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Review

Aus meiner Haut

Alte Schule

Filmszene »Aus meiner Haut«
Paar-Sozialisation einmal anders und doch vertraut... (Foto: X Verleih/Warner Bros.)

Alte Schule

Es ist das nie wirklich eingelöste Urversprechen des Internets: Wer ganz anderes sein zu können, als man ist. Alex Schaad geht in seinem Debüt konsequent analog, um das Versprechen doch noch einzulösen

Body-Swap Filme gab es mal wie Sand am Meer. Tom Hanks' Karriere hat 1988 in BIG so begonnen und Mel Gibson in Nancy Meyers What Women Want (2000) Fremd­schäm-Barrieren über­wunden. Und auch der große Blake Edwards hat sich mit der wunder­baren Ellen Barkin in SWITCH (1991) des Themas ange­nommen. Doch bis auf James Camerons ersten Avatar, in dem der Body-Switch eine grund­le­gende Rolle zur Erkundung der eigenen Identität spielt, ist es still um das meist als Komödie ausge­reizte Genre geworden.

Das liegt sicher­lich auch daran, dass das Internet dazwi­schen gekommen ist. Das Internet mit seinem Urver­spre­chen, dass jeder, zumindest im virtu­ellen Raum, sein kann, wer ersie will – es reicht ja schon, den Namen zu ändern. Flankiert wurde diese Entwick­lung von bahn­bre­chenden Cyberpunk-Romanen wie Richard K. Morgans Altered Carbon (2002) und Filmen wie The Matrix oder Spiel­bergs Ready Player One und den Metaverse-Filmen der letzten Jahre wie Ever­ything Ever­y­where All at Once oder Spider-Man: No Way Home, die Körper und Identität mehr und mehr frag­men­tierten und den Body-Swap schon fast hyper­ven­ti­lierten.

Umso über­ra­schender ist es, mal wieder einen Film der alten Schule zu sehen, einen Film, der das Science-Fiction-Element des Körper­tauschs nicht in hard boiled SF überführt und auch nicht zur Komödie greift, sondern es in ein New Age-Umfeld einer länd­li­chen Kommune einbettet, in dem der Körper­tausch vor allem aus thera­peu­ti­schen Gründen durch­ge­führt wird.

Idee und Drehbuch stammen von den Brüdern Alex (der auch Regie geführt hat) und Dimitrij Schaad (in einer der Haupt­rollen), die mit Aus meiner Haut ihr Lang­film­debüt geben, das letzte Woche das Film­fes­tival Max Ophüls Preis eröffnete und bereits im vergan­genen September in Venedig mit dem Queer Lion ausge­zeichnet worden ist.

Die Aufmerk­sam­keit, die das Gedan­ken­spiel der Schaad-Brüder erhält, ist auch deshalb gerecht­fer­tigt, weil sich Aus meiner Haut Zeit lässt, seine Haupt­dar­steller, die Pärchen Tristan (Jonas Dassler) und Leyla (Mala Emde) sowie Fabienne (Maryam Zaree) und Mo (Dimitrij Schaad) in ihren »alten« Rollen einzu­führen und sich dann auch Zeit lässt, diese Rollen in unter­schied­liche Vexier­bilder zu über­führen. Dabei werden natürlich nicht nur die Charak­tere getauscht, sondern auch die Geschlechter und damit die Frage nach Identität und »Heimat« auf mehreren Ebenen durch­de­kli­niert. Das entspricht im Großen und Ganzen den Ergeb­nissen einer Studie des Instituts für Sexu­al­for­schung und Foren­si­sche Psych­ia­trie des Univer­si­täts­kli­ni­kums Hamburg-Eppendorf, die 2017 das repro­duk­tive Verhalten sowie die Auswir­kungen der »neuen Medien« auf die sexuelle Sozia­li­sa­tion von jungen, hoch­ge­bil­deten Erwach­senen unter­sucht hat und gerade bezüglich studen­ti­scher Bezie­hungen jenseits von Mono­se­xua­lität und Monogamie auf sehr ähnliche Schluss­fol­ge­rungen wie Aus meiner Haut kommt.

Was nicht sonder­lich verwun­dert, denn Schaads Film deckt nicht nur die Alters­klasse, sondern auch die Gesell­schafts­schicht der Studie ab, sehen wir zentral vor allem junge und intel­li­gente Menschen mit ihren Bezie­hungen und Lebens­ent­würfen hadern. Das thera­peu­ti­sche New-Age- und Kommu­nen­set­ting, das fast schon ein wenig zu altbacken und stereotyp daher­kommt, tut ein übriges, diese Theorien zu erhärten, und ist alles andere als ein Wider­spruch zum real exis­tie­renden Zeitalter des Internets, denn gerade wer hier gesell­schaft­lich privi­le­giert ist, darf sich auch erlauben, sich den Anfor­de­rungen der Zeit und ihrer Dogmen zu entziehen und ein wenig Körper­tausch und Gender-Swap im analogen Umfeld zu üben.

Was Aus meiner Haut dann viel­leicht neben seinem doch recht brav exer­zierten Gedan­ken­spiel unfrei­willig auch zu einem fast schon visi­onären Drama darüber macht, wer in unserer Gesell­schaft von den neuen Errun­gen­schaften unserer Zeit profi­tiert. Und Aus meiner Haut mit seinen schil­lernden, ruhigen und gesetzten utopi­schen Momenten dann doch näher an einer dunkel-düsteren Dystopie wie dem oben erwähnten »Altered Carbon« ist, als ihm viel­leicht lieb ist.