Review
Avatar: Fire and Ash
»Wir sind eine Familie, keine Demokratie«
»Wir sind eine Familie, keine Demokratie«
James Cameron verschiebt den Fokus seiner Saga vom ethnologischen Staunen zu einem Generationenfilm über Trauer, Selbstermächtigung und familiäre Machtstrukturen. Ein visuell überwältigendes, zugleich erzählerisch vorhersehbares Märchen, das den Gen-Z-Diskurs unserer Gegenwart spiegelt
James Cameron vollendet mit Avatar: Fire and Ash nicht nur eine weitere Etappe seiner Pandora-Saga, sondern verschiebt den inneren Fokus der Reihe spürbar. Wo Avatar: The Way of Water, also Teil 2, noch stark vom ethnologischen Blick getragen war, vom Staunen über Rituale, Körper, Wasser, Clan-Strukturen und eine fast obsessive Lust an der anthropologischen Ausformulierung einer fremden Welt, geht es in Avatar: Fire and Ash weniger um das Fremde als solches. Fire and Ash ist ein Generationenfilm. Und zwar ein dezidiert zeitgenössischer, einer, der seine eigentliche Energie aus einem Gen-Z-Diskurs bezieht, der unserer Gegenwart vertrauter ist als jede Na’vi-Kosmologie.
Ein Jahr nach Neteyams Tod ist Trauer der Grundzustand dieser Familie – und Familie ist bei Cameron längst keine Metapher mehr, sondern das eigentliche politische System. »Wir sind eine Familie, keine Demokratie« könnte als inoffizielles Mantra über diesem Film stehen. Jake Sully (Sam Worthington) bleibt Patriarch, auch wenn seine Autorität sichtbar erodiert. Neytiri (Zoë Saldaña) bleibt emotionale Radikalkraft, aber auch sie wird zunehmend zur Figur einer Vergangenheit, die nicht mehr ausreicht. Die eigentlichen Protagonisten sind längst Lo’ak (Britain Dalton), Kiri (Sigourney Weaver), Spider (Jack Champion), Tuk (Trinity Bliss) – jene Kinder, die nicht mehr einfach nur die Verlängerung elterlicher Ideale sein wollen, sondern ihr eigenes Verhältnis zur Welt suchen. Das Coming-of-Age dieser Generation ist der Kern des Films.
Dass Cameron diesen Generationenkonflikt so offen ins Zentrum rückt, ist kein Zufall. Fire and Ash liest sich streckenweise wie eine mythologisch überhöhte Allegorie auf jene Selbstermächtigung der jungen Generation, die wir in den letzten Jahren zunehmend auf den Straßen Nepals, Serbiens, Madagaskars, Perus, in Protestbewegungen, in globalen Demonstrationen auf unserem ganzen Planeten erlebt haben. Die Alten haben versagt, die Welt steht in Flammen – also müssen die Jungen neue Allianzen, neue Denkweisen, neue Formen von Gemeinschaft erfinden, die immer wieder überraschend konservativ sind. Denn dass die Assimilierung Spiders nur mit Hilfe des Planetenüberwesen bewerkstelligt werden kann und eine wirklich erfolgreiche »Anpassung« eigentlich bedeutet, die Luft Pandoras ohne Atemmaske zu atmen, sich also auch körperlich total dem »Fremden« angepasst zu haben und alle Wurzeln der Herkunftsheimat hinter sich zu lassen, geht schon weiter über das hinaus, was indigene Traditionen gemeinhin fordern. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass Pandora hier weniger als ethnologischer Raum denn als Resonanzkörper unserer politischen Gegenwart benutzt wird. Und das auf eine sehr verquere Art und Weise.
Denn Cameron intensiviert zugleich seine notorische Nähe zu einem ästhetisierten Afro-Kitsch. Die Bedeutung der Ahnen, die konkrete Begegnung mit ihnen, das kollektive Bewusstsein, die strenge Altersklassen- und Gendergliederung – all das wird noch stärker als bislang aus einer subsaharisch-afrikanisch codierten Sozialstruktur gespeist, allerdings ohne deren historische oder politische Brüche mitzudenken. Was früher zumindest noch als neugierige Annäherung an fremde Denkmodelle funktionieren konnte, gerät hier zunehmend zur folkloristischen Überaffirmation. Spiritualität wird zur Erlebnisattraktion, Ahnenkult zum immersiven Setpiece.
Das Narrativ ist bei Cameron wie schon im zweiten Teil sehr zurückgenommen und rückwärtsgewandt. Das dramaturgische Schema ist erneut so vertraut, dass es fast schon tröstlich wirkt: Harmonie, Störung, erster Kampf, Rückzug, erneuter Kampf, totaler Krieg, Finale. Doch anders als in seinen früheren Filmen – selbst noch im ersten Avatar oder Titanic oder gar Alien 2 – wirkt diese Struktur nicht mehr gebündelt, nicht mehr zwingend. Cameron verliert sich zunehmend in der Ausweitung: Naturdokumentarische Exkurse, die an David Attenborough und dessen Stimme hinter der Netflix-Naturdoku-Reihe Unser Planet (Our Planet) erinnern, nehmen Raum ein, den der Film erzählerisch eigentlich nicht hat. Das Staunen kippt ins Saturierte, das Erhabene immer wieder ins Dekorative. Das Sprechen mit den Walwesen ist weniger Offenbarung als Erfüllung einer kitschigen Verheißung, die Cameron etwas zu plakativ vor sich herträgt.
Dennoch ist die technische Virtuosität weiterhin außerordentlich. Das Durchschreiten von Bildschirmen, das permanente Übersetzen zwischen Körpern, Spezies, Wahrnehmungsformen, alles mühsame Handarbeit, wie Cameron in Interviews betont – all das bleibt beeindruckend, auch wenn sich hier wie bei jeder Art von Überwältigungskino schon erste Abnutzungserscheinungen zeigen. Das Staunen wird mehr und mehr zur stoischen Pose. Das liegt auch daran, dass Cameron sich wiederholt, nicht wirklich Neues wagt. Der Body Horror der anderen Spezies ist nach wie vor zwar präsent, allerdings wie immer unter einem ästhetischen Weichzeichner, irgendwo zwischen Bilitis und Hochglanz-Naturfilm. Neu und fast schon irritierend ist eine der wenigen Szenen, die aus dem Rahmen fallen, eine beiläufige Post-Sex-Szene, die kurz daran erinnert, dass diese Körper auch Begehren tragen und nicht nur symbolische Funktionen erfüllen.
Am Ende bleibt Fire and Ash ein schönes, aber mit drei Stunden und zwanzig Minuten Länge auch schwerfälliges Märchen. Eines, das mit seiner Sehnsucht nach einer Welt jenseits neoliberaler Zerstörung nur allzugut in unsere Gegenwart passt. Cameron träumt weiterhin davon, dass wir fliegen dürfen, ohne Konsequenzen tragen zu müssen, dass wir auf Drachen ohne Flugscham über Mother Earth gleiten, ohne unsere eigene Verantwortung reflektieren zu müssen. Pandora ist dabei weniger Utopie als Wunschmaschine. Im Vergleich zu The Way of Water verliert der Film an ethnologischer Neugier, gewinnt aber an zeitdiagnostischer Schärfe. Diese Verschiebung macht ihn immerhin ambivalent. Cameron erzählt nicht mehr vom Anderen, sondern von uns – allerdings erzählt er dabei ein bisschen zu sehr das, was wir ohnehin schon glauben wollen, was den Film bei all seinem Kitschpotential dann auch ein wenig in die Niederungen ungewollter Propaganda führt.