Review
Babygirl
Sind sexuelle Vorlieben ein Skandal?
Sind sexuelle Vorlieben ein Skandal?
Halina Reijn bringt das Erotikdrama zurück auf die Kinoleinwand. Dabei scheitert sie jedoch an modernen Ansichten zu Sexualität
Die große Zeit des Erotikdramas im Kino ist inzwischen längst vergangen. In den 80er und 90er Jahren galten Filme wie Basic Instinct oder Eine verhängnisvolle Affäre als Tabubrüche, die eine Prise Leidenschaft und Erotik auf die sonst sehr brave Hollywood-Leinwand zauberten. Nachdem Genre-Altmeister Adrian Lyne zuletzt mit Tiefe Wasser an einem Revival des Genres scheiterte, schickt sich nun die Niederländerin Halina Reijn an, den Erotikthriller wieder salonfähig zu machen. Dabei hat sie jedoch ein großes Problem – wir schreiben das Jahr 2025. Wäre dieser Film mit Starbesetzung vor 35 oder 40 Jahren erschienen, hätte er vermutlich das Potential für einen Skandalfilm gehabt. Durch die sozio-kulturelle Entwicklung von Sexualität und dem Umgang der Gesellschaft mit ihr liest sich Babygirl eher wie eine behäbige Fan-Fiction oder Schuljungen-Fantasie.
Dabei spielt Nicole Kidman als toughe CEO Romy so stark auf wie lange nicht. Sie setzt sich dabei auch mit ihrer eigenen popkulturellen Rezeption auseinander, wenn ihre Film-Tochter findet, dass Romy durch Botox-Eingriffe »komisch« aussieht. Dies aber wird nur angespielt. Damit entfällt die filmische Katharsis wie zuletzt für Demi Moore in The Substance. Für einen derartigen offensiv-ironischen Umgang mit der eigenen Person fehlt es hier außerdem an Ironie und Innovation. Ebenso werden die Rolle der Frau in der Businesswelt, eingeschlafene Leidenschaft im Eheleben oder Sexismus am Arbeitsplatz nur beiläufig erwähnt. Der Fokus des Films liegt auf der Leidenschaftsbeziehung zwischen Romy und Samuel (Harris Dickinson), einem Praktikanten aus ihrer Firma. Mit seinem dominanten Verhalten fordert er sie heraus, wogegen sich Romy zunächst wehrt. Die sexuelle Erfüllung aber findet sich, die ihr das Leben mit ihrem Ehemann (Antonio Banderas) nicht bietet. Die Chefin und der Praktikant: Schon klar, die Affäre der beiden basiert auf einem umgestülpten Dominanzverhältnis zur Realität des Arbeitslebens.
Romys Fantasien werden dem Zuschauer noch deutlicher gemacht, wenn wir zu Beginn und am Ende einen Hund sehen, der von Samuel liebevoll gestreichelt wird. Diese Metapher wirkt jedoch eher albern, und auch sonst bietet der Film kaum ästhetische Schauwerte. In kühler Thriller-Optik (Kamera: Jasper Wolf) verfolgen wir die Affäre der beiden. Anspannungen am Arbeitsplatz und in Romys Privatleben folgen. Für den großen Skandal oder Tabubruch geht es aber deutlich zu brav zu, während für eine psychoanalytische Auseinandersetzung den Figuren die Tiefe und Komplexität fehlt. Wirklich aus sich heraus kommt der Film nur, wenn Romy und Samuel in einem Club in Ekstase durch die verschwitzte Menge und flackerndes Licht tanzen. Hier spürt man einen Hauch von Leidenschaft, der jedoch ebenfalls schnell verfliegt.
Alles in allem bemüht sich der Film, nach mehr auszusehen, als er ist. Während die Schauspieler allesamt eine gute Leistung zeigen, allen voran Nicole Kidman, die den Film auf ihren Schultern trägt, kommen sie gegen das Drehbuch und die eindimensionalen Figuren nicht so recht an. Schließlich findet man sich in einem allzu braven Erotikdrama wieder, einem Thriller, der in der Redundanz der Szenen langweilt, und die Figuren in merkwürdige, nicht genug ausgearbeitete Konstellationen schickt. Das lässt erstaunlich unberührt. Nachwirkend bleibt die Frage, ob Erotik im Kino überhaupt noch zum Skandalfilm reicht. So sind doch Themen wie hierarchische Vorlieben beim Sex schon längst kein gesellschaftliches Tabu mehr, sondern eher eine Frage der persönlichen Präferenz. Was wollte der Film gleich nochmal?