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Review

Auf einmal

Die Kindheit eines Chefs

Faszinierender, spannend inszenierter Psychothriller

Die Kindheit eines Chefs

Es ist ein ganz normaler Abend, an dem sich für Karsten alles ändert. Eine Party, Musik und Alkohol, eine unbe­kannte Besu­cherin namens Anna. Am nächsten Morgen ist sie tot, und es bleiben Fragen über Fragen:
Wie starb sie?
Warum brauchte Karsten etwas zu lang, um Hilfe zu holen?
Und vor allem: Wer war diese Anna überhaupt? Warum war sie da?

Die unan­ge­nehmsten Fragen stellt hier nicht die Polizei, sondern Laura, Karstens Frau; seine Eltern, die beide ange­se­hene Geschäfts­leute sind, die mehr als nur ihren guten Ruf zu verlieren haben; sowie die Freude und die Kollegen in der Bank, in der er arbeitet. In der malerisch gelegenen Provinz­stadt weiß jeder sofort über alles bescheid.

Besonders Judith, Lauras beste Freundin, glaubt bescheid zu wissen: »Ich frag' mich nur, was ne' verhei­ra­tete Frau mit Kind in ner Wohnung von nem fremden Mann will. ... Ich hab alles gesehen: Du hast sie doch von Anfang an angemacht. Frauen sehen besser als Männer. Ich glaub, Du lügst wie ein Welt­meister.«
So ist Karstens Leben »auf einmal« ganz anders geworden.

Karsten ist ein junger Mann aus gutem Hause. Warum sollten wir uns für ihn inter­es­sieren? Ejn Sohn, ein sehr wohl­er­zo­gener Sohn, erzogen, um ein zukünf­tiger Chef zu sein. Zu seinen Eltern sagt er irgend­wann: »Das Schlimmste: dass ich genauso bin, wie ihr.« Er ist unsicher, er ist – ganz liberal, locker, bürger­lich – geprägt von der Dressur durch die Eltern, und diese Ansprüche, denen er vermeint­lich nicht gerecht werden kann. Karsten ist ein Feigling, ein Wasch­lappen.

Es geht also um Schuld­ge­fühle, um Gerech­tig­keit, um bürger­liche Milieus, um West­deutsch­land, um Provinz, um Vater-Sohn-Bezie­hungen, um Insti­tu­tionen. Um Vertrauen-Miss­trauen. Karsten entschul­digt sich auch dauernd selbst. Egal ob es überhaupt etwas zu verbergen gibt – was der Film lange wohltuend offen lässt –, ist er nicht sympa­thisch.

»Was habe ich verbro­chen, dass mir so etwas passiert?« – jammert er, als alles verloren scheint. Ein männ­li­cher Hyste­riker, ein Beispiel auch für sehr deutsche Hysterien, für Schuld­ge­fühle, die viel­leicht über­trieben sein mögen, und gleich­zeitig in ihrer Über­trie­ben­heit akzep­tiert und aber doch verdrängt werden. Man fragt sich irgend­wann in diersem Film, ob diese Deutschen nicht alle blöde sind, so über­trieben moralisch, so fort­wäh­rend die anderen und sich selbst bewertend. »Judge­mental«. Ein Russischs­täm­miger sagt Karsten gegen Ende: »Ihr braucht immer einen Grund.« Und er meint das nicht als Kompli­ment.

»Man erntet, was man sät.« flüstert ihm Judith später noch doppel­sinnig zu. Aber hat Karsten dies alles wirklich gesät? Hat er es verdient?

Der Berliner Filme­ma­cherin Asli Özge ist ein faszi­nie­render, spannend insze­nierter Psycho­thriller gelungen. Alle hier sind irgendwie schuldig geworden.

Im Zentrum steht daher nicht die Krimi-Ermittler-Frage »Wer hat was getan?«, sondern die Erwar­tungen der Anderen: Karsten soll nämlich irgend­wann einmal in die Fußstapfen der Eltern treten. Er soll für seinen Chef ein vorzeig­barer Berater sein.
Seine Frau Laura hat besonders viele, besonders wider­sprüch­liche Erwar­tungen: Er soll irgendwie noch der coole hübsche Junge in Leder­jacke sein, mit dem sie bei ihren Freun­dinnen angeben kann, er soll aber auch Karriere machen; er soll viel Zeit für sie haben und Gebor­gen­heit bieten, aber bitte auch für mate­ri­elle Sicher­heit sorgen und für eine gedeckte Kredit­karte beim Woche­n­end­shop­ping.

Karsten soll für alle funk­tio­nieren. Doch gerade in der Krise entdeckt er neue Möglich­keiten. Er entdeckt die Wahrheit über die anderen, deren Egoismus, die Verlo­gen­heit und den Oppor­tu­nismus der Gesell­schaft. Etwa sein Chef bei der Bank, der ihn in ein Hinter­zimmer versetzt, um die Kunden nicht zu irri­tieren.

Karsten lernt, dass er sich auf diese Anderen, auf die Gesell­schaft nicht verlassen kann. Er lernt aber auch Neues über sich. Seine Grenzen, seine Härte, seinen Willen.

So ist Auf einmal ein sehr facet­ten­rei­cher Film über einen jungen Aufsteiger, ein künftiges Mitglied jener Klasse, die gesell­schaft­li­ches Vorbild zu sein bean­sprucht, die die Macht möchte – sie sie natürlich nie so nennt: In jenen Kreisen heißt das »Verant­wor­tung« – und wir müssen fast Mitleid haben mit jenen, die diese Last tragen sollen.

Es ist das Portrait eines jungen Mannes, der noch lernen muss, seinen Platz an der Spitze einzu­nehmen. Und er wird es lernen: »Jetzt komm, nach dem Spiel ist vor dem Spiel.« – die Kindheit eines Chefs. Auf einmal hat zwei Ebenen. Zum einen geht es um diese Haupt­figur. Zugleich aber auch um Gesell­schaft, um Provinz, und bürger­liche Gesell­schaft in der Provinz erzählen. Das satu­rierte Deutsch­land im Kleinen.
Gedreht wurde im male­ri­schen Herbst, mit seinen rotgelb­braunen Farben. Bis zum Rand des Bildes sieht man Wald, Berge, kaum Himmel. Die Klein­stadt Altena im Sauerland mit ihren verwin­kelten Gassen, zeigt mitunter ein fast roman­ti­sches Deutsch­land­bild.

Erzählt wird im Stil der »besseren« »Berliner Schule«. Besser, weil er zwar ruhig erzählt ist, aber offener, ästhe­tisch undog­ma­tisch, in sich freier. Der Film beginnt fast spröde, jeden­falls aus einer – mitunter über­be­tonten – Distanz erzählt. Wie ein Film von Christian Petzold. Aber der Film öffnet sich, wird weiter, bekommt Tempo, wird unbe­küm­merter, als Petzold. Die erste Hälfte ist abstrakter, als die zweite. Die Kamera betont die Enge der Räume, zeigt oft Halb­to­talen.

Auch wegen Louise Heyer und wegen Julia Jentsch muss man diesen Film sehen, sie tragen den Film, mit Sebastian Hülk und Hanns Zischler. Asli Özges Film entfaltet ein sehr facet­ten­rei­ches Fremdgeh- und Miss­trau­ens­drama auf dem Land. Präzise erzählt sie von unserer Gesell­schaft und ihren Methoden, damit wir alle funk­tio­nieren. Bis zum Ende nimmt ihre Geschichte über­ra­schende Wendungen.

Ihrem Film hat die Regis­seurin im Shake­speare-Jahr ein Zitat des großen engli­schen Dichters voran­ge­stellt: »Denn nichts ist Gut und Böse, Das Denken macht es erst dazu.«