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Review

Avengers: Endgame

No one's ever really gone

Die Masse macht’s?

No one's ever really gone

Am Ende von Avengers: Infinity War sitzt der kosmische Ober­bö­se­wicht Thanos in tiefer innerer Befrie­di­gung vor einem male­ri­schen, fast schon kitschigen Land­schafts­idyll, im Wissen, sein Lebens­werk vollendet zu haben – nämlich die Hälfte aller Lebewesen auszu­lö­schen. Es war klar, dass das Ableben von Helden wie Spider-Man und Black Panther nach ihren jeweils sehr erfolg­rei­chen Debüts nicht von Dauer sein würde. Bei den Veteranen des Marvel Cinematic Universe stellt sich schon eher die Frage nach der Zukunft – mit diesem Film sind die Verträge von Robert Downey, Jr., Chris Evans und Chris Hemsworth erfüllt.

Vor seiner größten Zäsur steht das MCU somit, nach elf Jahren und 22 Filmen – ein mega­lo­ma­ni­sches Unter­fangen, das das Gegen­warts­kino nach­haltig geprägt hat. Super­helden wurden zur wert­vollsten Währung in Hollywood, Hits mit flie­genden Über­men­schen werden in Serie produ­ziert, selbst in dem tradi­tio­nell nicht als starken Superhero-Markt geltenden Deutsch­land haben sich die Marvel-Helden mitt­ler­weile als Kassen­ma­gneten etabliert, sich ihre Ziel­gruppe quasi selbst geschaffen, das kine­ma­to­gra­fi­sche Bewusst­sein einer ganzen Gene­ra­tion mitge­staltet. Einen größeren Anspruch als gut gemachte Popcorn-Filme zu sein, haben diese Filme dabei nicht, nicht selten sind sie austausch- und vorher­sehbar.

Avengers: Endgame ist der epische Schluss­punkt der soge­nannten »dritten Stufe« des MCU und schlägt gleich­zeitig den Bogen zurück zu dessen Anfängen. Übrig geblieben nach Thanos' fataler Reini­gungs­ak­tion sind die sechs ursprüng­li­chen Avengers, die mit den kata­stro­phalen Folgen ihres Schei­terns auf einer wie verwaist schei­nenden Erde umzugehen lernen müssen. Jedes Mitglied tut dies auf seine sehr indi­vi­du­elle Weise. Natürlich finden diese Sechs und ihre Verbün­deten einen Weg, sich ein weiteres Mal zusam­men­zu­raufen und die Gescheh­nisse rück­gängig zu machen. Mit welchen Mitteln sie das schaffen, über­rascht nicht. Logik­pro­bleme sind hierbei einkal­ku­liert. Jedoch wird diese Ausgangs­si­tua­tion für Marvel-Verhält­nisse kreativ und intel­li­gent weiter­ge­sponnen, denn bis es zum unaus­weich­li­chen finalen Konflikt kommt, werden in mehreren Erzähl­strängen neben der äußeren Action sowohl die als bekannt voraus­ge­setzten (Vor-)Geschichten der Figuren und auch die des MCU, nicht ohne augen­zwin­kernde Selbst­re­fe­ren­zia­lität, mitver­han­delt. Dieser Film macht von Anfang an klar, dass er zwar in einer Konti­nuität steht, aber doch ganz anders als seine Vorgänger ist.

Überhaupt ist die Seria­lität elemen­tarer Bestand­teil des Zuschau­er­ver­trags: Wer Infinity War nicht gesehen hat, hat von Endgame wenig. Auch die Kenntnis der anderen Filme ist sehr zu empfehlen, denn Endgame steckt keine Sekunde seiner Erzähl­zeit in Expo­si­tion. Etwa drei Stunden haben sich die Regis­seure Anthony und Joe Russo für dieses letzte Kapitel der sich über mehrere Filme erstre­ckenden »Infinity-Stones«-Saga gegönnt, und diese Zeit ist sinnvoll genutzt. Lobens­wer­ter­weise versucht der Film nämlich gar nicht erst, den bis zur völligen Konfusion action-orien­tierten Vorgänger in ebenjener Hinsicht zu über­trumpfen, sondern inves­tiert seine Zeit vielmehr in die Figuren. Wo Infinity War von einer Schnit­zel­jagd auf bunte Steine handelt, in der die Helden gegenüber dem Antago­nisten ein verschwin­dendes Profil aufweisen, stehen im neuen Film die persön­li­chen Geschichten der sechs »alten« Avengers im Fokus; die Vergel­tung an Thanos bietet nur den äußeren Rahmen, und dies kommt dem Film sehr zugute. Man fühlt sich an den Mecha­nismus von Quentin Taran­tinos Zwei­teiler Kill Bill erinnert: Der geerdete Grundton des Sequels bringt das vogel­wilde Spektakel des Vorgän­gers erst in eine dringend notwen­dige Balance.

Es ist faszi­nie­rend zu sehen, mit welcher Selbst­ver­s­tänd­lich­keit die Autoren davon ausgehen können, dass ihr Publikum die Figuren kennt und mag. Hier verschmelzen drama­ti­sches und episch-serielles Erzählen in zuvor im Kino kaum gesehener Weise – drama­ti­sche Spitzen nähren sich aus einer über elf Jahre miter­lebten Vorge­schichte. Sicher darf man keine Charak­ter­zeich­nungen à la Kazan erwarten, denn es muss eine Vielzahl an heroi­schen Figuren mit ihren comic­ty­pisch-über­le­bens­großen Dilemmas über­zeu­gend geführt werden, und zwar am besten so, dass minder­jäh­rige Fans nicht früh­zeitig von Bord gehen. Der Film nutzt dann auch ausgiebig erzäh­le­ri­sche Klischees, um seine Ziele möglichst ökono­misch zu erreichen. Dies ist eine perfekt geschmierte Maschine in einem Milli­ar­den­fran­chise, die liefern muss. Nichts­des­to­trotz hat der Film recht hohe Ambi­tionen fürs Genre, und verhebt sich nicht daran. Man fühlt sich als erwach­sener Zuschauer tatsäch­lich ernst genommen, weil Themen wie Verant­wor­tung und Schuld nicht routi­niert abge­han­delt werden, sondern den ganzen Film über stark präsent sind, ihm eine Grun­die­rung geben.

Am Ende häutet sich das MCU, lässt das Alte hinter sich, um Platz für das Neue zu schaffen. Avengers: Endgame ist aus diesem Grund auch für Kino-Inter­es­sierte jenseits der Fan-Community sehens­wert: es ist ein Film über Abschiede. Es gibt lauter kleine, und einige große davon zu sehen. Abschiede, die eine emotio­nale Gravitas aufweisen, weil sie sich auf mensch­liche Bezie­hungen gründen. Da erscheint es wie göttliche Fügung, dass der im November verstor­bene Marvel-Übervater Stan Lee in diesem Film den letzten seiner obli­ga­to­ri­schen Kurz­auf­tritte hat. Plötzlich denkt man wieder an Luke Skywalker, der tref­fen­der­weise bemerkt: »No one’s ever really gone«. Das gilt im Kino allemal.