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Review

Bad Director

Sinnkrise eines Ekelpakets

Filmszene »Bad Director«
Die Selbstverfickung des Regisseurs (Foto: Nachtlicht Film)

Sinnkrise eines Ekelpakets

Oskar Roehlers neue Filmbranchen-Satire ist der müde Versuch eines Skandalfilms

Mit Franz Kafka wurde schon oft Schind­luder getrieben und Bad Director ist die nächste Anmaßung, die mit ein paar ober­fläch­li­chen Anleh­nungen an die Texte und Gedan­ken­welten des Schrift­stel­lers Bedeutung, Sinn und Schwere zu schaffen meint. Gregor Samsa, so heißt Oskar Roehlers Prot­ago­nist, also wie die Haupt­figur aus Kafkas »Verwand­lung«. Deren sinn­bild­li­ches Unge­ziefer mimt Oliver Masucci als grimas­sie­rendes Männer-Monstrum: ein dauer­kei­fender, rück­sichts­loser, aus der Zeit gefal­lener Wüterich, der Hass­ti­raden, Belei­di­gungen und allerlei Selbst­mit­leid durch seine Zähne presst.

Samsa ist Regisseur; wieder eine Künst­ler­ge­stalt! Zuletzt insze­nierte Roehler mit Enfant Terrible ein Biopic über Rainer Werner Fass­binder (ebenfalls von Masucci gespielt), das mit dem Image dieser Berser­ker­figur des deutschen Films spielte. Enfant Terrible war ein schrilles Spektakel über Bilder und Mythen, betont künstlich, verfremdet, überzogen. Unbequem, provokant, weil er das künst­le­risch Radikale mit Ausbeu­tung, Demü­ti­gung, Schmerz verzahnte und zeigte, wie einer sich und sein Umfeld zu Grunde richtet, sich in seiner exzen­tri­schen Blase verliert und trotzdem oder gerade deshalb zur Ikone wird. Wider­sprüche, die es auszu­halten und zu disku­tieren galt.

Oskar Roehlers neuestes Werk erscheint nun wie eine Weiter­schrei­bung und ein Spie­gel­bild dieses Films. Und wie die Bana­li­sie­rung dessen, was längst gesagt und verstanden wurde. Die Ikone blickt jetzt ihrer Karikatur entgegen. Erneut ist ein unge­wöhn­li­cher, impul­siver Film heraus­ge­kommen. Ja, aber kein geist­rei­cher und, ehrlich gesagt, auch kein sonder­lich inter­es­santer. Wer die beschrie­benen Wider­sprüche nicht aushalten kann oder nicht an einer sinnigen Argu­men­ta­tion inter­es­siert ist, kann hier einer bere­chen­baren Selbst­geiße­lung zusehen.

Der abdan­kende Großkünstler

Roehlers Polemik ist so tumb, kindisch und ideenarm auf Krawall gebürstet, dass man eigent­lich die Flucht ergreifen möchte. Es ist ein Tiefpunkt in seiner Filmo­gra­phie. Die Moment­auf­nahme eines Provo­ka­teurs, der eigent­lich keiner mehr ist, sondern mit diesem Film allerlei Pein­li­ches serviert. Verlangte Enfant Terrible noch eine Haltung zu seinem Prot­ago­nisten, sind in Bad Director letztlich alle Grautöne und offenen Fragen getilgt. Alles ist mit dem ersten Auftritt dieses Gregor Samsa offen­kundig und wird einem hinterher bis zum Erbrechen wieder und wieder in den Schlund gestopft. Es geht nur noch darum, kollektiv in nebulösem Welt­schmerz, Menschen­feind­lich­keit und anti­in­tel­lek­tu­eller filmi­scher Gran­tig­keit zu baden.

Seht her, sagt Roehlers Werk, dieses Ekelpaket, diese mickrige und traurige Gestalt, dieses Scheusal und Abzieh­bild des alten, weißen Mannes! Solche Kreaturen drehen eure Filme und werden für die große Kunst gefeiert! Und rings herum sieht es kaum besser aus. Also schickt er alles vor die Hunde. Was soll ihm sonst übrig bleiben? Die Verwand­lung ist vollzogen: Aus dem zwie­späl­tigen Künstler und seinen Bildern ist die bloße Hassfigur geworden, die es zu zerfetzen gilt. Und die unter­ge­hende Welt, der sie angehört, gleich mit. Es ist der Film, den man wohl erwartet, wenn man den Titel der Roman­vor­lage kennt: »Selbst­ver­fi­ckung«, von Roehler selbst verfasst. Nur braucht auch die nieder­träch­tigste und zerstö­re­rischste Lust am Untergang, auch die spitzeste Beschimp­fung hin und wieder einen klugen Gedanken, sofern sie nicht bloß leere und ermüdende Veraus­ga­bung bleiben will.

Regisseur wird man für Geld und Frauen, heißt es dort. Keine Ideale, nirgends. Die wenigen verblei­benden verenden im Medi­ka­men­ten­miss­brauch, in Über­las­tung, Groll, Stress, Zank und Zeter. Dampf wird im Bett abge­lassen: Roehler zeigt seinen Anti­helden ausgiebig bei den Versuchen eines Sexu­al­le­bens. Eine belesene Prosti­tu­ierte dient ihm dabei als Fetisch. Beim unbe­hol­fenen Akt stöhnt Gregor nun niederste Gespinste, Degra­die­rungen und Sexismen in die Welt. Eine Abscheu­lich­keit nach der anderen wird ihm abge­rungen. Es geht um Herren­rassen- und Zucht­fan­ta­sien. Rollen­spiele werden im Bordell ausagiert und nie hält die Befrie­di­gung lange an. Wenn einem sonst nichts einfällt, wie man Empörung hervor­rufen und seine abge­ranzte Haupt­figur sezieren kann, außer sie minu­ten­lange und immer­gleiche Alther­ren­fan­ta­sien krakeelen zu lassen, befindet sich die Mechanik dieses Films viel­leicht grund­sätz­lich auf dem Holzweg.

Tabu­brüche, die ins Leere laufen

Bad Director lässt überhaupt kein Gespür erkennen, wie sich noch irgend­eine clevere Provo­ka­tion kreieren, irgendein anre­gender Gedanke fassen lässt. Seine selbst­zweck­haften Tabu­brüche, die nach so etwas wie politisch inkor­rektem – ein hohler Kampf­be­griff – Humor streben, bergen weder echte Pointen noch lassen sie Spielraum für Zweifel an ihrer Verächt­lich­keit. Entlarvt wird damit nur, was ohnehin ersicht­lich ist. Sie dienen dazu, Gregor Samsa als Typus weiter zu ernied­rigen, häss­li­cher erscheinen zu lassen, unscharfe, abge­grif­fene und platt verall­ge­mei­nernde Thesen über den ach so pene­tranten Kunst­be­trieb zu bestä­tigen – bis zum konse­quent unrühm­li­chen Ende. Zumindest eines führt er passend vor: Dieje­nigen, die sich gern als erbit­tertste Gegner einer über­sen­si­blen, gereizten Gegenwart insze­nieren, sind am Ende die empfind­lichsten Schnee­flo­cken von allen. Nur: Braucht es für derlei Erkennt­nisse das Kino?

Meta wollen viele sein. Diverse Filme wollten in den letzten Jahren die Welt der Künste demas­kieren und darunter die pure Verkom­men­heit hervor­kehren. Zu oft entsteht dabei ein Schen­kel­klopfer für Einge­weihte, der sich kurz selbst­re­flexiv gibt, bevor alles wieder zum Tages­ge­schäft übergeht. So versteckt auch Bad Director ein paar augen­schein­lich verschlüs­selte Refe­renzen und auto­fik­tio­nale Elemente in seinen Szenen; konkrete Benen­nungen innerhalb der deutschen Filmblase traut man sich aber doch kaum. Dafür ist es viel zu leicht, wie sich hier alle auf den Feind des alten Perversen einigen können, ohne dass jemand wahrlich Unge­müt­li­ches zu befürchten hat.

Ein Narr blickt auf das Film­ge­schäft

Nur wenige starke Momente lassen Potential erkennen, Masuccis Figur tatsäch­lich als ungreif­baren Narren zwischen den Welten wandeln zu lassen. Wenn sich das Künst­liche der Kunst in etwas Laby­rin­thi­sches, schummrig Irrlich­terndes verwan­delt, das Räume verschwimmen lässt – auch das soll wohl von Kafka entlehnt sein. Oder wenn Dreh­buch­le­sungen, Detail­pla­nungen und Spiel­proben an den Rande des Nerven­zu­sam­men­bruchs gehen, wenn das Streben nach Authen­ti­zität zu skur­rilsten Forde­rungen und Techniken führt. Das sind Szenen, in denen sich spannende Beob­ach­tungen auftun könnten, die auf Struk­turen abseits der schlichten Selbst­be­spie­ge­lung einer Branche verweisen, welche ihren eigenen Irrsinn viel­leicht ein wenig zu ernst nimmt.

Bad Director sägt seine vorhanden Sprung­bretter nur immer wieder ab, weil ihm die Tragödie des abge­wirt­schaf­teten, entfrem­deten Mannes in einer Macht­po­si­tion genügt. Da er seinen Einfluss und Hand­lungs­spiel­raum schwinden sieht, erliegt er seinen Trieben und Neurosen. Gewettert wird gegen den Schein, man ist wütend, unzu­frieden, zeigt trotzig auf alles und jeden, den vermeint­li­chen Wahnsinn des ganzen Personals, der das Genie an der Arbeit hindert. Schluss­end­lich trägt Roehlers Film ein einziges großes Strohmann-Argument vor, das die Welt eher brennen sehen will, anstatt ihr noch irgend­etwas entge­gen­zu­setzen. Möglich­keiten von Kunst spielen in diesem Estab­lish­ment sowieso keine Rolle mehr. Sie ist nur noch als Waffe auf sich selbst gerichtet.

Das Kino ist nach Bad Director totgesagt, es bietet keine Perspek­tive mehr. Insofern macht Roehler keine halben Sachen. Seine Hass­ti­raden errichten einen Panzer um sich selbst, der alles Wahr­haf­tige, unsicher Zwei­felnde, Irri­tie­rende in einer bruch­si­cheren Hülle einsperrt. Wie sein Prot­ago­nist: Zum Leben dort draußen, abseits der Set-Laby­rinthe, Empfänge, Puff- und Hotel­zimmer, kennt Bad Director keinen Bezug mehr. Alles ist ihm vergebens. Also bleibt ihm nur die »Selbst­ver­fi­ckung« des eigenen Unver­mö­gens.