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Review

Aus Liebe zum Spiel

Gespens­ter­ge­schichte

Wunderbar roman­tisch und melan­cho­lisch

Gespens­ter­ge­schichte

Ein Arenafilm, auch das ist For Love of the Game. Als schöner, ruhiger Auftakt und Einstim­mung sozusagen zu dem gigan­ti­schen Gladia­to­ren­spek­takel, das uns ab nächster Woche ins Haus steht.

Natürlich ist der Sport ein letztes, ein wenn nicht gerade zivi­li­siertes so doch zivi­li­sa­to­ri­sches Relikt der Brot-und-Spiele-Tradition. An den beiden urame­ri­ka­ni­schen Sport­arten Foot- und Baseball sieht man das am besten, wo es immer irgendwie auch darum geht, Distanzen zurück­zu­legen und seinen claim abzu­ste­cken, sich Terri­to­rien zu erobern und unter dem Jubel der Menge zu vertei­digen. Im Baseball hat sich dazu noch ein beson­derer ameri­ka­ni­scher Traum verwirk­licht: der von der Versöh­nung zwischen Indi­vi­duum und Gesell­schaft, zwischen dem Zusam­men­spiel im Team und dem strah­lenden Helden, der immer ein »loner« sein muss, ein einsamer Wolf. Diese verfüh­re­ri­sche Einsam­keit des Langstre­cken­läu­fers steckt im home run, aber auch die Möglich­keit der Nieder­lage, des Versagens.

Kevin Costner hat auf diesem Spielfeld, nach Field of Dreams und Bull Durham, reichlich Erfahrung gesammelt. Dennoch ist For Love of the Game nicht allein ein Film über das Baseball, den Sport. Er ist vielmehr ein Film über das Erreichen der homebase im über­tra­genen Sinn, eine wunder­bare, melan­cho­li­sche und pathe­ti­sche Liebes­ge­schichte, und ein Geschichte vom Altwerden.

Die große ameri­ka­ni­sche Sehnsucht, so hat Nicholas Ray einmal gesagt, der uns mit die schönsten B-pictures beschert hat, die es zu sehen gibt, die große ameri­ka­ni­sche Sehnsucht wäre die nach dem eigenen Zuhause, dem home. Das sind andere, fast traurige Töne, ganz und gar ungewohnt von den Pionieren mit ihrem kämp­fe­ri­schen »Go west, young man« – aber auch nach­hal­tige, wahre Töne.

Costner ist Billy Chapell, einer der ganz großen, umschwärmten Base­ball­stars. Aber jetzt ist er in die Jahre gekommen, hat den Zenit seines Ruhmes über­schritten, und das Manage­ment will ihn nach Saison­ende abstoßen. Gefallen lassen freilich will sich Billy das nicht so einfach, da ist er direkt ein Seelen­ver­wandter von Al Pacino, der gerade in Oliver Stones Any Given Sunday mit demselben Problem zu kämpfen hatte. Da er aber nicht ganz so besessen ist wie Pacino, nicht so aufgeht in der einen, großen Lebens­auf­gabe, sucht er nach der anderen homebase: der Liebe, der Familie.

Die Einsam­keit des Langstre­cken­läu­fers: Nach dem Spiel hat er eine Suite reser­viert in einem Nobel­hotel, hat Dinner und Cham­pa­gner bereit­stellen lassen für den großen Auftritt, den Heirats­an­trag, den er seiner Jane machen will. Die aber kommt nicht, versetzt ihn, und der Film beginnt in dieser Trost­lo­sig­keit, diesem Verlo­ren­sein inmitten von Glanz und Gloria, von Luxus und Komfort. Am nächsten Morgen in aller Frühe wird sie ihn treffen, bei einem Spielfeld im Central Park und ihm erklären, dass sie nach London gehen wird, eines Jobs wegen. Man spürt, wie kühl es ist, draußen, zwischen Nacht und Tag, und wie kompli­ziert die Beziehung zwischen Bill und Jane ist, wie wenig wir über sie und sie selbst vonein­ander wissen, und – das ist ein großes Thema dieses Films – wie wenig Trost, wie wenig Heimat der Ruhm ist, der Erfolg.

For Love of the Game ist ein Film, den vor 50 Jahren Howard Hawks hätte machen können, der immer auf wunder­barste Weise die Männ­er­freund­schaften und die Liebe zwischen Mann und Frau mitein­ander zu versöhnen wusste. Keine Riva­litäten, keine Konflikte gab es da, keinen Zwang sich zu entscheiden für das eine oder das andere. Und während Bill Chapel seine verzwickte Liebes­ge­schichte Revue passieren lässt, bereitet er sich auch auf seine Rache vor, auf sein perfect game, das er als pitcher zusammen mit seinem Freund Gus, dem catcher, in seiner Abschieds­vor­stel­lung durch­ziehen wird. Arena-, und Gladia­to­ren­stim­mung also, zwei gegen die grölende Meute im Stadion und gegen jedes bessere Wissen. Eine Bekenntnis ist das dann am Ende für das Team, das ganz kleine, Mann und Mann, Mann und Frau, ein home run im sport­li­chen und im emotio­nalen Sinn.

Kevin Costner wird immer gerne als All-American-Boy dekla­riert, obwohl er meist eher an John Wayne in The Searchers erinnert: einer der sich abkapselt, der verstockt, maulfaul und irgendwie menschen­feind­lich ist. Seine Charak­tere klinken sich gerne aus der Gesell­schaft aus, drehen ihr eigenes Ding und wollen dann auch nicht mehr gestört werden dabei. Ein bisschen Todes­sehn­sucht steckt dahinter, oder die Sehnsucht nach einer Toten wie in seinem letzten Film Message in a Bottle. Das schönste Bild hat wieder einmal Tony Scott gefunden in Revenge, ein Film, der selbst nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint, sondern im Irgendwo zwischen Leben und Tod ange­sie­delt ist. Da ist Costner ein Ex-Kampf­pilot, der seinen Abschied nimmt von der Army (er hat alles gelernt, was Tom Cruise in Topgun noch vor sich hat, man kann sich aber ausmalen, wo Cruise später landen könnte, wenn er richtig erwachsen geworden ist). Bei Tony Scott gibt es immer diese wunder­schön unauf­dring­li­chen Verqui­ckungen zwischen den Filmen, er ist einer der letzten Autoren im Hollywood-Kino, was viel zu wenige nur wahrhaben möchten, man müsste ganz ausführ­lich einmal nur über Tony Scott sprechen und schreiben.
Revenge also, ein Film von Abschied­nehmen von der Freund­schaft, vom Leben (bei Raimi ist es dann ein Abschied vom Ruhm, von der Jugend, gar nicht so weit weg von Scott). Wir sind am Anfang ganz oben – der einzige Ausgangs­punkt für jeden Abschied. Bei Raimi wird Costner auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt sein, bei Scott braust er noch mal in seinem Jet über die Land­schaft. Später wird er hinab­steigen als eiskalter Rache­engel (und von hier aus könnte man jetzt wieder voraus­schauen, Richtung Gladiator). Auf dem Helm, den Costner in seinem Cockpit trägt, steht »Ghost« zu lesen, und Scott denkt sich schon etwas bei den Namen, die er seinen Piloten verpasst, sie sind Minia­turen, kleine Charak­ter­stu­dien. Revenge ist eine Geis­ter­ge­schichte, in unwirk­li­ches, surreales, manchmal schon para­die­si­sches Licht getaucht, und wer Kevin Costner am Anfang seiner Filme als Geist begreift, kommt ganz gut klar mit seinen Charak­teren, denke ich.

Außerdem sind Gespens­ter­ge­schichten natürlich auch so etwas wie Sam Raimis filmische homebase, von der aus er startet. Er verletzt zunehmend die Spiel­re­geln, weil er sich weigert, im Kreis zu laufen, vielmehr auf dem Kino-Feld der Träume herum­geis­tert und hier und dort einen Ball in die Menge schlägt. Richtige screw­balls, und For Love of the Game kommt dabei als Melodrama heraus. Viele nehmen ihm das übel. The Quick and the Dead hat man nicht nur hier­zu­lande mit Verach­tung gestraft. »Welcome back, killer«, sagt da übrigens Gene Hackman zu Russell Crowe, bevor er in die Arena tritt. Mann gegen Mann und bis zum Tod, wie gesagt ab nächster Woche (aber davon wollten wir ja jetzt nicht mehr reden). Wer darauf beharrt, den Evil Dead oder Army of Darkness Raimi wieder und wieder zu sehen, der wird leicht säuerlich reagieren, weil der Grusel in For Love of the Game so ganz anders ist (aber er ist da, immerhin). Wir dagegen, als echte Cinéphile, wollen natürlich nicht auf die Erhaltung des status quo pochen, was ja unerhört dumm wäre, sondern sind neugierig auf neue Spiel­felder und Spiel­re­geln und freuen uns darüber, dass Raimi uns jetzt diese wunderbar roman­ti­sche und melan­cho­li­sche Geschichte erzählt.