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Review

Avatar: The Way of Water

Der ewige Ethnologe

Filmszene »Avatar: The Way of Water«
Es grünt so blau... (Foto: Disney)

Der ewige Ethnologe

James Camerons Fortsetzung seines großen Erfolges ist technisch überragendes National Geographic- und Western-Kino, erzählerisch aber kaum Neuland

»Oh, Mother Earth
With your fields of green
Once more laid down
By the hungry hand
How long can you
Give and not receive
And feed this world
Ruled by greed«

– Neil Young, Mother Earth

Mit seinem ersten Avatar 2009 über­raschte James Cameron einen Großteil der Fachwelt, denn die wenigsten Kritiker und Produ­zenten sahen in diesem seltsamen Hybriden aus tech­ni­scher 3D-CGI-Angeberei, Science-Fiction und alten Wild-West-Motiven, die dann auch noch mit moderner, ethno­lo­gi­scher Feld­for­schung verschwur­belt wurden, den Film, der er dann wurde – den kommer­ziell bislang erfolg­reichsten Film aller Zeiten.

Und eigent­lich ist damit die Geschichte auch schon erzählt, hätte auser­zählt sein sollen. Aber Cameron konnte und wollte nicht davon lassen, so dass nun, 13 Jahre später, ein futu­ris­ti­scher Dino­sau­rier in die Kinos kommt, der seinen Vorgänger in allem überragen soll. Der wieder in 3D in die Kinos kommt, da kaum noch ein Film in 3D produ­ziert wird, der noch einmal eine halbe Stunde länger ist als die damaligen 167 Minuten, und der tech­no­lo­gisch auf der absoluten Höhe der Zeit ist, was in heutigen Maßstäben nichts anderes bedeutet als das absolute Eindringen des Fremden und Unvor­stell­baren in unsere Realität. Nicht anders als die Freak­shows des frühen 20. Jahr­hun­derts und die Völker­schauen all die Jahr­hun­derte davor.

Auch erzäh­le­risch bewegt sich Cameron auf bewährten, altbe­kannten Pfaden, die aller­dings erweitert werden, um weitere Ziel­gruppen zu erreichen. So war bereits der erste Avatar – Aufbruch nach Pandora ja vorder­gründig eigent­lich nicht viel mehr als eine Nach­er­zäh­lung der modernen Ethno­logie im Gewand ethno­lo­gi­scher Science Fiction. Nicht anders als der Bronislaw Mali­nowski-Schüler Sir Edward E. Evans Pritchard, der als »Colonial Officer« 1926 zu seiner ethno­gra­fi­schen Feld­for­schung zu den Azande im Sudan aufbrach und sich von seinem »Auftrag­geber« mehr und mehr entfrem­dete, so entfrem­dete sich auch Jake Sully (Sam Wort­hington) im ersten Teil von seinem mili­täri­schen Umfeld. Durch seine teil­neh­mende Beob­ach­tung fühlte er sich mehr und mehr zu den »beforschten« Na’vi auf dem Planeten Pandora hinge­zogen, um sich dann sogar ganz auf ihre Seite zu schlagen, um schließ­lich über eine körper­liche Trans­for­ma­tion nicht nur mehr Avatar, sondern ganz ein »Wald­mensch« zu werden.

Der zweite Teil setzt nahezu nahtlos hier an, gerade mal zehn Jahre später, nur hat Jake inzwi­schen auch Kinder mit seiner großen Liebe Neytiri (Zoe Saldana) aus dem ersten Teil. Aber wie das nun mal so ist im Leben, ist das Glück nur von kurzer Dauer, kommt das im ersten Teil geschla­gene Militär zurück auf den Planeten und wieder­holt sich grund­sätz­lich das, was wir auch schon im ersten Teil gesehen haben, greift Cameron auch hier die klas­si­schen Western-Motive ab, sind die »Indianer« von damals, die in den alten und neuen Western mit Pfeil und Bogen gegen Soldaten mit Gewehren und Kanonen gekämpft haben, jetzt die auf drachenähn­li­chen Tieren flie­genden, indigenen Na’vi, die sich gegen die hoch­tech­no­lo­gi­schen Waffen und eine zutiefst martia­li­sche Marine-Moral vertei­digen müssen. Das ist tief verwur­zeltes Americana und wird auch im zweiten Teil konse­quent und ganz genauso bedient.

Und auch in Avatar: The Way of Water lässt Cameron seinen Helden das tun, was er am besten kann: Als Ethnologe (dieses Mal aller­dings mit Familie) neue Ethnien erfor­schen. Aus den Wäldern geht es deshalb auf die Meere, zu Ethnien, die nicht anders als Bronislaw Mali­now­skis berühmt-beforschte Trobri­ander, eigent­lich in völligem Frieden leben und auch sonst wie die Trobri­ander aussehen und in Häusern leben, die der klas­si­schen Archi­tektur der indigenen Völker auf der Salo­monsee gleichen. Doch das war es dann auch schon, denn anders als bei den Trobri­an­dern, wo Matri­li­nea­rität herrschte und Frauen wichtige Posi­tionen in der Gesell­schaft zuge­ordnet wurden, repro­du­ziert Cameron alte westliche Gender­ste­reo­typen.

Aber immerhin bietet Cameron dann wenigs­tens hier all das auf, was heut­zu­tage technisch möglich ist, verliert er sich in Unter­wasser- und Über­was­ser­fahrten, die immer wieder an die Ästhetik der spek­ta­kulären Natur­filme von National Geogra­phic erinnern, aber hier durch die Anders­ar­tig­keit der Indigenen und beein­dru­ckendes CGI und Motion Capture ein erheblich stärkeres Eska­pis­mus­po­ten­tial besitzen. Mit dem Wasser wird das Thema der Kern­fa­milie durch ein mantra-artiges »Blut ist dicker als Wasser« akzen­tu­iert und mehr schlecht als recht mit dem schon im ersten Teil aufge­bauten Mutter-Erde-Gaia-Topos verwursch­telt – oben drauf gibt es dann noch ein paar Sprengsel C.G. Jung und kollek­tives Unbe­wusstes.

Aber das wäre natürlich zu wenig Neuland, selbst für eine Fort­set­zung. Cameron lässt es tatsäch­lich nicht dabei, sondern will mehr. Er ist dabei fast so gierig wie das nächste große Motiv, das er sprich­wört­lich ins Rennen wirft, den ganz großen Herman Melville und seinen Moby Dick und in alles über­ra­gender Position einen Kapitän Ahab, der hier so wie in Melvilles Roman einen weißen Wal jagt.

Sehr offen­sicht­lich instru­men­ta­li­siert Cameron den weißen Wal ganz im Sinne der Gaia-Hypothese der Mikro­bio­login Lynn Margulis und des Chemikers, Biophy­si­kers und Medi­zi­ners James Lovelock, ist der Riesen­fisch aka Wal die leidende Erde und mit allem vernetzt. Ahab hingegen ist klas­si­sche Kapi­ta­lis­mus­kritik, die ewige Gier der Mensch­heit, die auch hier von dem Wal nichts anderes will, als was zu Walfang­zeiten die Menschen wollten, auch wenn es den eigenen Untergang bedeutet. Was in Camerons Zukunft noch einmal bedroh­li­cher ist, da die Erde kurz vor dem Kolla­bieren steht und Pandora als Zufluchtsort der Über­le­benden gedacht ist und wir damit natürlich auch ein wenig Umwelt­ak­tio­nismus im Story­board inklu­diert haben.

Das sind viele Ideen und eine wirklich aufrei­bende Ziel­grup­pen­ar­beit, in die man sich natürlich immer weiter vertiefen darf – ist der hier im Panorama-Schlacht­format gezeigte Kampf natürlich auch der ewige Konflikt Davids gegen Goliath, sitzen damit auch die Ukraine und Russland und Eritrea gegen Äthiopien mit im Boot. Und gibt es natürlich noch viel mehr zu deuten und zu denken, auch über unsere Väter und ob es nicht besser wäre, seine Väter gar nicht erst zu kennen, wenn es darum geht, Mutter Erde zu beschützen.

Avatar: The Way of Water versucht selbst­ver­s­tänd­lich an allen erzäh­le­ri­schen Ecken und Enden dieses Konvolut aus Bezügen und theo­re­ti­schem Ballast über emotio­nale Fall­stricke aufzu­fangen. Doch wer ins Kino geht, um Filme nach einer Tränen­skala zu bewerten oder mit Cameron stets gern unter sein Niveau gegangen ist, dürfte enttäuscht werden, wirkt selbst das Sterben nur wie ein Opfer der Technik und eines völlig ausras­tenden Gedan­ken­dä­mons. Da hilft auch nicht, dass Cameron sich selbst zitiert und in einer langen Titanic-Sequenz endlich die Familie rettet, die auf der Titanic keine Zukunft hatte.

Dafür bleibt das ganz große Block­buster-Staunen, auch über dann schon fast bizarre Anspie­lungen wie die »Unter­was­ser­szene« in Apoca­lypse Now, aber auch das ist Avatar: The Way of Water natürlich, nicht nur der ewige Ethnologe, sondern auch die Geschichte vom ewigen Wider­stand. In der Vergan­gen­heit genauso wie in unserer Gegenwart und erst recht in der Zukunft auf irgend­einem verdammten Planeten.