und davor hat der Film gebüh­renden Respekt.
Eines Tages trifft Ani Vanya, den Sohn eines russi­schen Olig­ar­chen. Zunächst ist der infantile, selbst­ver­liebte Knabe Kunde. Doch Knall auf Fall verliebt er sich in sie – und vice versa. Der realis­ti­sche Papa möchte aller­dings keine Hure zur Schwie­ger­tochter haben, der Sohn entpuppt sich als hirnloser Schwäch­ling, und so kommt es bald zu einer sehr vorher­sehbar verlau­fenden Konfron­ta­tion, die eine Weile im Stil einer Billy-Wilder-Komödie ausge­tragen wird, inklusive einer starken Dosis trashigen Humors, bevor der Film noch andere Saiten aufzieht.

Im Gegensatz zum misan­thro­pi­schen Gehabe von so aufge­bla­senen Filme­ma­chern wie beispiels­weise Yorgos Lanthimos (Poor Things) macht der Regisseur von The Florida Project und Red Rocket keine Filme, um sich selbst in Szene zu setzen, um mit dem Finger auf alle anderen Menschen, vor allem »alte weiße Männer« und »Privi­le­gierte« zu zeigen, um über »große relevante Themen« zu sprechen oder gar um auf effektive bis effekt­ha­sche­ri­sche Weise Diskurse der Kultur­wis­sen­schaften zu illus­trieren, die in befrie­di­gender Form an die heutige Zeit angepasst wurden. Auch nahe­lie­gende Olig­ar­chen­kritik spielt im Film nur eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Trotz seiner glaub­wür­digen huma­nis­ti­schen Haltung und seines Glaubens an die Stärke seiner Haupt­figur schi­ka­niert er sie über den Film gehörig. Anora (eine unver­gess­liche Mikey Madison, die eine seltsame Mischung aus Unschuld und emotio­naler Wahrheit vermit­teln kann) setzt sich entgegen aller Anzeichen mit enormer Kraft, mit Schreien und mit Zackig­keit, wenn es nötig ist, durch, während sie – mit unge­wöhn­li­chem Glauben und uner­schöpf­li­cher Vitalität – eine Welt betritt, die sie für besser hält, die in Wirk­lich­keit aber noch dunkler, krimi­neller und schreck­li­cher ist als die Welt, in der sie arbeitet. Baker porträ­tiert sie nicht als ahnungs­lose Idiotin, sondern als ein Geschöpf, das mit einem schier uner­schüt­ter­li­chen Glauben an die Zukunft (und an Amerika) ausge­stattet ist.

Die anderen Figuren reduziert der Film auf ihre Funktion und das nötige Minimum, das jeder Film braucht. Gerade die Russen sind hier eine Ansamm­lung von uner­träg­li­chen und einge­bil­deten Wesen, die die Über­le­gen­heit der USA zu bestä­tigen haben.

Den Cannes-Preis verdient der Film für die Virtuo­sität, mit der er sich mit benei­dens­werter Leich­tig­keit und großer Energie von der roman­ti­schen Komödie zum Thriller und vom Slapstick zur Screwball Comedy bewegt. Komödie ist dies vor allem da, wo die Beauf­tragten des Olig­ar­chen Unge­schick­lich­keit mit Entschlos­sen­heit im Ausführen ihrer Befehle verbinden, was bei Baker zum Motor lustiger Sequenzen wird.

En bisschen lang­weilig bleibt alles dennoch. Denn letztlich meint es Anora ernst und zeigt vor allem eine knall­harte zeit­genös­si­sche Frau­en­figur und ihren Versuch, um fast jeden Preis aus den eigenen prole­ta­ri­schen Herkunfts­ver­hält­nissen auszu­bre­chen, der durch die Feigheit der Männer vereitelt wird.

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Die schöne Lüge ist schön. Aber sie bleibt eine Lüge.

Der Film ist reines Gift für Mora­listen, denn er ist unmöglich für irgend­eine Art von beru­hi­gendem Diskurs zu instru­men­ta­li­sieren.

Der »Ameri­ka­ni­sche Traum« ist hier nur noch im Hinterhof am Leben. Und er ist nur dadurch noch »wahr«, dass er sich zu seinem fiktio­nalen Charakter, zu seiner Schein­haf­tig­keit und Essenz als Lüge bekennt.
Aber noch lebt er.

Dies ist der Stand des Neoli­be­ra­lismus: Seine Verspre­chen lösen sich nicht mehr ein. Die Träume sind zerplatzt, aber etwas Besseres finden wir nirgendwo. Darum halten wir an den Träumen fest, an die wie selbst nicht glauben.
Es bleibt nur Auto­sug­ges­tion. Ein Geis­tes­zu­stand kurz vor dem Irrsinn.