Review
Attenberg
Lieben ohne Leben
Lieben ohne Leben
Wer mag, wer kann, wer will eigentlich noch die nicht enden wollenden Zyklen medialer Abgesänge auf Griechenland lesen und sehen? Die flotten Apokalypsenreitereien, die schwer chiffrierten Wirtschaftsgemälde, die Reportagen aus Alltag und Banalem? Weil keiner weiß, was-passiert-wenn, ist langsam auch die Kraft erlahmt, verstehen zu wollen. Höchste Zeit also, dass die Kunst eingreift, um ein wenig zu entwirren, zu reflektieren und neu zu »motivieren«.
Einer der ersten Filme, der es zur »Veranschaulichung« griechischer Gegenwartszustände in die deutschen Kinos geschafft hat, ist seit Giorgos Lanthimos Dogtooth jetzt Athina Rachel Tsangaris Attenberg. Weitere werden folgen und einmal mehr die Binsenweisheit bestätigen, dass reale Wirtschaftskrisen immerhin die künstlerische Produktion ankurbeln, auch wenn sonst volkswirtschaftlich nicht mehr viel funktioniert.
Tsangaris Attenberg hat allerdings nicht nur durch die Aufmerksamkeit der Leitmedien zum Thema Griechenland bereits ungeahnte Rezeption erfahren. Die Auszeichnung von Ariane Labed, die Tsangaris Hauptcharakter verkörpert, als beste Hauptdarstellerin auf den Filmfestspielen in Venedig 2010, hat ein Übriges getan.
Dem Film mit diesen Erwartungshaltungen zu begegnen, tut ihm allerdings nicht gut. Zwar überzeugt Ariane Labed als 23-jährige Marina immer wieder: sei es bei den Versuchen mit ihrer Sex-erfahrenen Freundin Bella den eigenen, begrenzten Beziehungshorizont zu erweitern oder die letzten Wochen mit ihrem an Krebs leidenden, allein erziehenden Vater zu teilen. Auch ihre an zu viel Theorie krankende Beziehung zu einem Ingenieur lässt ahnen, welches Potential in Labed ruht. Und in der Thematik an sich: der Tristesse und Bewegungslosigkeit eines kleinen, leicht-industrialisierten Inselküstenorts Griechenlands, in dem jeder – so gut es denn geht – die kleinen Erwerbsarbeiten verrichtet, die noch geblieben sind. Von Aufbruch, Hoffnung, Zukunft ist wenig zu spüren. Weder Leben schenken (Sex) noch Leben geben (Tod) ist sonderlich motiviert. Marina verrichtet ihren Sex nach Anweisung, ihr Vater gibt ebenso akribische Anweisungen zu seinem Sterben; etwa ihn im Ausland verbrennen zu lassen, weil Feuerbestattungen in Griechenland nicht erlaubt sind.
Tsangaris gelingt es jedoch nicht, die angelegten, wirklich aufregenden Potentiale auch nur in Ansätzen auszuschöpfen; der Film verharrt immer wieder in inszeniertem Stillstand und bodenlosen Leerstellen, die an das Kino Aki Kaurismäkis erinnern, ohne die Tragikomik von Kaurismäkis Geschichten dabei auch nur zu streifen. Allein die Möglichkeit, die Leerstellen mit dem Halbwissen über die real existierende Wirtschaftskrise in Griechenland aufzufüllen, erzeugt dann und wann einen morbiden Reiz. Immerhin trösten und beruhigen die gelassen fotografieren Bilder eines Griechenlands, dass weit entfernt von dem der Medien und Urlaubsfotografien ist, die jeder kennt. Doch das schale Gefühl, hier eine Krise mit schlecht sitzender Stille serviert zu bekommen und mit Symbolen, die zu groß für diesen kleinen Film sind, nehmen sie nicht. Nicht einmal die wie Kapitelüberschriften angedachten stillen Tanzeinlagen von Bella und Ariane bewegen, irritieren oder überraschen, obwohl sie im Grunde zutiefst tragisch zeigen, dass Griechenland seit Alexis Sorbas nicht nur der Tanz, sondern auch die Musik abhanden gekommen ist.
Kurzum, ein unheimliches siamesisches Zwillingsparadox belastet Attenberg: Ohne die Griechenlandkrise wäre dieser Film wohl nie entstanden und ohne sie ist er fast nicht denkbar. Ein leiser, manchmal zärtlicher, dann wieder langweiliger Soundtrack zu einer Krise, die bald vergessen sein wird.