Review
Anything Else
Ich rede, also bin ich
Ich rede, also bin ich
Es ist allgemein bekannt, dass Woody Allens Filme, zumindest die, in denen er eine tragende Rolle hat, von ihm selbst handeln. Das ist durchaus unterhaltsam und passt hervorragend zur Tradition der New Yorker Intellektuellen, die nicht müde werden, sich selbst und ihre Analytiker durchzudiskutieren. Mit Anything Else legt er einen weiteren Film dieses Genres vor, der mit fast einem Jahr Überhang nun auch in Deutschland ins Kino kommt.
Jerry Falk ist Comedy-Autor. Leider fällt ihm nicht genug ein – sein Privatleben hat eher tragische Züge. Seine Freundin Amanda entzieht sich ihm, quartiert dafür aber ihre Mutter in seinem Arbeitszimmer ein. An den Fähigkeiten seines Agenten zweifelt er zunehmend – ist er doch der einzige Klient. Und sein Psychoanalytiker kann auch nicht helfen. Die Ratschläge seines Kollegen Felix Dobel – ''Befreie Dich von allem Ballast'' – scheinen klug, aber Falk hofft, dass sich die Dinge auch so einrenken können. Vor allem die Beziehung zu Amanda, die ebenso sehr durch ihre Bindungsunfähigkeit belastet wird wie durch seine hingebungsvolle Passivität.
Die Rolle von Allens jungem Alter Ego spielt Jason Biggs, bekannt geworden vor allem als Hauptdarsteller der drei American Pie-Filme. Er beweist sich als durchaus fähig, die Rolle des jugendlichen Neurotikers auch in nicht klamaukigem Kontext auszufüllen. Biggs greift damit die Rolle auf, die Allen selber so oft gespielt hat: den verunsicherten, von Selbstzweifeln zernagten Kreativen, dem es schwer fällt, sich zu behaupten. Zur Verstärkung dieses Effekts ergänzt der Regisseur ihn mit einem väterlichen Freund und Ratgeber, den er selbst spielt: Woody Allen verdreifacht sich gleichsam mit seiner imaginierten Doppelrolle als Leinwandfigur und als Selbst-Darsteller. Allerdings ist die Spiegelung nicht unverzerrt – das zeigt schon Dobels Waffen-Fetischismus, der so gar nicht Allens eigener Einstellung entspricht. Man kann den Film auch als gedachte Zeitreise lesen: der ältere Mann (Dobel als ''Double'') versucht sein jüngeres Selbst vor den Fehlern zu warnen, die er selbst lieber vermieden hätte.
Wunderbar zickig gibt Christina Ricci die unreife Amanda, als ihre überdrehte Mutter singt und trinkt sich Stockard Channing durch den Film. Und auch Danny DeVito macht bei seinen Auftritten als klettiger Agent eine gute Figur. Allein die gleichfalls Allen-typische Eloquenz und der erlesene Wortschatz können auf Dauer ziemlich anstrengen. Wenn die Figuren einmal nicht das Sagen haben, setzt das Gerede aus dem Off ein. Nur die sonnendurchfluteten Cinemascope-Bilder Darius Khondjis retten Anything Else vom Abgleiten ins Hörspiel – was Allen dann doch wichtig schien, immerhin wählte er nach Manhattan erst zum zweiten Mal das große Kinoformat.
Anything Else unterhält nicht nur eingefleischte Woody-Allen-Fans, die lustvoll die Bezüge zu seinem früheren Film Annie Hall (Der Stadtneurotiker)herstellen können. Wenn man allerdings angesichts des Hauptdarstellers Jason Biggs eine Art American Pie 4 erwartet – Allens Humor ist doch ein anderer.