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Review

Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums

Sommer mit Pause

Filmszene »Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums«
Auf der Suche nach der eigenen Identität... (Foto: Capelight Pictures/Central)

Sommer mit Pause

Aitch Albertos Verfilmung des gleichnamigen Young-Adult-Romans ist Coming-of-Age-Geschichte und Lehrstunde im Reden auf einmal und so zärtlich wie überraschend

Was am Ende dieses berüh­renden Films über die wachsende und sich verän­dernde Freund­schaft zweier Teenager in Texas an der mexi­ka­ni­schen Grenze bleibt, ist ein komplexes, ein wunder­bares Gefühl der Ambi­va­lenz. Erwachsen werden ist grausam und eine nicht enden wollende Nieder­lage, erwachsen werden ist schön und kann ein Verspre­chen sein. Es hängt wie so vieles im Leben von den richtigen oder falschen Zufällen ab.

Der Zufall in Aitch Albertos Verfil­mung von Benjamin Alire Sáenz’ Aris­to­teles und Dante entdecken die Geheim­nisse des Univer­sums, einem mit zahl­rei­chen Preisen ausge­zeich­neten Young-Adult-Roman, ist die Begegnung zweier Außen­seiter in einem Schwimmbad im migran­tisch geprägten, texa­ni­schen El Paso. Doch selbst diese zufällige Begegnung ist erst einmal noch kein Verspre­chen, sind beide Jungen, Aristotle »Ari« Mendoza (Max Pelayo) und Dante Quintana (Reese Gonzales), doch so unter­schied­lich, dass eine Freund­schaft kaum möglich scheint. Denn ist Ari ein »klas­si­sches« Einwan­de­rungs­kind mit einem Bruder im Gefängnis, einem schwei­genden Vater, einer liebe­vollen Mutter und einer großen Wut im eigenen Bauch, ist Dante all das nicht, wohnt er in einem reichen Haus, sind seine Eltern Bildungs­bürger und folgt ihr Sohn ihrem Beispiel mit einem spie­le­ri­schen Interesse.

Doch manchmal kann man sich Freund­schaft sowenig wie die Liebe aussuchen und finden Ari und Dante in der brütenden Hitze der texa­ni­schen Sommer­fe­rien zusammen, besuchen sich gegen­seitig und verändern sich gegen­seitig, entdeckt jeder andere Seiten in sich, die durch die Präsenz des Gegenü­bers getrig­gert werden. Jeder lernt etwas. Der eine das Sprechen und Schwimmen, der andere das Schweigen und das Lieben. Dabei gibt es Bilder, wie das Schwim­men­lernen, die an Barry Jenkins Moonlight erinnern, Momente der Verzweif­lung, die sich wie Jason Reitmans Juno ansehen. Und dann ist es ein Film, der mit seiner erst unaus­ge­spro­chenen und dann sehr klar arti­ku­lierten Zärt­lich­keit auf Lukas Dhonts groß­ar­tigen Film Close zu refe­ren­zieren scheint.

Doch Aitch Alberto folgt strikt der lite­ra­ri­schen Vorlage von Benjamin Alire Sáenz, in der das Schweigen und Mobbing nicht zum Tod wie in Close führt, sondern die jugend­li­chen Prot­ago­nisten den viel­leicht größten Schatz entdecken, auf den man im Leben stoßen kann: das mitein­ander Reden, die konse­quente Suche nach der eigenen Identität. Das Schönste in diesem so klugen wie emotio­nalen Film ist deshalb die Beob­ach­tung dieses langsamen Lern­pro­zesses, der gerade nicht in dem viel­leicht zu Anfang erwar­teten queeren Coming-Out endet, sondern über Pausen, Hinder­nisse und Verlet­zungen sehr über­ra­schend in etwas ganz Anderem.

Das ist ein fast schon mutiges, sehr unkon­ven­tio­nelles Verspre­chen und auch durch die hervor­ra­genden Haupt­dar­steller aufre­gendes, verein­nah­mendes Kino, mehr noch, als Aris­to­teles und Dante entdecken die Geheim­nisse des Univer­sums auch eine Geschichte über Migration und die viel­sei­tigen Möglich­keiten der Assi­mi­lie­rung erzählt. Es ist ein Amerika, wie es nur selten im Kino zu sehen ist, mit einen ethno­gra­fisch gnaden­losen, aber dann doch auch zärt­li­chen Blick, der durch die über­ra­gende Kamera von James Laxton – der für seine Arbeit an dem bereits erwähnten Moonlight für den Oscar nominiert wurde und auch in Barry Jenkins Miniserie THE UNDERGROUND RAILROAD mit seiner Bild­sprache über­rascht hat – eine besondere, flim­mernde Betonung erhält und den Film auch auf dieser Ebene zu weit mehr als nur einem Young-Adult-Film macht.