Review
Anselm – Das Rauschen der Zeit
Schwanengesang einer aussterbenden Spezies
Schwanengesang einer aussterbenden Spezies
Wim Wenders' Porträt seines alten Freundes Anselm Kiefer überzeugt durch eine faszinierende Werk- und Denkschau, krankt aber an zu viel Pathos und einem überkommenen Bild vom Großkünstler
»Ich habe die Nacht verschüttet. Aus einem Krug.« – Paul Celan
Beide sind 1945 geboren, beide sind internationale Größen in ihrem Metier und dann auch noch befreundet. Und dann war es für Wim Wenders, eines der Urgesteine des neuen deutschen Films der 1970er Jahre (Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, Alice in den Städten, Im Lauf der Zeit, Der amerikanische Freund) ja zu Anfang seines erwachsenen Lebens auch gar nicht der Film, der ihn anzog, sondern die bildende Kunst, wie er kürzlich in einem Zeit-Interview verriet: »Was für ein Leben ich vielleicht gehabt hätte, wenn ich doch Maler geworden wäre. Was ja mein größter Traum war. Ich kriege jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn ich eine leere Leinwand sehe, eben nicht im Kino, sondern in einem Maleratelier. Allein schon wenn ich die Farben rieche.«
Und die Farben, über die Wenders spricht, scheinen in seiner Annäherung an seinen alten Freund Anselm Kiefer dann auch tatsächlich zu riechen, kommt man in dieser Werkschau über einen der letzten lebenden, deutschen Großkünstler dessen Werk so nah, wie man es auf Ausstellungen wohl kaum käme. Das liegt nicht nur an dem historischen Abriss, den Wenders vor allem über Kiefers wechselnde und immer gigantischer werdende Ateliers seit seinem Eintritt als Meisterschüler bei Joseph Beuys nachzeichnet, sondern in diesem Fall auch über die eingesetzte Technik – die gegenwärtig höchste Auflösung von 6K und das schon fast wieder ausgestorbene 3D-Format, das Wenders bereits in seinem Porträt über Pina Bausch adäquat eingesetzt hatte, hier aber fast noch mehr Sinn macht.
Denn Kiefer ist ja nicht nur durch seine Skulpturen und Installationen ein multidimensionaler Künstler, sondern auch in seiner Malerei. Wenders nähert sich diesen oft berstenden Leinwänden jedoch nicht nur in ihrem Endzustand an, sondern auch während ihrer Entstehung, die durch Wenders' langen Beobachtungszeitraum von drei Jahren erst möglich ist; sehen wir Bilder also nicht nur unter Behandlung mit einem Flammenwerfer und mit Kiefers Team wachsen, sondern dann auch in den Arsenalen von Kiefers Lagerhallen, in denen Kiefers kaum zu fassende Produktionsvielfalt fast schon beklemmende Gefühle auslöst. Aber unter der hypnotisierenden Kamera von Franz Lustig lösen sich diese Beklemmungen schnell auf, wenn sie sich Kiefers Kunst im Detail nähert, um die Körperlichkeit von Kiefers Gemälden mit ihrer subtilen Irritation in flirrende und dann wieder auch meditative Bilder zu fassen.
Diese Werkbetrachtung ist der stärkste Teil von Wenders' Film. Auch, weil Wenders hier immer wieder historisch-essayistische Passagen über die politischen Komponenten vor allem in Kiefers früheren Werken mit einfließen lässt, wie die legendäre Celan-Lesung seiner Todesfuge, über die die Gruppe 47 wegen ihres eigenartigen Pathos nur ein Lachen übrig hatte.
Das Pathos von Celans Stimme fällt hier wohl auch deshalb nicht so sehr ins Gewicht, weil Wenders in seiner Betrachtung seines Freundes selbst zunehmend in ein Pathos verfällt, das aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, der Zeiten, als Großkünstler und Großschriftsteller tatsächlich noch Generationen überdauerten und hinter ihrem Werk zurücktraten, ja ihr Werk waren und sich niemand traute, zu fragen, wann sie denn für gewöhnlich kacken und was sie essen.
Dazu passen dann auch Wenders' und Kiefers Aussagen – das ist im Laufe des Films immer weniger zu unterscheiden – nach denen Kunst und Mythologie eine andere, aber ebenso wichtige Form der Erkenntnis sind. Wenders streut zwar in Spielszenen Kindheitsmuster und Szenen des Künstlers als junger Mann in sein Porträt ein, aber auch die sind stets von dem Willen zur Kunst geprägt und vielleicht mit Absicht ganz nah bei Heidegger und seinem Willen zur Macht hineinmontiert, der hier mit Celan ein Stelldichein gibt und irgendwann dann auch auch Ingeborg Bachmann ins Bild tritt, das Raunen der Lyrik dabei stets präsent.
Durch diese ein wenig erratisch wirkende, aber dann wieder sehr stilisierte Vernetzung mit den Toten folgt Wenders im gewissen Sinn Manès Sperber, der im Vorwort zu seiner großen Romantriogie Wie eine Träne im Ozean schrieb: »Um einen Lebenden zu verstehen, muss man wissen, wer seine Toten sind. Und man muss wissen, wie seine Hoffnungen endeten – ob sie sanft verblichen oder ob sie getötet wurden. Genauer als die Züge des Antlitzes muss man die Narben des Verzichts kennen.« Und die Toten erklären dann auch tatsächlich viel von dem Werk Kiefers, das in Wenders' Film gezeigt wird, von den Narben des Verzichts sehen wir allerdings nichts.
Stattdessen tritt der Künstler dann wirklich hinter sein Werk zurück, auch, weil in jedem Großen das Scheitern schon enthalten ist und das Schicksal niemanden entkommen lässt. So ist Kiefer nicht mehr als ein Geist in riesigen Fotoalben, ist eine Sonnenblume, ist ein Fahrrad fahrendes Kind – und weil lineare Zeitmaßstäbe für Großkünstler ihre Gültigkeit verlieren, bleibt irgendwann nur noch Sternenstaub.
Damit bewegt sich Wenders gedanklich nah an einem anderen Großmeister des neuen deutschen Films der 1970er Jahre, an Werner Herzog und dessen 2020 fertiggestellter Dokumentation Fireball: Besuch aus fernen Welten, die mit großer Lust und Neugierde erklärt, warum wir nichts als Sternenstaub sind und irgendwann auch wieder zu den Sternen aufbrechen werden, jeder für sich und alle zusammen.
Bei Herzog hat das fast etwas Fröhliches, etwas Berauschendes und Wildes, bei Wenders wird dieser eigentlich befreiende Moment wieder in durch ein an Kitsch grenzendes Pathos überführt, das dann aber auch ein berührender Moment sein kann, lässt man sich auf Wenders und seinen romantisch-poetischen Blick ein, ein Blick, den er seit seinen Anfängen in sich trägt, der schon in seinen ganz großen Filmen wie Im Lauf der Zeit präsent war, damals aber nur als Funkeln, sich in heute seltsam anmutenden Männerdialogen artikuliert hat. Heute ist dieses Funkeln ein Feuer, das den Kosmos mit seinem endlosen Rauschen der Zeit erschließen will.